Migration und Integration: Was tun mit den Flüchtlingen?

Der Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ zeigt, wie in der norddeutschen Provinz mit Asylbewerbern umgegangen wird.

Vor dem psychischen Zusammenbruch: Larisa mit ihrer Mutter und ihren fünf Brüdern aus Tschetschenien. Bild: Torsten Reimers/Pier53

BREMEN taz | Manchmal kommt ein Film zur richtigen Zeit. Der Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ hat heute seinen Kinostart. Er wirkt wie ein Kommentar zu dem Rücktritt des ehrenamtlichen Bürgermeisters von Tröglitz in Sachsen-Anhalt. Dieser sah sich durch Rechtsextreme bedroht, weil es Pläne des Landkreises gibt, in seinem Ort Asylbewerber unterzubringen.

Wie sieht der alltäglich Umgang mit Asylbewerbern in der deutschen Provinz aus? Eine Antwort darauf liefert diese Dokumentation. Fast ein Jahr lang begleiteten Carsten Rau und Hauke Wendler mit ihrer Kamera Flüchtlinge, Bürger, die sich gegen die Ansiedlung von Flüchtlingen in ihrem Ort wehren, und Bedienstete einer Landkreisverwaltung.

Dafür gingen sie in die wohlgeordnete norddeutsche Provinz. Südlich von Hamburg leben im Landkreis Harburg 240.000 Einwohner. Dort gibt es keine Zuspitzung wie in Tröglitz, also keinen rechtsradikalen Mob und keinen belagerten Staatsdiener, und deshalb ist hier ein genauer Blick möglich und nötig.

Die erste Überraschung ist, dass man Anwohner, die sich dagegen wehren, dass Flüchtlinge in ihrem Ort untergebracht werden, durchaus verstehen kann. Das Dorf Appel hat ganze 415 Einwohner und dort soll ein ehemaliges Altersheim so umgebaut werden, dass 53 alleinstehende Flüchtlinge darin wohnen können. Dadurch würde sich das Dorfleben grundsätzlich ändern und wenn einer der Begründer einer Bürgerinitiative gegen diesen Umbau sagt, er fühle sich „von den Politikern und der Verwaltung in Stich gelassen“, kann man dies gut nachvollziehen.

Bei Bürgerversammlungen fallen dann aber auch bedenkliche Bemerkungen. Es wird davon gesprochen, dass die Töchter sich nicht mehr trauen würden, alleine auf die Straße zu gehen. Man würde sich „einfach unwohl fühlen“, und wenn dann der Leiter des Fachbereichs Soziales Reiner Kaminski aus Harburg anreist, um seine Pläne zu verteidigen, wird er bei der Bürgerversammlung beschimpft.

Die Filmemacher beginnen diese Sequenz mit der Nahaufnahme eines gefüllten Bierglases, denn die Versammlung findet in der Kneipe „Deutsches Haus“ statt, wo eine Stammtischatmosphäre herrscht. Aber die Filmemacher versuchen, beiden Seiten gerecht zu werden.

Sie zeigen, wie sich die Bürger von Appel gegen die Ansiedlung wehren und auch die Bemühungen des Landesbediensteten, der die Filmemacher sogar dazu einlädt, Lagebesprechungen in seinem Amt mitzufilmen. Dort spricht er dann von der „Willkommenskultur“ während gleichzeitig an seinem Tisch davon die Rede ist, dass die Behörden Flüchtlinge wieder „ausweisen können“. Es ist eine der Qualitäten des Films, dass Rau und Wendler immer wieder solche Zwischentöne einfangen.

In einem zweiten Erzählstrang zeigen sie ein bereits bestehendes Wohnprojekt für Flüchtlinge im Landkreis Harburg. In der Gemeinde Tespe wurde eine ehemalige Sparkassenfiliale so umgebaut, dass darin einige Familien leben können. Dort ist eine Mutter mit sechs Kindern aus Tschetschenien eingezogen.

Zu Beginn der Dreharbeiten war die einzige Erwachsene in der Familie psychisch zusammengebrochen und in eine Klinik in Lüneburg eingeliefert worden. So erzählt ihre älteste Tochter Larisa bei den ersten Aufnahmen davon, dass es Anfeindungen aus der Bevölkerung gab. Wenn abends ein Kind auf dem Balkon weinte, wurde gleich die Polizei gerufen und auch die ständige Angst davor, abgeschoben zu werden, überforderte ihre Mutter.

Zugleich spricht die junge Frau von der „schönen großen Wohnung“, die ihnen zugewiesen wurde. Im Laufe der Dreharbeiten wird auch sie die Grenzen ihrer Kräfte überschreiten müssen und schließlich liegt auch sie nach einem Zusammenbruch im gleichen Krankenhaus wie ihre Mutter. Doch inzwischen gibt es Hilfe aus dem Ort.

Die Rentnerin Ingeborg Neupert aus Tespe hat eine Art von Patenschaft für die Flüchtlinge in dem Haus übernommen. Sie bringt ihnen die deutsche Sprache bei, berät sie in ihrem Umgang mit den Behörden, die ständig mit der Ausweisung drohen und kümmert sich, nachdem beide Versorgerinnen ausgefallen sind, gemeinsam mit einer Freundin um die Familie. So wird eine Unterbringung der kleinen Kinder in einem Heim vermieden, wofür auch Kaminski vom Landkreis verantwortlich ist, der sich als erstaunlich engagiert und fürsorglich erweist.

Rau und Wendler zeigen, wie beschwerlich und karg das Leben der Flüchtlinge in Tespe ist. So begleiten sie auch das Ehepaar Malik und Abida, das aus Pakistan fliehen musste, weil er ein Muslim und sie eine Christin ist. Die beiden ziehen in das Haus in Tespe ein und es wird deutlich, wie absolut und mühsam ihr Neuanfang in diesem ihnen völlig fremden Land ist.

In Appel gab es inzwischen eine erstaunliche Entwicklung. Die Unterbringung von 53 Flüchtlingen im Ort wurde zwar durch politische Tricksereien mit Bebauungsplänen und Baugenehmigungen verhindert, aber der Wirt des örtlichen Gasthofs hatte bei den ersten Verhandlungen angeboten, Zimmer für elf Flüchtlinge in seinem Haus bereitzustellen. Dies klang damals nach nicht viel mehr als einem taktischen Zug, aber das Angebot wurde nicht zurückgezogen und so zeigt der Film, wie eine Gruppe von Flüchtlingen aus Albanien in das „Deutsche Haus“ in Appel einzieht.

Rau und Wendler schauen genau hin und machen so deutlich, wie schwierig und widersprüchlich das Problem für die Betroffenen ist. Alle Protagonisten werden mit ihren Ängsten und Bemühungen ernst genommen, und so ist schließlich der eher steif wirkende Fachbereichsleiter Kaminski genauso ein Held des Films wie die vielgeplagte Larisa aus Tschetschenien und die 80-jährige Flüchtlings-Patin Ingeborg Neupert. Der Film endet deshalb hoffnungsfroh, aber die porträtierten Flüchtlinge leben weiter in einem Zwischenreich, denn bis zum Ende der Dreharbeiten wurde über keinen ihrer Asylanträge entschieden.

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