Mindestens 17 Tote und 154 Verletzte: Bombenexplosionen in Istanbul

Zwei tödliche Anschläge in einer belebten Fußgängerzone haben am Sonntagabend die türkische Metropole erschüttert. Wer sie warum begangen hat, ist unklar. Aber es gibt Theorien.

"Abstoßende Terroranschläge": Untersuchungen des Tatorts in Istanbul. Bild: dpa

ISTANBUL dpa/afp/ap/rtr Bei einem Bombenanschlag am Sonntagabend in der türkischen Metropole Istanbul sind 15 Menschen sofort getötet worden, zwei weitere überlebten nur wenige Stunden. 154 Menschen wurden verletzt, darunter einige sehr schwer, berichtete der Nachrichtensender CNN-Turk am Montag unter Berufung auf Krankenhausärzte. Nachdem zunächst von einer "Gasexplosion" die Rede war, sprach die Regierung am Montag von einem Terroranschlag. Welche Terrorgruppe das Attentat verübt habe, sei jedoch unklar, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Hayati Yazici.

Die Sicherheitsbehörden vermuteten die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK hinter dem Anschlag, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV. Auch andere Medien mutmaßten, die Bomben könnten eine Antwort auf die Blitzangriffe der türkischen Luftwaffe auf den Nordirak sein. Dabei waren zwölf Stellungen von PKK-Rebellen getroffen worden, von denen aus die Offensiven in Anatolien starten. Einem Bericht der Zeitung Milliyet zufolge soll sich die PKK allerdings von den Bombenanschlägen distanziert haben. In der Vergangenheit hatten kurdische Separatisten, Linksextremisten und Islamisten Bombenanschläge in Istanbul verübt.

Nach Angaben der Behörden gab es am Sonntagabend zwei Detonationen in einer belebten Fußgängerzone im Stadtteil Gungoren, wo zu dem Zeitpunkt viele Familien zum Abendessen oder zum Teetrinken waren. Zunächst sei eine laute Explosion zu hören gewesen und deshalb seien viele Menschen auf die Straße gelaufen. Dort habe es zehn Minuten später und nur 50 Meter entfernt eine zweite Explosion gegeben. Der stellvertretende Regierungschef Hayati Yazici sagte, der zweite Sprengsatz sei in einem Müllcontainer explodiert. Nach Angaben von Istanbuls Gouverneur Güler handelte es sich bei der Tat nicht um einen Selbstmordanschlag. Es sei aber offensichtlich das Ziel gewesen, so viele Menschen wie möglich zu treffen.

Die Zeitung Milliyet berichtet weiter, dass die Polizei bereits drei Jugendliche im Zusammenhang mit den Anschlägen festgenommen haben soll. Die 16 und 17 Jahre alten Jugendlichen seien im Keller einer Wohnung in der Nähe des Explosionsort aufgegriffen worden. Die Polizei habe damit am Sonntagabend auf einen Hinweis von Anwohnern reagiert. Die drei hätten erklärt, sie hätten sich im Keller versteckt, weil sie nach den Explosionen Angst bekommen hätten, schrieb das Blatt.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte den Anschlag in einer ersten Reaktion am Rande seines Afghanistan-Besuchs in Masar-i-Scharif. "Deutschland ist in dieser schwierigen Lage an der Seite der Türkei und seiner Menschen." Er sprach den Angehörigen der Opfer sein Mitgefühl aus und wünschte den Verletzten eine rasche und vollständige Genesung.

Auch Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer verurteilte die Anschläge auf das Schärfste. In einer am Montag veröffentlichten Erklärung sprach er von "abstoßenden Terroranschlägen", die auf brutale Art auf unschuldige Zivilpersonen gezielt hätten.

Die Detonationen ereigneten sich nur Stunden vor Beginn der Beratungen des Verfassungsgerichts über ein mögliches Verbot der Regierungspartei AKP. Das Thema hat die Türkei in den vergangenen Monaten zutiefst gespalten. Der AKP wird vorgeworfen, gegen das Verfassungsgebot eines säkularen Staates zu verstoßen und eine Islamisierung der Türkei anzustreben. Die Staatsanwaltschaft hat neben dem Verbot der Partei beantragt, der gesamten Führungsriege der AKP fünf Jahre lang jegliche politische Tätigkeit zu untersagen. Die AKP hat die Vorwürfe zurückgewiesen. Ein Verbot der AKP dürfte den langwierigen EU-Beitrittsprozess des der Türkei weiter belasten.

Beobachter rechnen für Anfang August mit einem Richterspruch, und die meisten von ihnen erwarten ein Verbot der AKP. Türkische Gerichte haben in den vergangenen Jahrzehnten mehr als 20 Parteien unter anderem wegen islamistischer Vorwürfe verboten, darunter im Jahr 2001 auch einen Vorläufer der AKP.

Istanbul war zuletzt 2003 von einer Serie schwerer Anschläge erschüttert worden. Bei Selbstmordattentaten auf zwei Synagogen, das britische Konsulat und auf eine britische Bank wurden insgesamt 57 Menschen getötet. 2006 kam bei einer gegen Polizisten gerichteten Bombenexplosion in einem Internetcafé ein Mensch ums Leben, 16 weitere wurden verletzt. Anfang Juli schließlich eröffnete eine Gruppe Bewaffneter, die Verbindungen zur Terrororganisation Al Kaida gehabt haben sollen, das Feuer auf Wachleute des US-Konsulats. Drei Beamte und drei der Angreifer wurden getötet.

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