: Mit Biss und Herzlichkeit
In ihren Bildern überflog sie Städte und Landschaften, in ihrem Leben fühlte sie sich in der DDR eingesperrt. Ausstellungen in Potsdam und Berlin erinnern an die Malerin Annemirl Bauer
Foto: Abb.: Annemirl Bauer Archiv © VG Bild-Kunst, Bonn 2026 Foto: Jens Ziehe
Von Katrin Bettina Müller
Hoch sind die Beine des Pferdes, damit dazwischen noch viel Landschaft zu sehen ist, gewellte grüne Hügelkuppen und ein tiefblauer See. Klein ist das Kind auf dem Rücken des Pferdes, wie Spielzeug wirken die Häuser, hingewürfelt am anderen Seeufer. „Elli auf dem Pferd“ von 1981 ist nicht nur eines von vielen schönen Kinderbildern von Annemirl Bauer. Sondern es nimmt mit seiner Freude an Farben und im unbekümmerten Umgang mit Perspektiven auch einen Ton an, als sei es eben auch für Kinder gemalt.
Grün, blau, gelb und rot leuchten die Kleider der „Kinder vom Prenzlauer Berg“, eng aneinandergerückt sind die drei, wahrscheinlich Freunde der Tochter Amrei. Im Bild „Kind und Großstadt“ ist die Straße hinter dem Mädchen hochgeklappt, Motorräder und Busse schieben sich laut ins Bild, die Hochbahn rattert vorbei. Diese Porträts begrüßen die Besucher im Minsk-Kunsthaus in Potsdam in der Ausstellung „Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt“. Annemirl Bauer (1939–1989) war eine Malerin aus der DDR, oft an den Rand gedrängt und gegängelt, die sich dennoch immer wieder kämpferisch einmischte: Sie machte Anwerbe-Versuche durch die Stasi und ihre Ablehnung öffentlich und kritisierte mangelnde Reisefreiheit in öffentlichen Eingaben als großen Fehler im System.
In der DDR war sie legendär als eine widerständige Malerin. In der Kunstgeschichte der Nachwendejahre hingegen blieb sie lange unbekannt, wohl auch, weil sie mit ihrer Hoffnung auf eine Veränderbarkeit der DDR nicht in das westliche Rezeptionsschema von angepasst gegen dissidentisch passte. Ihrem Vergessenwerden will die Ausstellung im Minsk nun mit einer Retrospektive, die immerhin 150 ihrer Werke vorstellt, entgegentreten.
„Männliche Herrlichkeit Gottes“ heißt ein Bild, mit dem sie 1988 gegen die Militarisierung der DDR-Gesellschaft und den Wehrdienst von Frauen im Fall der Mobilmachung protestierte und dies in einem Kontext von Sexismus, patriarchaler Vormacht und Übergriffigkeit stellte. Eine Reihe behelmter nackter Soldatinnen, ein Bein vorgestellt wie Revue-Girls, steht Soldaten gegenüber, Fluglinien von Kugeln sind angedeutet, eine gekreuzigte Frau blutet aus ihrem Schoß. „Herrlichkeit Gottes“ steht auf einem Geschoss, auf dem eine nackte Frau reitet. Inmitten dieses Kriegslärms und Schmerzgeschreis sitzt still und unglücklich eine Frau auf einer Kiste.
Im Stil von Annemirl Bauer klingen Expressionismus und Jugendstil nach, die Themen lassen an Paula Modersohn-Becker und George Grosz denken. Manches gleicht einer Karikatur: Ein Mann hockt in Melkstellung hinter einer vierfüßigen Figur mit baumelnden Brüsten, die mit den Vorderhufen den Bildtitel auf einer Schreibmaschine schreibt: „Mit weiblicher Zuarbeit ausgestattete männliche Führungsqualität“. Schrift ergänzt zur inhaltlicher Pointierung und als grafisches Element viele von Bauers Bildern.
Die Kuratorin Marie Gerbaulet hat im Minsk Bilder des Gefangenseins, in denen Annemirl Bauer sich selbst hinter Gitterstäben malte, ihren Reisecollagen gegenübergestellt. Bauer kam aus einer weltläufigen Familie, noch in den 1950er-Jahren war sie mit ihrer Mutter, ebenfalls Künstlerin, nach Südfrankreich gereist. Ihre Weigerung, sich als IM anwerben zu lassen, führte zur Ablehnung von Reiseanträgen und ihrem zeitweisen Ausschluss aus dem Verband bildender Künstler, womit auch Ausstellungen unmöglich wurden. Erst 1987/88 konnte sie wieder reisen, nach Paris. In Collagen verbindet sie ihr Gesicht mit dem Stadtplan und fliegt über ein ihr applaudierendes Publikum hinweg.
„Die Mauer ist überflüssig und überholt. Wenn man sie natürlich sofort wegnähme, würden bei uns wie bei der Öffnung eines Korsetts alle Muskeln und Bänder zusammenfallen. Deshalb meine Forderung für die nächsten fünf Jahre, ein für alle überschaubares System zur Öffnung der Mauer zu schaffen.“ Dieses Zitat von Annamirl Bauer von 1984 steht in der Galerie im Turm, Berlin Prenzlauer Berg, an der Wand. Dort zeigen die Kuratorinnen Sandra Teitge und Susanne Weiß die Ausstellung „Träumen – Annemirl Bauer und Bärbel Bohley“.
Beide Künstlerinnen verbindet, zeitweise aus dem Verband der bildenden Künstler in der DDR ausgeschlossen worden zu sein, füreinander eingetreten zu sein und für eine Veränderung der DDR gekämpft zu haben. Ihre „Träume“ galten einer besseren DDR. Der Ort der Ausstellung ist nicht zufällig gewählt: Die Galerie im Turm, die auch in DDR-Zeiten eine kommunale Galerie war, gehörte zu den Institutionen, an denen die beiden eben keine Ausstellung bekamen.
Annemirl Bauers Bildern, in denen sie sich selbst hinter Gittern zeigte, ist hier einer großen Arbeit von Bärbel Bohley gegenübergestellt, die zunächst abstrakt wirkt, dann aber Fuß- und Handabdrücke erkennen lässt. Sie wird mit dem Zählen der Schritte in einer Gefängniszelle in Verbindung gebracht; zweimal war die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley inhaftiert.
Auch Bohleys Thema waren die Frauen. Während Bauers Figuren stark und oft auch lebenslustig wirken, sind die Frauen Bohleys eher gebeugt, schwermütig und still. Worte scheinen verschluckt hinter der Hand, die den Mund bedeckt. Bauer nutzte Sprache und Schrift als ästhetisches und diskursives Element in ihren Bildern; bei Bohley verlagerte sich der Schwerpunkt ihrer Kreativität auf die Sprache der Politik.
Foto: Manfred Uhlenhut/ZB/picture alliance
Ein Foto von Barbara Klemm zeigt Bärbel Bohley am 4. November 1989 bei einer berühmt gewordenen Demonstration auf dem Alexanderplatz, hinter ihr Heiner Müller und Gregor Gysi. In einem Wandtext der Ausstellung ist eine Erinnerung Bohleys festgehalten, wie sie 1989 eine Grafik für eine Mappe beisteuern sollte, ihr Kopf aber schon anders beschäftigt war: „Manchmal ist die Kunst abwesend“, schrieb sie schließlich auf ein Papier und betrachtete das später als ihren Abschied aus der Kunst.
Annemirl Bauer starb im August 1989 an Krebs, sie erlebte die Maueröffnung nicht mehr. Ihre Tochter Amrei, damals erst zwanzig Jahre alt, übernahm den Nachlass ihrer Mutter, 16.000 Arbeiten: So viele nie gezeigte Bilder, bemalte Möbel, Türen, Fenster. Selbst gemachtes Spielzeug gehört dazu. Aus diesem Nachlass stammen viele der Werke im Minsk und in der Galerie im Turm.
Anfang der 1980er-Jahre hatte Annemirl Bauer einige Aufträge für architekturbezogene Wandbilder. Im Auftrag des Magistrats von Berlin entstand ihr „Berlin-Triptychon“, das dann aber nie ausgestellt wurde: Als zu provokant galt das prächtige Bild schon ob des Titels „Der Himmel über Berlin ist unteilbar“. Auf die Außenseiten der Flügel ist je eine angeschnittene Figur gemalt, die erst zugeklappt ein Ganzes bildet. Innen wimmelt es von Szenen, realistisch und fantastisch. Ein Krokodil reißt das Maul auf über einer Schriftstellerin, die auf einem Hausdach sitzt und schreibt. Verkehrsstau im Zentrum grenzt an die Idylle am Badesee nebenan. Viele kleine Bilderzählungen sind miteinander verschachtelt. Es ist nicht zuletzt Bauers Freude am dichten Erzählen, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Das Minsk, Potsdam, „Annemirl Bauer. Bruch ist in der Welt“, bis 7. Februar 2027
Galerie im Turm, Berlin, „Träumen – Annemirl Bauer und Bärbel Bohley“, bis 8. November 2026
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