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Metalband Hämatom auf Ukraine-Tour„Musik machen für die Menschen“

Die deutsche Metalband Hämatom gastierte kürzlich in der Ukraine. Ihre Konzerte fanden unter prekären Bedingungen statt. Eindrücke aus einem geschundenen Land.

Auf der Bühne immer mit Maske: die fränkische Thrashmetal-Band Hämatom Foto: Nico Scholl

Hämatom ist eine Thrashmetal-Band aus Oberfranken. Gegründet 2004, sind die Songtexte Deutsch gesungen. Thorsten „Nord“ Scharf, Jacek „Ost“ Zyla, Annika „Rose“ Jaschke und Frank „Süd“ Jooss tragen bei Konzerten charakteristische Horrormasken. Zuletzt erschien das Album „Für dich“ (2025). Vor Kurzem gastierte Hämatom für einige Konzerte in der Ukraine. Hämatom-Gitarrist Jacek „Ost“ Zyla schildert seine Eindrücke.

taz: Als Band durch die kriegsgeschundene Ukraine zu touren, ist ein echtes Wagnis. Was führte zu dieser Entscheidung?

Jacek Zyla: Im Sommer haben wir von einem Veranstalter aus der Ukraine eine Anfrage für Konzerte erhalten. Er sieht es als Zeichen des Widerstands, die Kulturlandschaft dort weiter am Leben zu halten. Als wir gefragt wurden, ob wir uns das vorstellen können, bin ich erst mal innerlich zusammengesackt. Aber nach wenigen Sekunden habe ich gesagt: Lass unbedingt machen!

taz: Sie sind in Polen geboren. Hat die Entscheidung auch etwas mit Ihrem familiären Hintergrund zu tun?

Zyla: Auf jeden Fall. Ich bin im August 1989, drei Monate vor dem Mauerfall, mit meinen Eltern aus Polen abgehauen. Zu dieser Zeit konnte sich noch niemand vorstellen, dass die Sowjetunion zusammenbricht. Der komplette Ostblock stand unter sowjetischer Herrschaft, Osteuropa wurde de facto von Russland kontrolliert. Das trägt grundsätzlich dazu bei, dass ich eine andere Sicht auf die Bedrohung aus Russland habe als manch andere, die im Westen aufgewachsen sind.

taz: Wie liefen die Konzerte ab?

Zyla: In Lwiw war es relativ normal, aber die Sicherheitsvorkehrungen sind immer präsent: Du kommst in den Club oder ins Hotel und schaust dir erst einmal den Luftschutzbunker an. Und dann muss man sich mit den Stromausfällen auseinandersetzen.

taz: Die Russen greifen immer wieder die kritische Infrastruktur an.

Zyla: Bei uns trat es vor Konzertbeginn ein. Aber auch während des Konzerts kam der Veranstalter zu uns und meinte, dass wir zu den Generatoren umschalten müssen. Dann wurde es kurz dunkel und ruhig.

taz: Wie würden Sie ihr Publikum charakterisieren?

Zyla: Sehr gemischt, vom 5-jährigen Kind mit Eltern bis zum 70-jährigen Veteranen. Es war große Dankbarkeit zu spüren, die uns fast schon peinlich war – dafür, dass wir trotz abnehmender Solidarität in die Ukraine reisen und Konzerte spielen. Dabei feiern wir ja eher ab, wie sich die Ukrainer als David gegen den russischen Goliath stemmen und so unsere Freiheit verteidigen.

taz: Und wie war das zweite Konzert in Kyjiw?

Zyla: In Kyjiw spielten wir beim B-Mall Festival, also in einer Mall. Während des Auftritts der Vorband setzten die Sirenen ein. Alle mussten in die Tiefgarage, wir in unseren Kostümen und Masken – zum Glück dauerte es nicht lange. Das Konzert war noch einmal eine Nummer größer als in Lwiw, die Leute waren euphorisch. Trotzdem leerte sich allmählich der Konzertsaal. In den Gesichtern der Veranstalter war Anspannung zu sehen. Denn es gab Informationen von der Luftaufklärung, dass die Russen Marschflugkörper und Unmengen an Drohnen Richtung Kyjiw abgeschossen hatten.

taz: Was ist dann passiert?

Zyla: Wir haben kurz vor dem Angriff unser Hotel erreicht. Wir wollten erst noch eine rauchen, bevor es in den Bunker ging, und in diesem Moment hörten wir schon eine Explosion – nah genug, dass der Boden gezittert hat. Wir schmissen sofort die Kippen weg und rannten in den Schutzraum. Es war der längste Luftalarm in Kyjiw seit Kriegsbeginn, er ging bis halb 9 Uhr morgens. Es gab drei Tote und zahlreiche Verletzte.

taz: Was ist Ihnen ansonsten in Erinnerung geblieben?

Zyla: Beeindruckt hat mich vor allem die Stärke der Ukrainerinnen. Die Frauen schmeißen gerade das Land, viele Männer sind an der Front. Eindrücklich fand ich auch den Maidan. Diese tiefe Traurigkeit, die der Platz ausstrahlt. Hunderte, Tausende von Bildern von verstorbenen Soldaten – und Soldaten, die um ihre Kameraden trauern. Aber auch generell dieser Kampfwille, diese Ungebrochenheit der Ukrainer, die sie nach wie vor an den Tag legen.

taz: Wie fielen die Reaktionen Ihrer Fangemeinde auf die Ukraine-Tour aus?

Zyla: Sehr gemischt und teils erschreckend. Manche Kommentare bei Facebook waren unter der Gürtellinie. Von „An die Front mit Euch!“ bis „Ab in die Gaskammer!“ oder „Ich suche mir eine andere Band.“ Das geht bis in den privaten Bereich bei Leuten, die man sonst gern mag. Ich bin bei der Frage, wer in diesem Krieg Aggressor und wer Opfer ist, kompromisslos. Denn das ist doch eindeutig. Aber ich will nicht beim Negativen bleiben, es gab schließlich sehr viel positives Feedback.

taz: Werden Sie wieder in die Ukraine reisen?

Zyla: Ja. Ich wäre am liebsten gleich am nächsten Tag wieder zurück, um etwas Sinnvolles zu tun, was wir nun mal tun können: Musik machen für die Leute.

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