piwik no script img

■ Mit EU-Fischpiraten auf du und duReine Forschung

Stockholm (taz) – Zuerst machten die Norweger wissenschaftlich Jagd auf Wale. Und wiederholen diesen Trick nun seit fünf Jahren. In diesem Jahr weiteten sie ihre Tätigkeit zum Lobe der Wissenschaft auf die Robbenbabys aus. Jetzt schlägt die EU mit eigenen Tricks zurück: Seit einigen Tagen fischen sechs spanische Trawler mit EU-Geldern in Norwegens Hausmeer, der Barentsee. Wissenschaftlich. Denn irgendwelche Fischquoten stehen ihnen dort nicht zu.

Die Trawler sind die gleichen, die vor einigen Wochen in den Fischkrieg zwischen der EU und Kanada vor Neufundland verwickelt waren. Da wieder beschäftigungslos, wie große Teile der weit überdimensionierten spanischen Flotte, bereiten sie Madrid und Brüssel beständige Kopfschmerzen. Die ein kluger EU-Kopf nun zumindest zeitweise versucht hat zu lindern. Mit Geldern aus dem Regionalfonds wurden Trawler in die Barentsee geschickt, um dort zu forschen. Nämlich nach Lehmschollen, die es in fast allen Meeren, auch in der Nordsee gibt, die aber kein Land kommerziell fischt. „Die Fischer“, weiß Olle Hagström vom Seefischlaboratorium im schwedischen Lysekil, „schmeißen die gleich wieder über Bord, weil sie als ungenießbarer Abfall gelten.

Das wird die EU kaum bezweifeln, weshalb man in Norwegen den Forschungsauftrag als einen plumpen Vorwand sieht. „Es ist nämlich unmöglich“, sagt Vigdis Harsvik vom norwegischen Berufsfischerverband, „die Lehmschollen zu fangen, ohne große Mengen Dorsch ins Netz zu bekommen.“ Oder umgekehrt: Wenn sie Glück haben, finden die Fischer in den Dorsch-gefüllten Netzen die eine oder andere Lehmscholle. Zum Wohl der Wissenschaft. Und die Dorsche? Wer will die schon über Bord werfen? Formell brechen die spanischen Fischer und ihre EU-Auftraggeber kein internationales Abkommen, verstoßen gegen keine Quotenregelung.

Norwegens Protest richtet sich nicht nur gegen die Schlitzohrigkeit der Dorschfischerei, sondern hat darüber hinaus einen ernsthaften Hintergrund. Die Regierung macht sich Sorgen um das biologische Gleichgewicht in der Barentsee. Mag die Lehmscholle auch für menschliche Gaumen ungenießbar sein, in der Nahrungskette des Meeres stellt sie ein wichtiges Glied dar. „Sie sollte daher ganz einfach in Ruhe gelassen werden“, sagt Dag Erling Stai vom Fischereiministerium in Oslo.

Das Verhältnis zwischen der EU und dem Nichtmitglied Norwegen ist sowieso angespannt, seit EU-Fischereikommissarin Emma Bonino mitgeteilt hat, die EU gedenke auf ihrer Suche nach neuen Fischgründen bald auch Hering im „Schmutzloch“ zu fangen. In diesem Meeresgebiet vor Island sind die Bestände dank Norwegens strenger Haushaltung endlich wieder gewachsen. Die Regierung hat wenig Lust, sie nun der EU zum Fraß vorzuwerfen. Reinhard Wolff

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen