Mitmach-Sticker bei Instagram: Ein Ort des Ichs

Neben Selfies, Rezepten und Urlaubsfotos werden bei Instagram auch politische Infos verbreitet. Ich will vor allem Lifestyle-Content und Ablenkung.

Kinderfoto_Angela_Merkel

Viele teilen bei Instagram gerade Kinderfotos von sich – Angela Merkel leider (noch) nicht Foto: imago images

Seitdem Instagram den neuen Mitmach-Sticker hat, geht meine Laune bergauf, was angesichts des Weltgeschehens und der Nachmittagsdunkelheit eine Menge ist. Der Aufwand ist gering, das Prinzip simpel, der Effekt riesig.

Jemaus startet einen Aufruf in der Insta-Story, zum Beispiel: Teile einen Screenshot von der „Urban Dictionary“-Definition deines Vornamens. Poste ein Kinderfoto, das deine Grundhaltung zum Ausdruck bringt. Lade das letzte gespeicherte Meme hoch. Wer sich angesprochen fühlt, beteiligt sich mit einem eigenen Beitrag. Dadurch sehen die Follower den Aufruf und können ebenfalls mitmachen. Der Sticker ist wie ein digitaler Sourdough-Starter (sog. Hermann-Teig), ein paar Leute tragen ihn in die Welt und wer Bock hat, greift nach einem Stück von dem Kuchen, der nicht weniger, sondern mehr wird. Wer das uninteressant findet, überspringt die Story.

Nun gibt es überall Mäuse mit einem erhöhten Bedürfnis danach, ihre Abneigung gegen harmlose Trends zu verbalisieren. So auch mit den Mitmach-Stickern. Die Essenz: Niemaus jucken eure Kinderfotos, hört auf so selbstbezogen zu sein, macht was Vernünftiges. Ich bin da ehrlich: Instagram ist nun mal der Ort des Ichs. Da kommt maus nicht drum rum, dafür wurde die App entworfen. Wer wirklich glaubt, politische Info-Slides seien weniger selbstbezogen als Urlaubsfotos, Selfies und Rezepte, täuscht sich. Wir müssen nicht unsere Gesichter in die Kamera halten, um uns zu profilieren. Memes, Aufklärungsbeiträge, Musik, Podcasts oder Mini-Essays transportieren ebenso, wer wir sind oder sein wollen. Und: Woran wir glauben und wie wir die Welt betrachten.

Über Instagram neben Lifestyle-Content auch politische Inhalte zu verbreiten, ist seit einigen Jahren zum Trend avanciert. Mittlerweile gehört es in den liberalsten Kreisen zum guten Ton zwischen glossy Fotos gelegentlich „was Politisches“ zu teilen. Wir erinnern uns an die schwarzen Kacheln im Juni 2020.

Mit technologischen Mitteln können politische Kämpfe an Tempo und Reichweite gewinnen. Viele Demos oder Spendenaktionen wären ohne Online-Mobilisierung nicht halb so erfolgreich. Doch zu glauben, dass die Welt durch Info-Slides verändert wird, ist ein Trugschluss. Manche würden sogar sagen, dass diese Art von missverstandenem „Aktivismus“ politische Kämpfe eher schwächt, weil Inhalte verkürzt und falsche Sicherheiten geschaffen werden.

Mittlerweile gebe ich offen zu, Instagram vor allem für Lifestyle-Content aufzusuchen. Ich will keine Hot Takes zum Elend, sondern Ablenkung. Eure Kinderfotos und Outfits sind interessanter als der 69. Infopost über ein Thema, mit dem ich mich 2013 tiefer gehend beschäftigt habe. Wir treffen uns einfach auf der nächsten Demo oder Buchpräsentation. Ich poste den Aufruf dazu dann inmitten meines von Selfies und Torten genährten Super-Algorithmus.

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Hengameh Yaghoobifarah studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik an der Uni Freiburg und in Linköping. Heute arbeitet Yaghoobifarah als Autor_in, Redakteur_in und Referent_in zu Queerness, Feminismus, Antirassismus, Popkultur und Medienästhetik.

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