Mietenpolitik als Klassenkampf

„Die Angst, ausziehen zu müssen“

Mietenwahnsinn: HAU- Theaterfestival „Berlin bleibt!“. Wir sprachen mit Christiane Rösinger, die dort die Mietenfrage behandelt – als Musical.

Sängerin Christiane Rösinger im Porträt vor einen Ziegelwand

Foto: Marius Becker/dpa

taz: Christiane Rösinger, heute wird dein Musical uraufgeführt. Was wird geschehen?

Christiane Rösinger: Es ist ein Musical, entstanden als Auftragsarbeit für das HAU Hebbel am Ufer, in dem ununterbrochen gesungen wird. Auch die Zwischenteile sind rezitativ. Es ist ein Berlin-Musical. Die Stadt ist unter schlechtem Einfluss.

Unter welchem Einfluss?

Die Stadt wird verkauft. Für uns ist angeblich kein Platz mehr darin. Die Stadt ist nur noch etwas für Reiche; für akademische Doppelverdiener, Leute, die erben und Eigentum erwerben können. Und für die anderen ist angeblich kein Platz mehr. Wir Mieter*innen sind lästig bei der Verwertung.

Christiane Rösinger,

58, ist Musikerin und Autorin. Sie kam 1985 nach Berlin, beschäftigte sich viel mit Paar- und Kapitalismuskritik.

Aber wir dürfen nach unserer Verdrängung vielleicht noch aus den Outskirts zum Jobben kommen?

Wir sollen noch zum Arbeiten herkommen, denn so ganz ohne Service funktioniert die Stadt nicht. Wir sollen das wenige Geld, das wir haben, auch hier verkonsumieren. Aber wohnen und schlafen woanders.

Wir sind zu unappetitlich?

Das ist egal – Geld und Eigentum. Darum geht’s.

Was tun?

Es gibt Leute, die sich dagegen wehren. Die Mieter*innen stressen zurück!

Du bist die Hauptfigur?

Das bin seltsamerweise ich, ja. (lacht) Ich spiele ununterbrochen. Es geht aber um verschiedene Menschen, die verschiedene Probleme mit ihrer Wohnung haben. Bei mir sollen die Mietwohnungen in dem Haus, in dem ich seit 30 Jahren wohne, in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Ich habe Angst davor, ausziehen zu müssen.

So ergeht es dir wirklich?

Ja, das ist bei mir wirklich so. Es gibt eine Szene davon im Musical: Scharen von Käufern kommen zur Besichtigung und laufen durch meine Wohnung. Das ist eine der entwürdigendsten Situationen, die man sich vorstellen kann. Das ist mir geschehen!

„Berlin Bleibt!“ Das Festival startet heute Abend um 18 Uhr in der ehemaligen Post-Filiale und läuft bis zum 5. 10. Neben dem Musical von Rösinger „Stadt unter Einfluss“ gibt es Performances, Lesungen und Workshops zum Thema Wohnraum. In einem Projektraum sollen Künster*innen und Initiativen Rekommunalisierung, (post-)migrantisches Leben und die Erhaltung von Lebens- und Kulturräumen thematisieren können. She She Pop zeigt die Produktion „Oratorium“, Hans-Werner Kroesinger und Regina Dura lesen aus „Mietsachen“, es wird der Film „Kamil Mode – Wie wollt ihr Leben?“ uraufgeführt, und es gibt Konzerte von Special-K und Egill Sæbjörnsson. Zum Abschluss gibt es am 5. 10. eine Kiez-Party und eine Werkstatt zur Enteignung und Vergesellschaftung in Zusammenarbeit mit vielen Mieter-Inis. Infos unter hebbel-am-ufer.de/berlin-bleibt. (gjo)

Bei uns kam ein neuer Eigentümer in die Neuköllner Nogatstraße, netter junger Erbe im Alternativo-Look. Er hatte das ganze Mietshaus gekauft und dann uns mit unserer Tochter, die noch nicht ein Jahr alt war, und zwei Nachbarn rausgeklagt. Das Gericht gab ihm recht, weil er angeblich drei Wohnungen für sich und sein Hobby-Fotolabor braucht. Das hat er im Kinderzimmer unserer Tochter eingerichtet. Wir haben uns bis heute nicht ganz davon erholt. Alle anderen in dem Haus zahlen ihm jetzt am Anschlag steigende Mieten, er wohnt mittendrin. Bizarr?

Ja, wir sind viele und stehen alle unter diesem schlechtem Einfluss. Bei uns im Musical gibt es ein Pärchen, das sich nicht trennen kann. Sie wohnen in einer ganz kleinen Wohnung und finden keine andere. Eine andere hat drei Jobs, um ihre Miete bezahlen zu können. Das sind so die Mieterprobleme. Ein schlechter Einfluss ist aber auch die Touristifizierung der Stadt.

Man muss seine Mietwohnung vermarkten, um die Miete bezahlen zu können. Die Kommodifizierung der Gastfreundschaft?

Ja, Airbnb ist ein Problem. Alles wird auf Touristen-Fressläden ausgerichtet und für die Bewohner gibt es keine Bäckereien mehr. Das sind so die Einflüsse, gegen die man sich wehren muss. Die Mutlosen sagen, dagegen kann man sich nicht wehren. Dagegen sagen die anderen: Doch! Du kannst doch etwas machen. Das ist so plakativ, wie es im Musical sein muss. Man solidarisiert sich, wir solidarisieren uns. Wir nehmen uns das Recht auf Wohnen!

Sängerin Christiane Rösinger von Frauen umringt und einem Schild mit der Aufschrift "Wir bleiben alle"

Foto: Dorothea Tuch

Nicht nur eine virtuell-liberale Berechtigung zu, sondern das ökonomische Recht, das real durchgesetzte Recht auf?

Genau! Und dann kommt es natürlich zum Kampf von Gut gegen Böse, wie im Märchen auch. Zum Schluss siegt das Gute. Ich sage noch nicht genau wie. Aber ich kann sagen, dass es ein Wunder gibt durch deus ex machina.

Ein Theatermittel seit der Antike. Wie auch der Chor, den du auch einsetzt. Wie hast du dein Ensemble gefunden?

Die Band begleitet mich ja auch auf meiner Solotournee. Mit Andreas Spechtl (Sänger und Texter der Band Ja, Panik!, d. Red.) arbeite ich schon seit über zehn Jahren zusammen. Und durch meine Flittchenbar am Kotti bin ich mit vielen Musiker*innen befreundet. Es spielt kein einziger Schauspieler mit. Das ist das Prinzip.

Wie hast du die Miet­akti­vist*innen gefunden?

Ich wohne in der Nähe von der Wrangelstraße. Die Initiative Bizim Kiez veranstaltet dort viel auf der Straße: Reden, Performances, Musik, Versammlungen. Und dann bin ich einfach mal zu einem Plenum gegangen, wie es halt so ist. Dort habe ich erst mal meine Idee vorgetragen. Wir sind jetzt rund 20 Leute im Ensemble, haben Ende Mai erst mal ohne den Chor probiert und nun seit 12. August auch mit dem Expert*innen-Chor.

Du bist Popmusikerin, solo, mit den Lassie Singers und der Band Britta. In deinem Stück „Eigentumswohnung“ singst du, „der Kapitalismus ist an allem schuld, wir verlieren die Geduld“. Das ist, gelinde gesagt, griffig. Kommt das Arbeiterlied in der Form des Protestsongs zurück?

Ha, das muss man sich erst mal trauen! Ich fand so was schon immer gut. Ich sag ja immer, ich war als Kind schon links. Irgendwie hat es sich dann so ergeben. Ich war ja auf das Thema der überbewerteten Liebe spezialisiert, den Pärchenterror. Das war irgendwann durcherzählt. Ab dem Britta-Lied „Wer wird Millionär?“ ging es dann um Gesellschaftliches, um Protest und Anprangerung. Mein großes lyrisches Vorbild ist ja Heinrich Heine. In seinen Gedichten ist es Liebeslyrik und Verzweiflung, in seinen sogenannten Reisebildern hat er deutsche Zustände angeprangert.

Und bist du auch um den Schlaf gebracht?

Ja, aber das ist normal. Ich gehe jeden Abend mit einem anderen Satz und einer anderen Melodie ins Bett. Gestern das: (singt) „In Wien werden die Leute vor Spekulation mit Wohnraum geschützt.“ Aber das geht dem ganzen Ensemble so.

Und das ist auch Teil des Musicals?

Ja. Es gibt ein Lied, das Andreas Spechtl geschrieben hat, „Gemeindebau“ über Wien als Vorbild für Berlin. Dann gibt es eine Coverversion des Stückes „Loswerden“ der Band „Die Regierung“. Den Rest habe ich selbst geschrieben. Insgesamt sind 21 Songs im Musical! Die Dinge sind natürlich komplexer, als man es in einem Musical in Reimform darstellen kann. Aber bis vor Kurzem war es ja fast verpönt, den Kapitalismus anzuprangern. Bei meinem Erlebnis mit der Wohnung hieß es dann: „Tja, wer halt keine Eigentumswohnung kaufen kann, hat Pech gehabt.“ Und dazu ist mir dann ein Zitat eingefallen von Heiner Müller, der ja auch mal mein Nachbar in der Muskauer Straße war: „Die Mietenpolitik hier im Land ist Klassenkampf!“ Und das ist einfach richtig. Es ist Klassenkampf. Das ist schwarz-weiß und nicht grau.

Es steht also Klasse gegen Klasse. Und nun?

In einer Demokratie kann man eingreifen. Wir können dafür sorgen, dass der Staat Gesetze macht, Wohnraum für alle besorgt und der Mieter zum Beispiel vor Eigenbedarfskündigungen wie bei dir schützt. Das ist gar nicht schwer, dafür braucht man nur ein Gesetz. Die Erben sollen sie sich Wohnungen kaufen, die sowieso leer­stehen, oder neu bauen. Aber sie dürfen die Leute nicht aus deren Wohnung jagen. Ganz einfach.

Und das willst du im inzestuösen bundesdeutschen Theaterwesen anschieben?

Diese tollen alten Kästen müssen sich öffnen, demokratisieren und die Stadt widerspiegeln. Von daher ist es meines Erachtens nicht so, dass man die Bewegung korrumpiert, wenn man sie ins Theater holt.

Werden wir ein glückliches Ende erleben?

Die Mieter solidarisieren sich und beschließen, wirklich etwas zu machen. Der Song dazu: „Mieter*innen stressen zurück“. Es kommt zum Straßenkampf zwischen den Immobilienschaffenden und den Leuten in der Demo. Das Kriegsglück schwankt hin und her. Und dann kommt etwas auf die Bühne, was uns zum großen, erstrebenswerten Sieg verhilft. Und was das ist, das ist eben die Überraschung.

Autor und Interviewte kennen sich und duzen sich deshalb im Interview.

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