Naturkatastrophe auf La Palma: Vulkan bedroht Inselwirtschaft

Riesige Lavaströme wälzen sich auf der Kanareninsel La Palma gen Meer. Bananenbauern und Tourismus fürchten herbe Einbußen.

Menschen schauen zur Rauchwolke des Vulkans

Ein Spektakel, das mindestens 400 Millionen Euro Schäden mit sich bringt Foto: Emilio Morenatti/ap

MADRID taz | Die Erntearbeiten in den Plantagen unterhalb der Cumbre Vieja – dem alten Gipfel – laufen auf Hochtouren. Nachdem auf La Palma am Sonntag vor einer Woche nach 50 Jahren Ruhepause ein neuer Vulkan ausgebrochen ist, wälzen sich riesige Lavaströme Richtung Meer. Alles unterwegs wird begraben: Häuser, Straßen und ganze Landgüter. Ein Wettlauf, um zu retten, was noch zu retten ist.

Miguel Martín, verbandschef

„Das ist das Aus für die Landwirtschaft in diesem Gebiet“

Mittlerweile tritt an elf Stellen Lava aus. Der Hauptkrater ist am Samstag teilweise eingestürzt. Es drohen Explosionen. Der Flugverkehr auf und von der Insel wurde aufgrund der Aschewolken zeitweise eingestellt. Der Lava-Hauptstrom hat an seiner Stirnseite eine Höhe von über 20 Metern. Fast 600 Immobilien und über 200 Hektar Land waren bis zum Wochenende verloren gegangen. 7.200 Menschen mussten bereits evakuiert werden. Viele werden wohl alles verlieren. La Palma hat rund 83.000 Einwohner und ist etwa 35 Kilometer lang und an der breitesten Stelle 20 Kilometer breit. Sie ist damit die fünftgrößte der sieben Kanarischen Inseln im Atlantik vor der Nordwestküste Afrikas.

Der neue Vulkan wird – so schätzen die Experten vor Ort – noch ein bis drei Monate aktiv sein. Wenn die Lava tatsächlich dem vorhergesagten Weg zum Meer folgt, werden laut Bauernverband COAG 292 Hektar Bananenstauden, 60 Weinberge und 92 Avocadoplantagen sowie 18 Viehfarmen dem Erdboden gleichgemacht. Weitere 1.200 Hektar Anbaufläche dürften durch Hitze und Asche schwere Schäden davontragen.

Doch damit nicht genug. Die Lavaflüsse werden schon bald 400 Hektar Plantagen, auf denen jährlich 20.000 Tonnen Bananen geerntet werden, isolieren. Die Bauern haben dann keinen Weg mehr zu ihren Feldern. Die Lava hat bereits jetzt mehrere Straßen unterbrochen. Faktisch ist die Insel dadurch in zwei Teile geteilt. Die Leute in den Gemeinden auf der anderen Seite der Lavazunge müssen nun über die Gipfelregion im Landesinneren die gesamte Insel durchqueren, um die andere Seite zu erreichen, wo viele arbeiten. Das sind mehr als zwei Stunden mit dem Auto.

Rund 10.000 Familien von Bananenabbau abhängig

Die Lavadecke wird etwa zehn Jahre brauchen, bevor sie völlig ausgekühlt ist. Und dann kann dort nur wieder etwas angebaut werden, wenn Erde aufgeschüttet wird. „Das ist das Aus für die Landwirtschaft in diesem Gebiet“, erklärt Miguel Martín vom Landwirtschafts- und Viehzuchtverband auf La Palma (Aspa).

La Palma ist mit 5.300 Produzenten die Bananeninsel der Kanaren schlechthin. 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Insel wird durch die relativ kleinen Bananen erwirtschaftet. Etwa 10.000 Familien sind direkt vom Bananenanbau abhängig. Zu Erntezeiten arbeiten auf den Plantagen mehr als 30 Prozent der Bevölkerung der umliegenden Gemeinden. Die Hauptproduktionszeit läuft gerade an. Laut Statistiken der Inseluniversität La Laguna machen Bananen 41 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Produktion auf La Palma aus. Auf der Insel wachsen 150.000 Tonnen Bananen pro Jahr, ein Drittel der Gesamtmenge aller Kanaren.

Die Inselregierung geht bereits jetzt von einem Gesamtschaden von über 400 Millionen Euro aus. Das liegt auch am Tourismus, der anderen Haupteinnahmequelle der Insel, die durch die Coronapandemie bereits Probleme hatte. Zuletzt sind bis zu 300.000 Besucher im Jahr nach La Palma gekommen. Der Westen der „schönen Insel“ – so die Tourismuswerbung – ist jetzt Katastrophengebiet. Wo nun die Lava fließt, lud bislang einer der Naturparks die Besucher zu langen Wanderungen durch die üppige Vegetation der Berge ein, auch sie das Ergebnis einstiger vulkanischer Aktivität. Das Gebiet, durch das der Hauptstrom der Lava fließt, verfügte über mehr als hundert Landhäuser und kleine Komplexe mit Zimmern und Ferienwohnungen. Etwa 5.000 Übernachtungsplätze dürften verloren gehen.

Während Schäden an Häusern und Pkws auch im Falle eines Vulkanausbruchs von den Versicherungen abgedeckt sind, ist dies bei der Landwirtschaft nicht so. Das erklärte der Versicherungsverband Agroseguro. Sowohl die Regierung der Kanarischen Inseln als auch die Regierung in Madrid versprachen bereits schnelle Hilfe. Die Regionalregierung will so leer stehende Häuser und Wohnungen ankaufen, um diejenigen unterzubringen, die alles verloren haben.

Immerhin eine Politikerin zeigt sich optimistisch: „Der Ausbruch von La Palma ist eine Touristenattraktion, die wir nutzen können“, erklärte die spanische Tourismusministerin Reyes Maroto. Sie wolle dafür sorgen, dass „Informationen bereitgestellt werden, damit Touristen auf die Insel reisen und etwas noch nie Dagewesenes genießen können“. Sie stieß mit diesen Aussagen bei der Inselbevölkerung allerdings auf Unverständnis – und musste sich entschuldigen.

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