Nach Wahlen in der Elfenbeinküste: Sie kommen wieder mit Macheten

Nach der Wiederwahl von Präsident Ouattara bleibt die Angst vor Gewalt. In einer der Hochburgen der Ouattara-Gegner verschanzen sich die Bewohner.

Strassenszene mit Barrikaden in der Stadt Yopougon, Elfenbeinküste

Straßensperren in Yopougon, einem Vorort von Abidjan Foto: Katrin Gänsler

ABIDJAN taz | In Yopougon, dem dichtestbesiedelten Stadtteil der ivorischen Metropole Abidjan, knallt mittags die Sonne. Die Regenzeit ist vorbei. Doch im Viertel Kouté sind nur wenige Menschen unterwegs. Noch vor knapp zwei Wochen waren die breiten neuen Straßen hier problemlos passierbar. Jetzt ist alles anders.

Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl am 31. Oktober haben die Bewohner*innen Ziegelsteine, alte Tische, Verkaufsstände und Paletten angeschleppt. Alle 50 Meter haben sie Straßensperren errichtet.

In der Nähe der Bäckerei Petit Paris sitzt eine Gruppe junger Männer im Schatten. Sie beobachtet genau und argwöhnisch, wer in das Viertel kommt und ob die Besucher*innen es wieder verlassen. Misstrauen ist überall zu spüren. Halblaut sagt ein älterer Mann im Vorbeigehen: „Das ist wie 2010. Das haben wir schon mal gesehen.“

Ende 2010 kam es nach der Präsidentschaftswahl, bei der der damalige Amtsinhaber Laurent Gbagbo seine Niederlage gegen Alassane Ouattara nicht anerkannte, zu Kämpfen mit mehr als 3.000 Toten. Jetzt hat sich Ouattara zu einer dritten Amtszeit wiederwählen lassen, und seine Gegner erkennen das nicht an. Traditionell ist Yopougon eine Hochburg von Gbagbos Ivorischer Volksfront (FPI).

Tote in Kouté

Große Unruhen sind bisher zwar ausgeblieben. Dennoch gab es auch in Kouté Tote. Am Wahltag wurden Bewaffnete mit Macheten in Minibussen nach Kouté gekarrt und attackierten die Bewohner*innen. Zwei Menschen sollen getötet worden sein. Eine junge Frau in engen Jeans und grauem T-Shirt, die in der Nähe des Angriffs war, erzählt knapp: „Ich bin gerannt und habe versucht, mich so schnell wie möglich zu verstecken.“

Einer der beiden Toten gehörte zu den Angreifern. Deren mutmaßlicher Anführer soll gerufen haben: „Wir kommen zurück.“ Seitdem kümmert sich das Viertel selbst um seine Sicherheit.

Denn es wird spekuliert, dass die Angreifer vom Ouattara-Lager losgeschickt wurden. Die Opposition, die FPI einschließlich, hatte schließlich zum zivilen Ungehorsam aufgerufen, um die Wahlen zu verhindern. Mitunter wird auch vermutet, dass sich einflussreiche Oppositionelle in Kouté aufhalten. Belege dafür gibt es nicht. „Aber was sollte es sonst gewesen sein?“, fragt sich die junge Frau. „Warum sind sie ausgerechnet zu uns gekommen?“

In anderen Gegenden von Yopougon ist auf den ersten Blick der Alltag zurück. Nachdem vor der Wahl zahlreiche Menschen in ihre Dörfer gefahren waren und Geschäfte schlossen, sind die Straßen wieder verstopft. An jeder Ecke bieten Frauen Gemüse und Obst an. Vor den Ampeln schmieren Jungs Seife auf die Scheiben der wartenden Autos und verlangen für das Putzen Geld.

Elektriker Michel

„Wir haben alle Angst und dabei wollen wir doch nur in Frieden leben“

Zwei Straßen von der Kreuzung „Sorbonne“ entfernt schüttelt Leon Michel den Kopf. Der Elektriker sitzt hinter seinem großen braunen Schreibtisch, die Klimaanlage surrt. Michel ist ein Aufsteiger, der kein Abitur machen durfte – und zuletzt rund 30 Mitarbeiter*innen beschäftigte. „Doch jetzt sind wir nur noch acht.“ Die Kundschaft bleibt seit Monaten aus, erst wegen der Coronakrise, dann wegen den Wahlen. Inzwischen schließt Michel sein ohnehin meist leeres Geschäft schon gegen 15 Uhr. Kommt es zu einer neuen Welle der Gewalt, sollen weder seine Mitarbeiter*innen noch er in der Falle sitzen.

Das Zittern vor den Jugendbanden

Während der Krise von 2010 schlief Michel in einem kleinen Laden in der Nähe. Als er eines Morgens zu seinem Geschäft ging, lagen überall Leichen. „Das könnte wieder passieren. Weit davon sind wir nicht mehr entfernt.“ Auf die Sicherheitskräfte setzt er keinesfalls: „Sie machen uns eher Angst. Wir wissen doch nicht, in welcher Absicht sie kommen.“

Es gibt viele solche Kleinunternehmer in Yopougon. Sogar Industriegebiete entstehen. Gleichzeitig gilt es als das Problemviertel Abidjans, in dem viele Familien nie bis zum Monatsende Geld haben. Bei Bewerbungen gelten Adressen aus Yopougon als Nachteil. Festgesetzt haben sich hier über Jahre die sogenannten „Mikroben“ – Jugendbanden, die Überfälle und Diebstähle begehen.

In der Straße, an der Michels Geschäft liegt, hieß es erst einen Tag vor der Wahl: „Sie kommen, sie kommen!“ Jugendliche, vermutlich nicht einmal volljährig, drohten mit ihren Macheten damit, die ganze Nachbarschaft zu massakrieren. Letztendlich zogen sie mit einer gestohlenen Handtasche wieder ab. Wer sie beauftragt hatte, ist unklar. Aber sie könnten wiederkommen, aufgewiegelt von der einen oder anderen Seite. „Wir haben alle Angst“, sagt Elektriker Michel, „und dabei wollen wir doch nur in Frieden leben.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de