Erster Tag beim Filmfestival in Venedig: Pünktlicher Start, Filme ohne Fahrt

Die Festivalerfahrung in Venedig ist surreal. Aber alle sind auch euphorisch, dass es tatsächlich losgeht. Schließlich gibt es real Filme zu gucken.

Tilda Swinton sitzt im Publikum in einem Kinosaal und trägt eine Mundschutzmaske

Wieder im Kino: Schauspielerin Tilda Swinton bekommt in Venedig den Ehrenlöwen für ihr Lebenswerk Foto: Domenico Stinellis/ap

So ganz will man es selbst noch nicht glauben, aber das Festival läuft. Sogar sehr gut. Am ersten Tag gleich starten die Filme pünktlich, trotz Abstandsregeln ist es durchaus möglich, Menschen im Kinosaal zu treffen, und unter den Anwesenden spürt man die Euphorie darüber, dass man an dieser doch sehr ungewöhnlichen Erfahrung teilhaben kann.

Zum ungewöhnlichen Charakter gehört, dass insgesamt weniger Betrieb auf dem Festivalgelände herrscht. Auf dem gesamten Lido merkt man eine auffällige Ruhe. Wo sich sonst auf den Straßen Festivalbesucher und Touristen drängen, ist jetzt viel Platz. Am Strand dominiert der Sand, kaum Menschen am Wasser.

Alles sieht vertraut und doch sehr anders aus. Ein nahezu surreales Erlebnis im realen Raum, dazu die eher bürokratische Erfahrung im digitalen Raum, dass man jeden Kinobesuch im Voraus buchen muss. Der spontanen Entscheidung, einen Film etwa auf Empfehlung zu sehen, was eigentlich auch zu so einem Festival gehört, ist das nicht förderlich.

Was die Filme des Eröffnungstags betrifft, gab es da noch Luft nach oben. Die Reihe „Orizzonti“ startete am Dienstag mit „Mila“, dem Spielfilmdebüt des griechischen Regisseurs Christos Nikou. Ein namenloser Mann mittleren Alters (Aris Servetalis) verlässt darin eines Tags seine Wohnung, steigt in einen Bus und schläft während der Fahrt ein. An der Endstation weckt ihn der Busfahrer, fragt, wo er aussteigen wollte. Der Mann weiß es nicht mehr. Auch nicht, wie er heißt.

Im Krankenhaus, wo der Mann landet, erfährt er, dass es dort viele Fälle von Amnesie gibt. Die Krankheit breitet sich seuchenartig unter der Bevölkerung aus. Da er keine Papiere bei sich hatte, niemand seinen Namen kennt, bleibt er erst einmal im Krankenhaus. Irgendwann bietet ihm eine Ärztin ein Programm an, das ihm eine „neue Identität“ ermöglichen soll.

Eine gute Idee entfaltet wenig Leben

„Mila“, auf Deutsch „Äpfel“, folgt diesem Mann bei den oft absurden Aufgaben, die er erledigen und mit einer Polaroidkamera fotografisch dokumentieren soll. Viele Aufgaben dienen der Kontaktaufnahme. Nach einem Kinobesuch spricht ihn eine Frau an, die ebenfalls mit einer Polaroidkamera unterwegs ist. Sie werden fortan ein Stück ihres neuen Identitätswegs gemeinsam gehen.

So leblos und apathisch, wie die Menschen im Film agieren, geriert sich auch dieser. Er bleibt auf Distanz zu den Figuren, wirkt teilnahmslos-beobachtend und farblos. Sein lakonischer Witz wird dabei irgendwann seriell, ohne an Fahrt zu gewinnen. Ein bisschen fühlt es sich an wie eine gute Idee, die zwar gründlich bearbeitet wurde, doch auf der Leinwand kein eigenes Leben entfalten will. Ein Stimmungsbild Griechenlands nach der Troika?

Dafür weiß man in „Night in Paradies“ des südkoreanischen Regisseurs Park Hoon-jung genau, woran man ist: Der Gangster Tae-gu (Eom Tae-goo) gerät zwischen zwei konkurrierende Clans, als er Rache an einem Boss nimmt, der seine Schwester und ihre Tochter hat ermorden lassen. Tae-gu soll eine Auszeit auf einer Insel nehmen, von dort nach Russland ausreisen, um unterzutauchen.

Gut mit Pistolen umgehen

Dort angekommen, landet er bei einem älteren Waffenhändler und dessen Nichte Jae-yeon (Jeon Yeo-been). Die hat zwar selbst keine Gangster-Ambitionen, kann dafür jedoch sehr gut mit Pistolen umgehen. Was sich später als hilfreich erweisen wird, als sich herausstellt, dass Tae-gu in einen Hinterhalt geraten ist.

Park Hoon-jung inszeniert diese Gangster-Abrechnung im großen Stil, die an den ähnlich aufgebauten Genre-Klassiker „Sonatine“ (1993) von Takeshi Kitano erinnert, mit zahllosen brutalen Gewaltorgien. Allerdings ohne die Spannung über die gut zwei Stunden zu retten. Und leider mit deutlich weniger Humor als seinerzeit Kitano. Schießen allein macht halt auch nicht glücklich.

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Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.

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