: Nazilehren im Herrenhaus
Norddeutsche Neonazi-Szene baut ein neues Schulungszentrum hinter der Grenze zu Mecklenburg auf ■ Von Andreas Speit und Peter Müller
Militante Neonazis der „Freien Nationalisten“ werkeln nach Beobachtungen der taz hamburg an einem neuen Kommunikations- und Schulungszentrum. Der Hamburger Neonaziführer Thomas Wulff und der Lüneburger Michael Grewe haben eine Villa in der Nähe von Boizenburg gleich hinter der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern gekauft. Hamburgs Verfassungsschutz-Chef Reinhard Wagner ahnt nichts Gutes: „Man kann sich vorstellen, dass es da bald Schulungen geben wird.“
Das Herrenhaus in Amholz in der Gemeinde Teldau liegt gut versteckt. Wenn sich jemand über den holprigen Sandweg dem Hof nähert, kündigen bellende deutsche Schäferhunde den Besuch an. Momentan ist das rote Backsteinhaus noch in einem baufälligen Zustand, das Dach ist aber bereits neu gedeckt worden. Wulff und Grewe haben das Anwesen für angeblich 300.000 Mark von der Gemeinde erstanden. Die Instandsetzung dürfte ein Vielfaches kosten. Tatkräftige Unterstützung dabei bekommen die beiden von ihren „Kameraden“, die an Wochenenden an dem Landhaus fleißig werkeln.
Auch wenn alles auf ein neues Schulungszentrum hindeutet, möchte VS-Chef Wagner aufgrund des Trägerkreises nicht von einem „zweiten Hetendorf“ sprechen. Doch nach der polizeilichen Schließung des Ex-Schulungszentrums von Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger in Hetendorf in der Nordheide entsteht in Amholz ein neuer Kristallisationspunkt im norddeutschen Neonazi-Netzwerk. „Im Sommer hat es bereits die erste Sonnenwendfeier gegeben“, weiß Niedersachsens VS-Sprecher Rüdiger Hesse: „Es ziehen immer mehr Personen in die Gegend.“
So hat in der Villa Grewes „FSN-Zentralversand“ für Neonazi-Devotionalien seinen Sitz eröffnet, auch die Demo-Sanitäterinnen vom „Braunen Kreuz“, die aus dem „Skingirls-Freundenkreis“ hervorgegangen sind, haben ihren Sitz nach Boizenburg verlegt.
Wulff und Grewe kennen sich aus alten Lohbrügger Skinheadtagen. Grewe zählt seit Mitte der achtziger Jahre zu den führenden Köpfen der Szene und hatte zusammen mit seinem Bruder Hans den Skinhead-Laden „buy or die“ in Lohbrügge betrieben. Seit 1998 ist der Laden für Skinhead- und Hooliganbekleidung nach Lüneburg umgezogen. Michael und der dritte Bruder Sven, Chef der „Hammerskins Nordmark“, zählen nun in Lüneburg zu den Kontaktpersonen der „Freien Nationalisten“ um das „Aktionsbüro Norddeutschland“.
Dieses wird von Thomas Wulff und dem Hamburger Christian Worch, beide Ex-Chefs der verbotenen „Nationalen Liste“, geführt. Es zeichnete in den vergangenen Monaten für wiederholte NeonaziAufmärsche in Hamburg und Umgebung verantwortlich. Von welchen Gruppen das Schulungszentrum künftig schwerpunktmäßig genutzt wird, ist dem VS noch unbekannt. Wagner: „Da müssen wir noch genau hingucken.“
Bereits reingeguckt hat die Hamburger Staatsanwaltschaft. Im Zusammenhang mit einem Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung gegen das „Zentralorgan“ der „Freien Nationalisten“ filzte der Staatsschutz vor zweieinhalb Wochen das Anwesen – ohne Erfolg. Staatsanwaltschaftssprecher Rüdiger Bagger: „Es wurde nichts gefunden.“
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