piwik no script img

Menschen, Tiere, Sensationen„Ich glaube ja, der Wal ist ziemlich doof“

Der Buckelwal in der Ostsee macht die Medien ganz wuschig. Einen Namen hat er auch schon. Eine Nachrichtenagentur stellt ihn in eine Reihe mit Knut.

Sind so süße Kulleraugen: Timmy hat es immerhin schon bis zur Wismarer Bucht geschafft Foto: Philip Dulian/dpa

dpa/afp/taz | Tiere und Kinder gehen immer, lautet eine angeblich goldene Regel im Journalismus. Unabhängig davon ist auch ein Teil der taz-Redaktion schwer fasziniert von dem seit Tagen in der Ostsee umherirrenden Buckelwal und den damit einhergehenden Rettungsversuchen.

Aktuell befindet sich das Ungetüm in der Wismarer Bucht. Er war dort auf einer Sandbank gestrandet. In der Nacht zu Sonntag konnte er sich mit steigendem Wasserstand zwar wieder freischwimmen, nun scheint er aber erneut festzustecken.

Die Rettungsaussichten für den Wal haben sich dabei deutlich verschlechtert. „Die Prognose sieht insgesamt nicht gut aus“, sagte der Meeresforscher Burkard Baschek am Sonntag in Wismar nach einer Begutachtung vor Ort. Dem Wal solle jetzt Ruhe gegeben werden, damit er sich womöglich ein weiteres Mal und dann definitiv selbst freischwimmt.

Das Tier war zunächst seit Montag auf einer Sandbank bei Timmendorfer Strand an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste gestrandet, in der Nacht zu Freitag konnte er sich dann das erste Mal freischwimmen, nachdem Hel­fe­r:in­nen mit Baggern den Meeresboden um das Tier ausgehoben und ihm eine Rinne gegraben hatten.

Timmy. Weil: Timmendorfer Strand

Jetzt steckt er also wieder fest. Ein taz-Redakteur kommentiert die neueste Wal-Entwicklung am Sonntagvormittag knapp mit: „Ich glaube ja, der Wal ist ziemlich doof.“ Doof hin oder her: Die Anteilnahme an dem Tierschicksal ist groß, der Boulevard (und nicht nur der) hat bereits ein „Wal-Drama“ ausgerufen. Und einen Namen hat man dem 12 bis 15 Meter langen Meeressäuger auch schon verpasst: „Timmy“. Weil: Timmendorfer Strand.

Die Nachrichtenagentur dpa lässt nun wissen, dass der möglicherweise bald mausetote Timmy damit in einer Reihe mit anderen Tieren stehe, „die über Nacht zu einem Star“ wurden und „die Nation“ – also die deutsche – mitfiebern ließen. Als Beispiele genannt werden Eisbär Knut oder Krake Paul.

„Tiergeschichten sind einfach – man muss nicht nach dem Warum fragen, man hat eine grundlegende Sympathie, für die es keine weitere Recherche braucht“, zitiert die Agentur den Wissenschaftler Kai Denker von der Universität Darmstadt. Denker ist nach eigenen Angaben Verbundkoordinator und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsvorhaben „Meme, Ideen, Strategien rechtsextremistischer Internetkommunikation“.

Doch zurück zu den Tiergeschichten, Timmy, Knut & Co. Oder wie dpa schreibt: „Süße Kulleraugen, schlaue Tricks oder Hilflosigkeit: Immer wieder gab es in den vergangenen Jahrzehnten Tiere in Deutschland, die so eine riesige Aufmerksamkeit auf sich zogen – bis der Hype plötzlich wieder verebbte.“

Eisbär, Krake, Brillenkaiman

Da wäre laut dpa eben zunächst Knut: Der 2006 im Berliner Zoo geborene Eisbär wurde „als knuddeliges Tierbaby“ zum Medienliebling. Nachdem er von der Mutter verstoßen worden war, zog ihn ein Tierpfleger mit der Flasche auf. Die Bilder, wie Knut bei seinem ersten Auftritt 2007 die Tatze wie zum Gruß hob, gingen um die Welt. Mehr als elf Millionen Besucher sahen Knut beim Aufwachsen zu. 2011 war er tot.

Es folgt die Krake Paul, laut dpa das „wohl bekannteste tierische Orakel“ aus dem Aquarium Sea Life in Oberhausen. Er kam bei der Fußball-EM 2008 und bei der Weltmeisterschaft 2010 zum Einsatz. Bei der WM in Südafrika sagte er den Ausgang aller Spiele mit deutscher Beteiligung sowie des Endspiels zwischen Spanien und den Niederlanden richtig voraus. Kurz darauf war die Krake tot. Es wurde eine Urne in Form eines Kraken angefertigt.

Für das nächste Tier musste dpa etwas tiefer in der Vergangenheit graben und fand: Brillenkaiman Sammy, ein Sommerloch-Tier von 1994. Sein Besitzer machte damals mit Sammy einen Ausflug an einen Baggersee bei Dormagen in Nordrhein-Westfalen. Das Tier riss sich von seiner Leine los und verschwand. Große Aufregung: Es wurde wie irre gesucht, der Badesee wurde gesperrt, es gab ein Fanclub für das ausgebüxte Tier. Nach fünf Tagen wurde Sammy wieder eingefangen.

Der WDR erinnerte im vergangenen Jahr an Sammy und seine weitere Karriere. Demnach ist der Besitzer nach Ende der Suche zunächst „glücklich, bekommt sein Tier aber nicht zurück und sitzt aufgrund der Einsatzkosten auf einem Schuldenberg“. Sammy sei stattdessen in einen Tierpark umgezogen und habe dort noch 20 Jahre weitergelebt. Heißt: Auch Sammy ist schon tot.

Der Wal von Bonn

Noch weiter zurück blickt dpa zuletzt auf Beluga Moby Dick, auch der sei eine wahre Berühmtheit gewesen. Das ist jetzt aber schon wirklich lange her, nämlich 60 Jahre. Der Bundeskanzler hieß damals Ludwig Erhard. Und auch ansonsten war alles anders. Es gab sogar noch die FDP.

Das etwa vier Meter lange Tier schwamm jedenfalls 1966 den Rhein hinauf bis nach Bonn (!) und bekam den Namen Moby Dick. Die Menschen standen in Scharen am Flussufer, um den Besucher aus der Arktis zu sehen. „War ein schöner Kerl, enorm groß“, erinnerte sich ein von dpa nicht namentlich genannter Zeitzeuge in einem nicht näher spezifizierten Interview.

Ende gut, alles gut: Während der rund vier Wochen im Fluss verlor Moby Dick sein strahlendes Weiß, sah zunehmend scheckig und grau aus. Nach mehreren Kehrtwendungen erreichte er wieder die Nordsee. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt.

Neoprenbiologe versus Umweltminister

Unterdessen treibt die Timmy-Rettung aus der Ostsee immer seltsamere Blüten. Nicht nur, dass das Online-Angebot der Bild-Zeitung zwischenzeitlich eine Live-Videoschalte eingerichtet hatte, bei der es zumindest am Sonntagnachmittag faktisch nichts zu sehen gab. Auch beklagte sich jetzt ein social-media-affiner Walfreund, man habe ihn von weiteren Rettungsaktionen ausgeschlossen.

Auf Instagram berichtete der Biologe Robert Marc Lehmann, dass Verantwortliche ihm als Grund hierfür „Selbstdarstellung“ unterstellt hätten. Zudem sei er vor Ort bereits unfreundlich begrüßt worden. Lehmann hatte in den vergangenen Tagen vor Timmendorfer Strand im Neoprenanzug neben dem auf einer Sandbank gestrandeten Wal gestanden.

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) wies Lehmanns Anschuldigungen bei einer Pressekonferenz in Wismar zurück. „Wir haben niemanden ausgeschlossen“, sagte Backhaus.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

0 Kommentare