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Nachruf auf Ulrich EnzensbergerEr war eine kluge Stimme gegen den Wahnsinn

Ulrich Enzensberger war Journalist und Übersetzer. Das „Puddingattentat“ brachte ihn einst in die Schlagzeilen, jetzt ist er mit 81 Jahren gestorben.

Der Journalist und Autor Ulrich Enzensberger ist tot Foto: Gezett/imago

Das letzte Mal traf ich Uli Enzensberger bei einer Session in einem Irish Pub in Berlin. Seine Partnerin Inge spielte die Tin Whistle, es wurde ein langer Abend. Sein Krebsleiden, das ihm zu schaffen machte, war als Gesprächsthema tabu, darauf bestand er.

Ulrich Meinrad Enzensberger, wie er mit vollständigem Namen hieß, kam im Kriegsjahr 1944 im fränkischen Wassertrüdingen zur Welt, er war der jüngste von vier Brüdern. Nach dem Abitur in Nürnberg ging er nach Westberlin, um dem Kriegsdienst zu entgehen.

Am 19. Februar 1967 bezogen neun junge Leute mit einem Kind in Berlin-Charlottenburg die Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson, der vorübergehend in New York wohnte und von der Übernahme seiner Berliner Wohnung nichts wusste, und nannten sich Kommune I. Rudi Dutschke hatte die Idee einer Kommune als „neue Form des Zusammenlebens“ gepriesen – jedenfalls theoretisch. Als es konkret wurde, machte er einen Rückzieher, schrieb Uli Enzensberger in seinem Buch „Die Jahre der Kommune I. Berlin 1967–1969“, das 2004 erschienen ist.

Im Jahr der Gründung der Kommune wurde Uli wegen des Verdachts verhaftet, das sogenannte Puddingattentat auf US-Vizepräsident Hubert H. Humphrey geplant zu haben. Im November 1969 verprügelten Rocker aus dem Märkischen Viertel die Kommunarden und zertrümmerten die Wohnung. Angeblich waren sie über das großzügige Honorar erbost, das der Stern für das berühmte Nacktfoto mit Rückenansicht der Kommunarden gezahlt hatte.

Den Begriff des Parasiten erkundigt

Uli ging danach nach München, wo er sein Germanistikstudium beendete und sich der KPD/ML anschloss. Er zog in die „Kommune Metzstraße“ mit Rolf Heißler und Brigitte Mohnhaupt ein, die zum Umkreis der „Tupamaros München“ zählte. Ein Verfahren der Münchner Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts, Enzensberger und Heißler seien an einem Brandanschlag auf einen Münchner Amtsrichter im Februar 1970 beteiligt gewesen, wurde eingestellt.

Später hat Uli als Journalist und Übersetzer gearbeitet und über den Weltumsegler Georg Forster sowie über den Begriff des Parasiten geschrieben. In Rheinsberg folgte er 2009 als Stadtschreiber auf Wiglaf Droste. Ich durfte an dem Wochenende, an dem die Schlüssel für das Marstallgebäude des Schlosses Rheinsberg – der Wohnung der Stadtschreiber – übergeben wurden, dabei sein, es floss viel Wein, und wir veranstalteten eine Lesung zu dritt.

Uli kämpfte lange gegen den verdammten Krebs und ließ sich nicht von ihm einschränken. Am Ende ging es nicht mehr. Am Sonntagmorgen ist Uli im Alter von 81 Jahren in seiner Berliner Wohnung gestorben. Er fehlt als kluge Stimme gegen den Wahnsinn der Welt und vor allem als Freund.

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