Missbrauch bei christlichen Pfadfindern: Keine „ideale“ Gemeinschaft
Eine neue Studie belegt hunderte Fälle sexuellen Missbrauchs bei den christlichen Pfandfindern. Täter*innen nutzten Machtgefälle und Abhängigkeiten.
KNA | Manchen gelten Pfadfinder als ideale Gemeinschaft. Doch auch dort gibt es sexuelle Übergriffe. Im größten evangelischen Pfadfinderverband Deutschlands hat es einer Studie zufolge seit den 1970er Jahren mehrere hundert Missbrauchsfälle gegeben. Seit 1973 sei „mindestens 344 Personen im Verantwortungsbereich des Verbandes Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) sexualisierte Gewalt widerfahren“, hieß es am Dienstag bei der Vorstellung der Aufarbeitungsstudie in Kassel.
Betroffen waren demnach zu 60 Prozent Mädchen, zu knapp 40 Prozent Jungen und zu unter einem Prozent diverse Personen, so die Autoren der sozialwissenschaftlichen Studie. Zwei Drittel der Betroffenen waren bei Tatbeginn zwischen 13 und 17 Jahre alt.
Mindestens 161 Personen – davon 158 männlich und 3 weiblich – hätten im VCP sexualisierte Gewalt verübt oder seien entsprechender Taten beschuldigt worden. Fast die Hälfte dieser mutmaßlichen Täter war demnach zum Tatzeitpunkt zwischen 18 und 24 Jahre alt. Die Hälfte der Taten sei nach dem Jahr 2000 begangen worden.
Mehr als die Hälfte der Taten fand den Angaben zufolge bei Pfadfinderlagern oder auf Fahrten statt. In über einem Drittel der Fälle sei die sexualisierte Gewalt „mit Eindringen in den Körper“ verbunden gewesen.
79 Interviews und 1.300 Seiten Akten
Erstellt wurde die Studie vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München und dem „Dissens – Institut für Bildung und Forschung“ in Berlin. Vorgestellt wurde sie in der Bundeszentrale des VCP in Kassel bei einer Pressekonferenz.
Im Fokus der Studie stand der Zeitraum ab 1973, dem Gründungsjahr des VCP, bis 2024. Der Verband hat nach eigenen Angaben rund 47.000 Mitglieder. Die Datenbasis der Studie bildeten 79 qualitative Interviews mit – teilweise ehemaligen – VCP-Mitgliedern. Zudem seien rund 1.300 Seiten Akten zu etwa 100 Verdachtsfällen sexualisierter Gewalt ausgewertet worden.
Marlene Kowalski, Mitglied im Beirat zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im VCP, sagte, mit der Studie werde „eines der dunkelsten Kapitel“ in der Geschichte des Verbandes ausgeleuchtet. Es zeige, „wie Kinder und Jugendliche, die im Pfadfinden Solidarität, vertrauensvolle Beziehung, Bindung und persönliche Stärkung gesucht haben, dort auch Erfahrungen von Machtmissbrauch, Übergriffen und sexualisierter Gewalt von Erwachsenen, älteren Jugendlichen oder Gleichaltrigen machen mussten“.
„Planvolles Vorgehen“
Zwei Fallkonstellationen stechen hervor: Erstens eine „klare Machtasymmetrie in der Beziehung zwischen erwachsenen VCP-Mitgliedern, die häufig als Gruppen- oder Stammesleitungen agieren, und anvertrauten Kindern und Jugendlichen“. Hier sei „ein planvolles Vorgehen“ der Täter festzustellen. Zweitens sexualisierte Gewalt gegen jugendliche Pfadfinderinnen durch etwas ältere, männliche Pfadfinder im Zuge erster Erfahrungen von Intimität, Liebe und Freundschaft.
Eine Missbrauchsbetroffene erklärte in ihrem Statement: „Wir haben nicht zu leise oder zu wenig Nein gesagt. Diese Menschen wollten unser Nein nicht hören – egal wie laut.“
Die Studie zeigt nach Angaben der Forscher, dass eine „Idealisierung des Gemeinschaftsgefühls“ bei den Pfadfindern zu einer „kollektiven Verklärung“ führen könne. Die Folge: Machtgefälle und Abhängigkeiten würden nicht erkannt. Es sei dann erschreckend, „wenn der einst bewunderte Gruppenleiter als Täter sexualisierter Gewalt identifiziert wird“.
Hinzu komme: Manche Täter hätten sich über ihr Ansehen in der Kirche, ihre dortigen Netzwerke und ihre Selbstinszenierung als „besonders fromm“ davor schützen können, dass ihre Taten aufgedeckt worden seien.
„Hinweise nicht ernst genug genommen“
VCP-Bundesvorstand Peter Keil bilanzierte: „Wir haben Hinweise übersehen oder nicht ernst genug genommen, Betroffenen nicht die Sicherheit gegeben, offen zu sprechen, und Gefahrensituationen nicht früh genug erkannt.“
Vor zwei Jahren hatte sich der interkonfessionelle und überparteiliche Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) in Deutschland seiner dunklen Vergangenheit gestellt: Von 1976 bis 2006 gab es dort mindestens 103 Betroffene sexualisierter Gewalt, wie eine im Februar 2024 veröffentlichte Studie ergab, ebenfalls von den Forschungsinstituten IPP und Dissens erstellt. Der Taten beschuldigt wurden damals 36 Personen – die meisten männlich.
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