Montagsinterview

"Wir sind Business-Hippies"

Christoph Klenzendorf und Juval Dieziger betreiben mit Freunden die Bar 25 am Spreeufer in Friedrichshain. Doch auf dem Gelände sind Bürobauten des Großprojekts MediaSpree geplant. Ein Gespräch über demokratischen Widerstand, Konfettischlachten und suizidale Igel.

Coole Stadthippies: Christoph Klenzendorf (li.) und Juval Dieziger in der Bar 25 Bild: ANJA WEBER

2003 entstand auf einem verwahrlosten Gelände an der Holzmarktstraße 25 ein Open-Air-Techno-Club. Das Baumaterial stammte von Clubs, die der O2-Arena am Ostbahnhof weichen mussten. Heute ist die Bar 25 ein Spielplatz für Erwachsene mit Bühne, Restaurant, Hostel und Radiostation. Der Betrieb wird gemeinschaftlich von vier Geschäftsführern und einem zwölfköpfigen Leitungsteam geführt. Mit der taz trafen sich zwei von ihnen.

Das sind die Macher:

Christoph Klenzendorf, 34, ist Fotograf, Filmemacher und gebürtiger Badener. Er betreut das Musikprogramm und wohnt mit seiner Freundin in einem ausrangierten Puffhäuschen. Seine Tochter schätzt bei Besuchen die Bar als perfekten Spielplatz. Der Schweizer Juval Dieziger, 33, leitet das Restaurant. Seine Eltern sind froh, dass der einstige Schauspieler und "Cookies"-Chefkoch jetzt etwas "Solides" macht: Letzten Sommer blieben sie fünf Wochen.

Das ist die Zwischennutzungsproblematik:

Die Bar 25 hat einen temporären Mietvertrag mit einer Tochter der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR): Gibt es einen Käufer für das Areal, muss die Bar weichen - ebenso wie der "White Trash"-Garten nebenan oder die Bars und Projekte auf Kreuzberger Seite. Konkret bedroht das Investorenprojekt MediaSpree, das die Ansiedlung von Medienfirmen entlang der Spree vorantreibt, die temporäre Vergnügungslandschaft.

taz: Schön haben Sies hier: Liegestühle, Schaukel und freier Blick über die Spree. Wie lange wird es diese Zwischennutzungsidylle noch geben?

Christoph Klenzendorf: Der Vermieter hat uns zum 1. Januar gekündigt, obwohl es keinen Käufer gibt. Die Räumungsklage kam vor drei Wochen.

Juval Dieziger: Aber wir haben angefochten. Der erste Gerichtstermin ist am 12. Dezember. Die Saison ist also gesichert, wir haben etwas Luft.

Viel Puste haben Sie auch bisher bewiesen - Sie sollten schon letztes Jahr schließen. Denn Ihr Grundstück gilt den Businessentwicklern des Großprojekts MediaSpree als lukratives Filetstück.

Klenzendorf: Das letzte Jahr war turbulent: Erst hieß es, der Boden sei kontaminiert. Ein Gutachten unsererseits belegte, dass das nicht stimmte. Dann schlug das Wasserwirtschaftsamt Alarm, weil die Kaimauer absackte. Wir besserten sie aus. Gekündigt wurden wir trotzdem - der Makler hatte unser Grundstück bereits als "bereinigt" im Katalog, das heißt: "ohne Mieter"!

Wissen Sie, dass MediaSpree in seiner Investorenbroschüre trotzdem mit Ihnen wirbt?

Klenzendorf: Ja, MediaSpree wirbt auch mit dem Oststrand und dem Yaam - den Projekten, die sie weghaben wollen für ihre Bürohäuser.

Dieziger: Keiner braucht Bürohäuser, nicht bei dem Leerstand, nicht an diesem Ort. Wir haben hier ein kleines Paradies geschaffen. Wir leben und arbeiten alle zusammen auf dem Gelände, in einer Art Kommune-Dorf…

Ein Hippie-Idyll?

Klenzendorf: Ich nenn uns Business-Hippies: Jeder, der hier lebt, arbeitet auch hier. Wir verdienen Geld mit der Bar, dem Restaurant und den Techno-Partys. Den Gewinn teilen wir untereinander, aber wir haben auch Angestellte.

Moderne Hippies also?

Dieziger: Ich würde mich schon als linken Hippie bezeichnen.

Klenzendorf: Ich weiß nicht, was der Begriff genau bedeutet. Mir wachsen keine Dreadlocks, aber ich bin ein Lebemensch. Ich feiere gern, ich hatte noch nie einen Chef. Und im Winter reise ich mit dem Wohnwagen herum.

Die Bar 25 ist mittlerweile ein normaler Gastro-Betrieb mit Öffnungszeiten und Dienstplänen. Ein Widerspruch zum wilden freien Leben?

Dieziger: Auch Hippies haben einen Anspruch auf eine bestimmte Lebensqualität!

Klenzendorf: Alle, die den Laden betreiben, lieben die schönen Dinge: gut essen, gut trinken, gute Gesellschaft, gute Musik. Es ist schön, am Mittwoch den Anwalt zu treffen, der 28 Euro für ein Rinderfilet ausgibt, und am Sonntag die Feierszene. Ob das "hippiemäßig" ist oder nicht, ist uns egal. Hauptsache, es macht Spaß.

Trotzdem: Sie sind an den Betrieb gebunden. Mal kurz mit dem Wohnwagen weg, das geht nicht mehr so leicht.

Klenzendorf: Ich arbeite hier so viel wie noch nie. Jeder aus dem harten Kern hat seinen Schwerpunkt: Ich mache das Programm, Juval die Küche.

Dieziger: In der Gastro haben wir einen normalen Schichtbetrieb mit Angestellten. Allein im Restaurant arbeiten 20 Leute.

Etwa richtig offiziell?

Dieziger: Klar, mit Sozialabgaben und übertariflichem Lohn. Das ist für uns eine moralische Frage.

Sie haben sich also für offizielle Strukturen entschieden.

Klenzendorf: Ja, wir sind ein bunter Haufen, aber ein gut organisierter.

Dieziger: Und wie: Mitarbeiterbesprechungen, Dienstpläne und ein Büro mit sieben Schreibtischen! Ein Betrieb dieser Größe braucht eine klare Arbeitsteilung. Trotzdem teilen wir die Einnahmen untereinander und spendieren jede Menge Freigetränke an Freunde. Wir vergessen nie, wo wir herkommen und warum wir das machen: um mit Freunden und Gleichgesinnten Spaß zu haben.

Wo kommen Sie denn her?

Klenzendorf: Aus dem Nachtleben, der Berliner Techno-Szene der 90er. Ich veranstaltete mit Freunden illegale Raves auf der Michaelbrücke: Ein altes DDR-Wohnmobil war unsere Bar. Weil das eiförmige Ding laut TÜV-Plakette nur 25 fahren durfte, nannten wir es Bar 25. Nach einem Jahr hatten wir keine Lust mehr auf den Stress und suchten etwas Festes. Das Gelände hier lag brach und war voller Müll. Wir bewarben uns bei der Eigentümerin, der Berliner Stadtreinigung BSR, mit einem Konzept …

Dieziger: Wir auch! Aber bei uns wurde nichts draus.

Sie beide konkurrierten um das Gelände?

Dieziger: Ja, wir kannten uns noch nicht. Ich war Küchenchef im Cookies, eine Freundin wollte eine Bar aufmachen. Da wäre ich eingestiegen. Auch wir waren bei der BSR, stachen mit unserem Animationsfilm Sat.1, eine Autofirma und eine Düsseldorfer Strandbar aus. Im Vertrag standen dann aber 30.000 Euro Miete, für das ganze Gelände! Wir unterschrieben nicht.

Klenzendorf: Sonst wohl auch keiner. Deshalb konnten wir ein paar Wochen später verhandeln: Wir bespielen nur 1.000 der insgesamt 10.000 Quadratmeter und zahlen dafür 3.000 Euro. Das klappte.

Dieziger: Ich sah die Flyer zur Eröffnungsparty und dachte: Das dürfen die nicht! Das ist meins!

Wie fanden Sie zusammen?

Dieziger: Jedenfalls nicht sofort. Am Eröffnungsabend machte ich an der Tür kehrt: Es legte auch noch mein Lieblings-DJ auf! Das verkraftete ich nicht. Erst später schaute ich vorbei und lernte Christoph kennen.

Klenzendorf: Zur nächsten Saison war Juval dann mit seinem Restaurant dabei.

Was unterscheidet die Bar 25 denn von anderen Strandbars?

Klenzendorf: Wir sind ein Spielplatz für Erwachsene mit immer neuen Attraktionen: Wir haben den "Zirkus" für Theater, Filme und Performances, einen Kostümverleih, einen kleinen Wellness-Bereich und ein Musiklabel. Seit diesem Jahr gibt es eine Radiostation.

Dieziger: Pünktlich zur EM ist unser neuer Pizzaofen in Betrieb. Ein Eigenbau, hoffentlich bleibt er stehen.

Public Viewing in der Bar 25 - eine Geschäftsentscheidung oder ein Herzenswunsch?

Klenzendorf: Eher eine Geschäftsentscheidung: Unser Publikum interessiert sich mehr für Fußball als wir.

Dieziger: Zum Auftaktspiel gibt es Schweizer Bier. Und wenn die Schweiz gewinnt, Freibier für alle. Ein billiges Versprechen, ich weiß.

(Etwas fällt vom Baum ins Gras)

Dieziger: Oh nein, der Igel! Wir haben hier einen selbstmordgefährdeten Igel, der sich gern vom Baum stürzt. Einmal mussten wir ihn aus der Spree retten. Auch einen Fuchs gibt es, Eichhörnchen und eine zugelaufene Katze. Ganz zu schweigen von den Apfel- und Kirschbäumen. Das hier sind übrigens Silber- und Schwarzpappeln.

Für einen Gastronomen kennen Sie sich in der Botanik gut aus!

Dieziger: Aus unserem Garten ist ein Park geworden, wir pflegen die Natur und beschäftigen einen Gärtner. Besonders bei den Hostelgästen kommt die wilde Natur in der Stadt gut an.

Warum das Hostel - haben Sie keine Angst, von Touristen überrannt zu werden?

Klenzendorf: Nein, es sind ja nur vier Hütten. Hauptsächlich für DJs, aber auch für Backpacker. Die Idee entstand im Urlaub: Eine schöne Hütte an einem speziellen Ort wissen Reisende zu schätzen. Die erste Hütte kauften wir für einen Euro bei Ebay. Ein sehr schlechtes Geschäft.

Hat man Sie übers Ohr gehauen?

Klenzendorf: Ja, es war mal das Hausmeisterhäuschen eines Puffs in Brandenburg. Die Hütte war voll mit Müll und Chemikalien, die wir teuer entsorgen mussten. Dann blieb noch der Laster im Spargelacker stecken. Am Schluss kostete das Ganze 5.000 Euro.

Dieziger: Als es da war, wollten wir es nicht mehr: Ursprünglich wollten wir alle zusammen drin schlafen.

Nicht die Gäste?

Dieziger: Nein, die Idee kam später. Diese erste Hütte war als gemeinsamer Schlafplatz für fünf, sechs Leute gedacht. Aber nach kürzester Zeit war klar, dass auch wir ein Minimum an Privatleben brauchten. Neue Hütten kamen dazu, Laster, Wohnwägen. Im Puffhäuschen wohnen heute Christoph und seine Freundin.

Der Übergang zur Paarbeziehung - bleibt die Bar-25-Gemeinschaft auch bei Beziehungen unter sich?

Klenzendorf: Die Bar ist ein Beziehungskiller, man sitzt aufeinander. Mit Partnern von außerhalb funktioniert das nicht.

Dieziger: Die Bar 25 ist kein Job, sondern ein Lebensprojekt. Wer sich damit nicht identifizieren kann, bleibt nicht lang. Aber dafür kennt man uns auch in New York oder Buenos Aires.

Ein Leben für die Party?

Klenzendorf: Für mich ist die Bar das Größte, was ich je in meinem Leben gemacht habe. Mit eigenen Händen und mit Freunden. Es gibt wenige Orte wie diesen auf der Welt.

Dieziger: Und Berlin einer der wenigen Orte, an denen so etwas noch möglich ist. Das merken wir an den Touristen. Wir sind ein Magnet, der das Bild der Stadt prägt. Das weiß auch die Politik.

Wirklich?

Klenzendorf: Der Kreuzberger Bürgermeister steht hinter uns. Aber Politiker haben immer auch den Druck, die Wirtschaft anzukurbeln. Dabei kommen dann kurzfristig gedachte, aber langfristig fatale Entscheidungen wie MediaSpree heraus.

Sie haben Verständnis für Politiker, die mit Sachzwängen argumentieren?

Dieziger: Das heißt nicht, dass wir nicht gegen diese Pläne kämpfen. Wir stehen in engem Kontakt zur Initiative "MediaSpree versenken" - zumindest mit dem gemäßigteren Teil. Für die "Spreepiraten" sind wir als kommerzielles Projekt, das mit Firmen wie Adidas zusammenarbeitet, nicht schützenswert.

Klenzendorf: Das sind Feinheiten. Wir sind alle dagegen, dass der Bananengürtel zwischen Kreuzberg und Friedrichshain für Industrie erschlossen wird.

Bananengürtel?

Dieziger: So nennen Stadtplaner das Spreeband vom neuen Flughafen bis zur Innenstadt. Dort sollen sich laut Planung IT-Firmen und Dienstleister ansiedeln, bis zur Elsenbrücke in Treptow soll die Bebauung reichen. Dabei ist Wasser ein Naherholungsfaktor.

Auch MediaSpree behauptet, Uferwege und öffentliche Plätze erhalten zu wollen.

Klenzendorf: Selbst wenn ein schmaler Weg zwischen Blumenrabatten und Uferkante bleiben sollte: Da wird kein Leben mehr sein. Zwischen den Büros siedelt sich dann Mittagsgastronomie an, vielleicht eine langweilige After-Work-Lounge mit Sonnenterrasse. Aber wen soll das anziehen?

Dieziger: Es geht nicht nur um uns. Sondern darum, den Spreeraum für alle zu erhalten.

Dieses Anliegen haben Sie mit dem Wagenplatz Schwarzer Kanal oder der "Köpi" gemeinsam - wie ist Ihr Verhältnis zur autonomen Szene?

Klenzendorf: Es gibt natürlich einen grundlegenden Unterschied: Wir sagen Ja zur bestehenden Gesellschaftsform, zahlen Miete und müssen Geld verdienen. Aber wir respektieren uns gegenseitig. Ich finde es super, dass die Köpi einen Mietvertrag hat, sie ist eine kulturelle Bereicherung für die Stadt. Und der Schwarze Block feiert ganz gern hier.

Obwohl Sie so kommerziell sind?

Dieziger: Letztendlich sitzen wir alle in einem Boot. Ich für meinen Teil finde alles gut, was nicht rechts ist.

Auch die Autos, die neulich nach einer gescheiterten Hausbesetzung brannten?

Klenzendorf: Zerstörung lehne ich ab. Wir werden uns mit legalen Mitteln gegen die Vertreibung wehren. Wenn eines Tages die Polizei vor der Tür steht, werden wir keine Steine werfen, sondern Konfetti. Das ist unsere Art des Widerstands.

Konfetti - klingt recht unpolitisch.

Klenzendorf: Als ob Autoanzünden politischer wäre! Damit erreicht man nichts. Wir gehen einen anderen Weg. Zum Bürgerbegehren gegen MediaSpree werden wir Gäste aus Friedrichshain-Kreuzberg mit Kutschen und Taxen zur Abstimmung fahren.

Dieziger: Es lohnt sich, dafür zu kämpfen, dass Berlin nicht so langweilig wird wie Köln oder New York. Dafür bleiben wir.

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