Nerventest beim Eiskunstlauf: Fast ein Kunstwerk
Das deutsche Eiskunstlaufpaar Minerva Hase und Nikita Volodin fallen in der Kür auf den Bronzerang zurück. Nervenstärke zeigt das japanische Paar.
Minerva Hase und Nikita Volodin haben am Montag in Mailand eine olympische Bronzemedaille im Eiskunstlaufen gewonnen. Die beiden 25-jährigen Berliner Paarläufer hatten nach ihrem fantastischen Kurzprogramm, bei dem ihnen alles gelungen war und sie das Mailänder Publikum begeisterten, noch an der Spitze des Feldes gelegen. Mit einem respektablen Abstand zur Konkurrenz sogar.
Im olympischen Paarlaufwettbewerb hatte es keine klaren Favoriten gegeben. Neben Hase/Volodin wurden den japanischen Weltmeistern Riku Miura/Ryuichi Kihara, den in dieser Saison besonders starken italienischen Lokalmatadoren Sara Conti/Niccolo Macii und den jungen georgischen Europameistern Anastasiia Metelkina/Luka Berulava Chancen auf Gold zugetraut. Über den Sieg, so viel stand von Beginn an fest, entscheiden Tagesform und Nerven. Der Wettbewerb der Männer hatte gezeigt, dass auch bei Olympia Überraschungen möglich sind. Hier scheiterten der haushohe Favorit Ilia Malinin aus den USA und andere auf Medaillenplätzen gehandelte Konkurrenten reihenweise an ihren Nerven oder auch an der schlechten Eisqualität in Mailand. So kam der relativ unbekannte Kasache Mikhail Shaidorov mit fehlerfreien Programmen unverhofft und auch zu seiner eigenen Überraschung zum Olympiasieg.
Für das italienische Paar erwies es sich eher als Fluch denn als Segen, vor heimischem Publikum zu laufen. Schon im Kurzprogramm hatten sich viele Fehler eingeschlichen, dass sie mit Platz acht außer Reichweite der Medaillen lagen. Auch in der Kür, wo sie eigentlich nichts mehr zu verlieren hatten, beflügelte sie der Heimvorteil nicht, Elemente misslangen. Anders die japanischen Weltmeister, die in dieser Saison auch das wichtige Grand-Prix-Finale gewonnen hatten: Nach dem Kurzprogramm, wo ihnen eine missglückte Hebung und die nicht wie gewohnt perfekte Ausstrahlung viele Punkte kosteten, standen sie lediglich auf Platz 5. In der Kür gelang hingegen alles: Kraftvolle, synchron ausgeführte Dreifachsprünge, weite Würfe und perfekte Paarharmonie ließen ihr Programm zu einem Gesamtkunstwerk reifen, das das Publikum mitriss.
Für die nach ihnen laufenden Paare hatten sie die Messlatte hoch gelegt. Ihre georgischen Konkurrenten, die ebenfalls eine gute, wenn auch nicht ausgereifte Leistung zeigten, ließen sie zehn Punkte hinter sich. Nach dem Kurzprogramm hatten die Georgier noch mit großem Abstand vor den Japanern auf Platz zwei gelegen.
Beim Salchow gepatzt
Und die Deutschen? Anders als im Kurzprogramm war ihnen ihre Nervosität auf dem Eis anzumerken. Als Minerva Hase einen eigentlich dreifach geplanten Salchow nur mit einer Umdrehung sprang, war klar: Gold wird es nicht. Ihr aus Russland stammender Partner Nikita Volodin, der für seine starken Nerven bekannt ist, erwies sich im weiteren Verlauf des Programms als ihr Halt. Die anderen Höchstschwierigkeiten gelangen, auch wenn das anspruchsvolle Kürprogramm nicht zu dem Kunstwerk wurde, für welches es das Potenzial hatte, und das die beiden bei anderen Gelegenheiten schon präsentiert hatten. Am Ende wurde es Bronze hinter den Paaren aus Japan und Georgien.
„Wir sind sehr glücklich und erleichtert, dass es für die Bronzemedaille gereicht hat“, sagte Minerva Hase. „Es ist egal, welche Farbe die Medaille hat. Wir sind sehr stolz, dass wir nach drei Jahren Zusammenlaufen bei unseren ersten Olympischen Spielen eine Medaille mit nach Hause nehmen dürfen.“
Ihre persönliche Olympia-Geschichte verlief zuvor weniger glücklich. In Peking war sie mit ihrem ehemaligen, deutlich älteren Partner Nolan Seegert am Start. Bei der Einreise wurde bei Seegert allerdings das Coronavirus festgestellt. Er musste in Isolation auf sein Hotelzimmer, konnte nicht trainieren. Am Ende trat er zwar an, ihm fehlte es aber sichtbar an Kraft. Beide kamen nur auf Platz 16.
Das zweite deutsche Paar, Annika Hocke/Robert Kunkel, konnte sich nach zwei gelungenen und enorm ausdrucksstarken und innovativen Programmen über Platz zehn freuen. Nach einer von Verletzungen geprägten Saison war das nicht selbstverständlich.
Beide deutsche Paare haben sich noch nicht geäußert, ob sie nach der olympischen Saison weiterlaufen. Sollten sie sich dagegen entscheiden, klafft im deutschen Eiskunstlauf eine riesige Lücke. Denn die Juniorenpaare sind eher schwach und im Einzellauf konnte sich weder eine Frau noch ein Mann für die Olympischen Spielen qualifizieren. Ein wenig besser sieht es im Eistanzen aus, aber internationale Medaillen wären auch dort eine Überraschung.
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