: Mit Pride in die Zukunft
Die großen Kämpfe um Gleichstellung sind ausgefochten, der CSD setzt heute auf Stolzformeln. Aber wie politisch ist das noch?
Foto: Marton Monus/reuters
Von Jan Feddersen
Das wissen ja nun wirklich auch alle, die es nicht direkt betrifft, also heterosexuell orientierte Menschen: dass in den wärmeren Monaten CSD-Saison ist. CSD – wie: Christopher Street Day. Eine Straße im Homoviertel von New York City, von der aus im Sommer 1969 die moderne Homosexuellenbewegung ihr Leben begann – als laute, nicht zum Verstummen bringende Bewegung, die sich als Schwule und Lesben sichtbar halten wollte. Ein Kürzel, das leicht mit dem für den Eurovision Song Contest zu verwechseln sein kann, das queerisierte Popereignis im Mai, also: ESC. CSD aber als Chiffre hat wenigstens in Berlin noch einen gewissen politischen Klang.
„Haltung ist hot“ lautet das Motto des diesjährigen CSD in Berlin, der am 25. Juli stattfindet, doch auch darin schimmert wenig durch vom Inhalt des Anlasses dieser Parade. Und der war einer, der Schwules und Lesbisches, in Berlin seit 1979, überhaupt in der politischen Öffentlichkeit sichtbar machte. Das war eine Zeit, in der der antischwule Strafparagraf 175 noch galt, in der es keine Antidiskriminierungsgesetze zugunsten Benachteiligter gab – und die personenstandsrechtliche Gleichberechtigung, also die Ehe für alle, die gab es schon gar nicht.
Damals ging es noch darum, als lesbische Frau sein zu können, wie sie will, Femme oder Butch, egal; oder als schwuler Mann vor allem die Freiheit zu haben, nicht weiblich sein zu müssen, denn, nicht wahr, ein männlicher Mann zu sein, das stand nur Hetero-Kerlen zu, so war die Norm, so klang es in allen Klischees über das Homosexuelle an. Der Homo hatte die Tunte zu geben, etwa wie im französischen (lustigen!) Filmklassiker „Ein Käfig voller Narren“ – aber nicht wie ein sexuell räudiges Wesen wie in William Friedkins „Cruising“.
Dass die Zeiten sich geändert haben, liegt wesentlich an den AkteurInnen selbst, an uns Schwulen und Lesben, die sich in eine gesellschaftliche Normalität eingeschlichen und sie miterobert haben. Mit amerikanischen Kommentatoren wie Andrew Sullivan und anderen VeteranInnen der Bewegungen von einst ließe sich sagen: Von allen kulturellen Bewegungen seit den sechziger Jahren hat diese unsere am erfolgreichsten agiert.
Insofern ist es kein Wunder, dass auch CSDs sich verändert haben. Die queeren Paraden heißen nunmehr, nur zwei Beispiele, „Budapest Pride“ oder auch „Oxford Pride“. Es geht nicht mehr um Polizeigewalt und schwere juristische Benachteiligungen, sondern um „Pride“, also Stolz, Selbstbewusstsein und Lebenszutrauen. Bei beiden genannten Paraden waren, typisch, die klassischen Regenbogenfahnen nur noch selten zu sehen, dafür jene um die Trans-Idee erweiterte Flagge mit dem Namen „Progress“ umso häufiger. Die Paradeur:innen waren mehrheitlich weiblich zu lesen – und sie skandierten, wenn überhaupt, nichts, was einen konkreten politischen Inhalt hatte.
„Pride“ ist übrig geblieben wenn die letzten rechtlichen und politischen Hürden weggeräumt werden konnten. Im Fall von Ungarn wundert die Fokussierung auf „Pride“. Bis zur haushohen Niederlage des rechtspopulistischen Viktor Orbán im Spätfrühling galt ja gesetzlich ein Verbot sogenannter LGBTI*-Propaganda. Dazu zählte auch, für die Ehe für alle oder für ein Antidiskriminierungsgesetz einzutreten.
„Pride“ ist eigentlich schon immer eine fehlverstandene Vokabel. Stolz kann man nur entwickeln für persönliche Leistungen, nicht für die Selbstanerkennung, schwul oder lesbisch zu sein. Nichtheterosexuell zu begehren ist indes kein Verdienst, sondern ein, wenn man so will, potenziell lustvoll zu erlebendes, mit Sigmund Freund gesprochen, „Triebschicksal“, das nicht wechsel- oder änderbar ist.
Weil das so ist, weil man eben nichts am eigenen Begehren ändern kann oder wenn, dann nur unter psychischen Qualen, wissen so gut wie alle schwulen Männer und lesbischen Frauen: Hätten sie sich ändern können, wäre ihnen das sehr lieb gewesen. Insofern: Pride, also Stolz auf die die Kunst der Selbstanerkennung ist möglich. Aber um Lesben und Schwule ging es ja nicht bei den beobachteten „Pride Parades“, vielmehr um, so der Eindruck, Selbstbekräftigung im Kreis von Gleichgesinnten. Self Empowerment – das ist der politisch-kulturelle Kern der zeitgenössischen „Pride“-Paraden: Nicht mehr ein öffentlichen Agieren gegen Diskriminierung.
Und das scheint, so offen sichtbar, eine Domäne von Frauen bzw. weiblich zu lesenden Personen. Schwule Männer waren, etwa in Oxford, auch zu sehen, aber wie einst als Berufsgruppen mitgehend eher nicht. Man erkannte lediglich eine Abteilung von Schaffnern, Handwerkern und Lokführern der englischen Eisenbahn, so gewöhnlich aussehend wie die meisten englischen Männer. In Budapest hingegen waren es männlich zu lesende Wesen mit oft sehr grellbunten Frisuren, öfters auch mit dunkelblau lackierten Fingernägeln.
Politisch lässt sich nun schlussfolgern: In den „westlich“-rechtsstaatlichen Ländern haben schwule Männer und lesbische Frauen sehr vieles bis alles erreicht, abgesehen von eben einigen osteuropäischen Ländern oder Italien. Sie sind öffentlich sagbar und sichtbar, ihre Leben sind normaler denn je. „Pride“ allein ist nicht mehr ihr cup of tea. Die Parade, die mal ein politisches Projekt war, ist nun eine Demonstration der Behauptung von Stolz und dem Wunsch nach Anerkennung.
Ob in Berlin beim CSD, traditionell der große rund um die Siegessäule, auch an Publikum einbüßen wird, ist natürlich offen. So fraglos für Homosexuelle etwa die Ehe für alle als Bürgerrechtsprojekt war, so sehr steht in Zweifel, ob Forderungen wie die nach der Integration der „sexuellen Identität“ in Artikel 3 des Grundgesetzes wirklich populär sind. Erhebliche Teile der CDU sind jenseits der Metropolen dagegen, die AfD sowieso – und ob es hierfür Zweidrittelmehrheiten in Bundestag und Bundesrat geben kann, ist fraglich.
Mit anderen Worten: Ein CSD wie in Berlin ist wichtig, um als Community sich zu vergewissern. Da wird es auch viele Trans*fragen geben, aber darauf läuft es am Ende – ob es ein Erfolg wird oder nicht – nicht hinaus. Relevant ist nur, ob man einmal im Jahr aus der halbwegs gelebten Normalität als Teile einer Minderheit herausgeht und sich miteinander zeigt. Die Parolen ob einer rechtsradikal gesinnten Machtübernahme durch die AfD, gegen die man sich wehren müsse, klingen routiniert, dabei beklagen – was beim CSD in Berlin allerdings kein Thema ist – viele eher Angst vor islamistisch gesinnten Attentätern.
Ein CSD kann natürlich auch das werden, was Karnevalsumzüge etwa im Rheinland wie in Köln sind: Auf öffentliche Sichtbarkeit geeichte Umzüge von Hunderttausenden, die sich daran erfreuen, dass es sie gibt. Alle, so muss vermutet werden, erinnern sich ja noch gut, wie es war, ein Kind zu sein, von dem die eigenen Eltern erwarten, heterosexuell sich zu orientieren – und es eigentlich nicht zu wollen. Das schaffte Gefühle von Einsamkeit: Bin ich wirklich allein in der Welt? Die meisten wollen zu einem CSD, ohne queer sein zu müssen: Männer und Frauen, die alle möglichen Parteien wählen – aber keine missionarischen Absichten in queerfeministischer Absicht hegen.
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