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Musiktheater mit frühen Mozart-StückenKaraoke aus dem Köchelverzeichnis

An der Hamburger Staatsoper scheitert Christopher Rüpings „Die große Stille“ an gewollter Lässigkeit – trotz toller musikalischer Profis.

Jedes Herumstehen wirkt mühsamst choreografiert: Orchester unter der Bühne, Theater oben drauf Foto: Tanja Dorendorf/Hamburgische Staatsoper

Am Anfang ist die Sonne, also ein hell aufglühender Scheinwerfer, und am Ende das Ei. Dieses soll natürlich wieder der Anfang sein. Klar. Fast bühnenraumhoch steht es da, leuchtend weiß. Die letzten Takte sind verklungen, doch Omer Meir Wellber dirigiert weiter in eine „große Stille“- Titel des Abends! – hinein. Minutenlang, bis es knackt und knistert. Und die Eierschale Risse bekommt.

Dann geht das Licht aus, ist das Musiktheaterprojekt vorbei, das der Regisseur Christopher Rüping gemeinsam mit dem Dramaturgen Malte Ubenauf und mit Meir Wellber, dem Generalmusikdirektor der Staatsoper Hamburg, ebendort erarbeitet hat. Mit Stücken von Mozart, die kaum ei­ne*r kennt. Mit Kantaten, Arien, Rezitativen und dem Singspiel „Apollo et Hyacinthus“, das der damals Elfjährige im Jahr 1767 komponierte.

Das Stück

„Die große Stille“: Hamburgische Staatsoper. Nächste Aufführungen: 17.3., 19.3., 21.3., 26.3., 29.3.

Manches dieser Werke wurde neu instrumentiert, das Streichquintett g-Moll etwa von der israelischen Komponistin Keren Kagarlitsky für Kammerensemble bearbeitet und geloopt. Die dem Abend innewohnenden Notierungen, ihre Referenzen, Feinheiten und Varianten, liegen außerhalb meiner Urteilskraft.

Zu hören sind strukturierte, vertraut wirkende Melodien, die von Gregory Kunde, Marie Maidowksi, Kayleigh Decker, Hubert Kowalcyk und Ana Durlovski und damit selbstredend von absoluten Profi-Sänger*innen auf absolutem Profi-Niveau interpretiert werden. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Umso mehr am Regiekonzept. Und zwar von Sonne bis Ei. Tatsächlich ist Christopher Rüping mit einem großen Talent für herrlich unterspannte Inszenierungen gesegnet, in denen er die Dar­stel­le­r*in­nen meist nahbar, fast privat auftreten lässt.

Seine vorwiegend Sprechtheaterarbeiten können so gewinnend und direkt sein wie ein zweijähriges Kind, manchmal schrammen sie mit ihrer gefühligen Offenheit auch nur knapp vorbei am Kitsch. Aber gerade weil sie so schonungslos sind, rücken sie einem wunderbar nah. Bei „Die große Stille“ allerdings sieht man dieser untheatralen Arbeitsweise beim Scheitern zu.

Schlecht gespielte Lässigkeit

Der mitwirkende Schauspieler Damian Rebgetz ist ein Rüping-Vertrauter. Doch sein Versuch, gemeinsam mit Marie Maidowski und Kayleigh Decker, jene durchlässige Lässigkeit herzustellen, geht nicht auf. Wenn Rebgetz vom extraterristrischen Leben im Raumschiff – das ist der Ort der Handlung – erzählt, erinnert er an einen Typen, der Migräne vortäuscht, um melancholisch zu wirken.

Die so gar nicht tiefgreifenden Gedanken zu Fußskulpturen, Kreuzfahrten, Gewittern und Natur lassen einem schmerzhaft die Zehennägel zucken

Die gespielten Eifersüchteleien zwischen Rebgetz, Maidowski und Decker erscheinen schrecklich aufgesetzt, jedes ach so lockere im Raum Herumstehen mühsamst choreografiert. Und die so gar nicht tiefgreifenden Gedanken zu Fußskulpturen, Kreuzfahrten, Gewittern und Natur lassen einem schmerzhaft die Zehennägel zucken.

„Es gab Jahreszeiten, es gab Veränderungen, es gab Tiere im Wald“, heißt es da über das ferne, irdische Leben: Science-Fiction goes Märchenstunde. Wenn nicht gerade eine vorbeiziehende Sonne bewundert wird, wird in dem Raumschiff, das mehr Probebühne mit funkelnder Glühbirnenwand ist (Bühne: Jonathan Metz), Karaoke aus dem Köchelverzeichnis gesungen, Knie-Gymnastik gemacht oder der eigenen Kindheit nachgeheult.

Erst gefühlte Lichtjahre später hören mit „Apollo et Hyacinthus“ alle vergeblichen Versuche dieser gespielten Lässigkeit auf. Erleichtert lässt man sich fallen in den traumschönen Gesang und freut sich unfassbar über jede noch so überzeichnete Operngeste. Weitere Lichtjahre knackt jene Eierschale und man ist noch froher, dass es anschließend still bleibt. Und dieses Ende keinen neuen Anfang nimmt.

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