Muslima schließen sich #MeToo an

Belästigung an heiligen Orten

Unter dem Hashtag #MosqueMeToo twittern UserInnen über sexuelle Belästigung auf Pilgerfahrten nach Mekka. Sie brechen damit ein Tabu.

Im Vordergrund verschwommene Silhouetten vorbeilaufender Menschen, im Hintergrund die Kaaba vor dem schwarzen Nachthimmel.

„Die Tatsache, dass es dort passierte, an diesem heiligen und vermeintlich sicheren Platz, hat mich so sehr gebrochen, dass ich mich nie mehr davon erholte“, schreibt eine Userin auf Twitter Foto: reuters

BERLIN taz | Als sie zehn Jahre alt war, pilgerte sie mit ihrer Familie nach Mekka. Während ihre Mutter sich in einem Laden umsah, packte ein Mann sie am Arm. Als sie mit 23 Jahren erneut in die heilige Stadt reiste, wurde sie wieder von einem Fremden begrapscht. So schildert es eine junge Frau namens Sabrina auf Twitter unter dem Hashtag #MosqueMeToo. Sie schreibt auch, dass sie sich die Schuld für den Übergriff gab, weil sie sich nicht schwarz gekleidet und ihr Gesicht nicht bedeckt hatte. Dann bedankt sie sich – durch den Hashtag fühle sie sich nun besser.

Ihr Dank richtet sich auch an die Initiatorin des Hashtags, die ägyptisch-amerikanische Journalistin Mona Eltahawy. Vergangene Woche rief Eltahawy Frauen dazu auf, über sexuelle Belästigung an religiösen Orten zu sprechen. Vorausgegangen war ein Facebook-Post, mit dem eine Frau aus Pakistan Übergriffe während der Haddsch, der islamischen Pilgerfahrt nach Mekka, öffentlich machte. Während der Tawāf, wenn die Gläubigen die Kaaba siebenmal umkreisen, sei sie von mehreren Männern gegen ihren Willen angefasst und belästigt worden.

Nach Angaben der Deutschen Welle soll die Frau aus Pakistan ihren Facebook-Account mittlerweile gelöscht haben, nachdem sie massiv bedroht und angefeindet worden sei. Doch mit ihrem Post brach sie ein Tabu. Mona Eltahawy reagierte auf die Geschichte mit Solidarität und offenbarte, wie sie ebenfalls als 15-jährige in Mekka belästigt wurde. Seither schließen sich ihr tausende UserInnen auf Twitter an.

Mona Eltahawy schreibt als Journalistin seit Jahren über Sexismus. Zwar begrüße sie es sehr, dass unter #MeToo auch Fehlverhalten berühmter Persönlichkeiten im Globalen Norden aufgedeckt werde, doch sei es ebenso wichtig, dass die Debatte über das hinausginge, was mächtige weiße Männer mächtigen weißen Frauen antun, findet sie. Denn das Problem betreffe auch die islamische Gesellschaft. Eine weitere Nutzerin auf Twitter erinnert sich, wie sie als 21-Jährige belästigt wurde, ebenfalls in Mekka: „Die Tatsache, dass es dort passierte, an diesem heiligen und vermeintlich sicheren Platz, hat mich so sehr gebrochen, dass ich mich nie mehr davon erholte.“

Nächster Hashtag: #IBeatMyAssaulter

Neben den Schilderungen der Frauen hat Eltahawy auch eine Menge Hasskommentare erhalten. Zum Beispiel werfen einige muslimische Männer ihr vor, dem Islam zu schaden. Eltahawy lässt sich das nicht gefallen. Sie entgegnete, dass die Übergriffe durch nichts zu entschuldigen seien – sie müssten benannt werden.

Außerdem melden sich unter dem Hashtag #MosqueMeToo zunehmend islamfeindliche Kommentatoren, die die Religion pauschal als misogyn brandmarken. Auf diese Zweckentfremdung des Hashtags wiederum reagieren UserInnen in den sozialen Netzwerken. So schreibt ein Nutzer, dass er hoffe, dass die Debatte auch andere Religionen durchdringe, weil zu viele Menschen Gott und heilige Orte missbrauchten, um zu verstecken, wie abscheulich sie Frauen behandelten.

Wenige Tage nach ihrem ersten Hashtag führte Eltahawy noch einen weiteren ein. Sie twitterte, dass sie in der Disko von einem Fremden angefasst worden sei und ihn daraufhin geschlagen habe. Unter #IBeatMyAssaulter forderte Eltahawy Frauen dazu auf, sich zu wehren und auch darüber zu erzählen. Eine Frau folgte ihrem Rat und twitterte: „Vor ein paar Monaten hat mich ein betrunkener Ex-Freund in die Ecke getrieben und angefasst. Ich habe mehrmals Nein gesagt, aber er hat nicht aufgehört, mich anzufassen. Also hab ich ihn geschlagen und bin gegangen.“ Das bereue sie nicht und sie würde es immer wieder tun, wenn Männer ein „Nein“ nicht akzeptierten.

Die Frauen, die unter #IBeatMyAssaulter twittern, möchten nicht als Opfer behandelt werden. Andererseits solle das nicht vom eigentlichen Problem ablenken, meint eine Betroffene: „Der Druck ist zu groß, dass wir uns selbst vor etwas schützen sollen, das nicht in unserer Verantwortung liegt.“ Schließlich sei es völlig in Ordnung, sich nicht wehren zu können und das wäre schließlich auch nicht notwendig, wenn es gar nicht erst zu sexuellen Übergriffen käme.

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