Netflix-Film „Night in Paradise“: Von Gangster zu Gangster

Der Regisseur Park Hoon-jung will in seinem Thriller das Bild des ehrenhaften Ganoven reanimieren – und verharrt in einem unzeitgemäßen Männerbild.

Filmstill aus "Night in Paradise". Im Vordergrund sitzt der Protagonist Tae-gus im Regen

Der resignierte Killer Tae-gus in „Night in Paradise“ Foto: Netflix

In Tae-gus (Eom Tae-goo) Welt gehört die Farbe Rot nur zu einem einzigen Ding: Blut. Alles andere um den Gangster, der nach Jahren der illegalen Arbeit aus den mafiösen Strukturen einer südkoreanischen Untergrundgang in Seoul aussteigen möchte, ist dunkelblau, grau, grün oder gelb – die Häuser, die verregneten Straßen, die Drachentattoos auf den muskulösen, matt schimmernden Rücken von Tae-gu und seinen Kollegen.

Zu sehen bekommt man diese Rückendekorationen, nachdem Gelbtupfer im Film des Regisseurs Park Hoon-jung auftauchten. Tae-gu hat gerade seine kranke Schwester und deren kleine Tochter verabschiedet, als diese ermordet werden.

Während die leuchtend gelben Schutzwesten der Helfer den Tatort sichern, sitzt Tae-gu neben den Leichen am Straßenrand. Kurz darauf, bei der Rache am Boss einer konkurrierenden Gang, den er für den Mord an seinen Verwandten verantwortlich macht, lässt er die Wände einer Sauna von der Farbe Blutrot triefen.

Als Tae-gu später vor dem Gegenschlag auf die Vulkaninsel Jeju geflüchtet ist, leuchtet wiederum etwas Rotes auf. Diesmal sind es die Lippen von Jae-yeon (Jeon Yeo-been), der todkranken Tochter eines dort lebenden Waffenhändlers. Aber nach den Genre-Gesetzen, die in Park Hoon-jungs düsterem Neo-Noir-Thriller gelten, verheißt das natürlich nichts Gutes.

In „Night in Paradise“ sterben Menschen wie Fliegen

Die Menschen sterben in „Night in Paradise“ wie die Fliegen. Ein „Body Count“ würde vermutlich dreistellig ausfallen. Mit eleganter und anachronistischer Lässigkeit versucht der Regisseur, das fiktive Bild des ehrenhaften Gangsters zu reanimieren, der zwar mit Messer und Pistole einen Massenmord nach dem anderen begeht und dabei kaum die Miene verzieht, der jedoch angesichts einer todgeweihten Frau verlegen wird.

Denn Jae-yeon ist ungewöhnlich – entweder quatscht sie so lange, bis er mit ihr „Mulhoe“ probiert, eine tintenfischige Spezialität der Insel, oder sie schlummert, geschwächt durch die Krankheit und ihren trotzigen Alkoholkonsum, während der Fahrt in seinem Auto ein.

„Night in Paradise“. Regie: Park Hoon-jung. Mit Eom Tae-goo, Jeon Yeo-been u. a. Südkorea 2020, 131 Min. Läuft auf Netflix

„Night in Paradise“ behandelt somit auf der einen Seite das Thema Vergänglichkeit und untersucht andererseits über ein paar dramaturgische Umwege, wie lange man seine „Ehre“ angesichts des sicheren, nahenden Todes – bei Tae-gu ist es eine Frage der Geschicklichkeit seiner Gegner, bei Jae-yeon eine Frage des Voranschreitens der Krankheit – verteidigen kann oder muss.

Auf der bildlichen Ebene wirken die strategisch gefilmten und choreografierten Tötungsszenen dabei wie makabre Ballettstücke – der Tod tanzt sich in rasender Pistolenkugel-Geschwindigkeit von Gangster zu Gangster, von Brust zu Brust.

Ambivalente Gewaltästhetisierung

Atempausen gibt es nur wenige – und dass diese nicht in einer kitschigen Liebelei versinken, sondern allerhöchstens einen Anflug von „mutual understanding“ zwischen den Hel­d:in­nen erahnen lassen, ist konsequent. Einem genretypischen Gangster-Thriller kann man die Mordlust seiner Prot­ago­nis­t:in­nen kaum vorwerfen.

Durch die Ausweglosigkeit, die sämtlichen Figuren innewohnt, von der todkranken Schwester über die todkranke Jae-yeon bis hin zum von Eom Tae-goo überzeugend-emotionslos gespielten Gangster, wandelt sich die ambivalente Gewaltästhetisierung jedoch schnell zu einer ärgerlichen Gewaltbefürwortung: Jene merkwürdige Ehre, das wird in einem Showdown klar, für den die vorherigen Massaker quasi Aufwärmübungen waren, ist dann doch wichtiger als alles andere – gut einschlafen lässt sich’s nur, wenn man alle Fliegen totgeschlagen hat.

Mit dieser altmodischen und blutdürstigen Haltung vergibt sich der Film den Anschluss an die Moderne, und verharrt in einem selbst für das Genre unzeitgemäßen Männer-, Frauen- und Gangsterbild, das keine Entwicklungen, keine Erkenntnisse und erst recht keine Versöhnung zulässt.

Dass „Meister Ma“, der „Don“ der mit Tae-gus Leuten konkurrierenden „Bukseong“-Gang, in einem zentralen Gespräch sogar in seiner Haltung die aus Mafia-Filmen bekannten „Dons“ kopiert, wirkt zwar wieder spielerisch – als ob der Regisseur darauf hinweisen möchte, woher seine Faszination an blutigen Rachestreifen ursprünglich kommt.

Doch im Ganzen ist die stilisierte, schummerige Ästhetik von „Night in Paradise“ zu wenig, um die unverhohlene Gewaltorgie zu tarnen. Und dass es selbst auf der malerischen Insel dermaßen oft Bindfäden regnet, macht es nicht besser.

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