Neue HipHop-Szene in Polen: Auf der grünen Wolke schweben
Matcha-Rap, so wird eine städtisch geprägte Musikszene des polnischen HipHop bezeichnet, die vielfältig und sozialkritisch zu Werke geht. Ein Ortsbesuch.
Komm schon, beweg dich, denn die Nacht liegt vor uns“, säuselt AZ-YL ins Mikro. Sie ist klein und steckt in einem riesigen Pelzmantel, hinter ihr steht eine Reihe von Rappern, die auf der Bühne im Takt zum Song nicken. Alle tragen Basecaps, Baggy-Hosen, Schnauzer, Vokuhila und dicke Sonnenbrillen – der klassische Gen-Z-Look.
AZ-YL heißt eigentlich Agatha Zygmańska und ist Teil des Rap-Kollektivs Natura2000. An diesem Abend vor einigen Wochen ist sie in Warschau, um im Rahmen der Konzertreihe Hidden Gems aufzutreten. Natura2000, das fünfköpfige Kollektiv aus Poznań, gehört zu einer jungen, aufstrebenden Szene polnischer HipHop-Heads. Was sie alle eint: ein Sound, leichtfüßig, mit eingängigen Beats und Reimen übers Feiern, die eigene Jugend und die schönen Seiten des Lebens. Ihr Stil wird in Polen als „Matcha-Rap“ bezeichnet.
Die Dichte an Talenten, die sich mit dieser speziellen Art von HipHop-Sound einen Namen in der polnischen Musikszene machen, führte dazu, dass Kritiker*innen darüber diskutierten, ob das schon ein neues Subgenre sei. Die HipHop-Memeseite „HIB HOB XD“ schuf schließlich die Bezeichnung Matcha-Rap, postete Memes und eine Playlist mit Künstler*innen, die stilmäßig dazugehören. Auch das Kollektiv Natura2000 ist dabei.
Doch was macht Matcha-Rap aus? Ist es nur ein kurzlebiger Hype oder eine Blaupause? Und welche Rolle spielt, dass die jungen, weitgehend unbekannten Künstler*innen mit ihrer Musik die bislang stark patriarchal geprägte polnische Rapszene verändern?
Die Alben:
Natura2000: „Ostatni Mixtape“ (kein Label) 6.2.26 live in Gdansk
Hubert: „Kolorowe Domy“ (Def Jam)
Taco Hemmingway: „Trójkąt Warszawski“ (Taco corp) 8.5.2026 live in Wroclaw
Matcha ist auch in Polen das Trendgetränk der vergangenen Jahre. Nicht nur in den Großstädten finden sich an vielen Ecken Cafés, die es anbieten. Es sind besonders junge, hip gekleidete Menschen, die es sich leisten können, das eigentlich aus Japan stammende Teegetränk zu sich zu nehmen. Der Teevergleich trifft durchaus zu, Matcha-Rap ist ein Tiktok-Trend, der bald wieder verfliegen werde, prognostizieren manche Kritiker*innen.
Es muss nicht immer tiefgründig sein
Zygmańska stört es aber nicht, dass die Musik ihres Kollektivs als Matcha-Rap bezeichnet wird. „Ich kenne viele Künstlerkollegen, die sich darüber ärgern. Aber wenn es einfach um Musik geht, zu der man Spaß hat, dann verstehe ich die ablehnende Haltung daran nicht.“ Der Vorwurf, die Reime von Matcha-Rap seien nicht sehr tiefgründig, perlt an der 22-Jährigen ab. „Wir machen Musik, zu der man tanzen und dabei eine gute Zeit haben kann. Und wenn mir mal ein ernstes Thema auf den Nägeln brennt, kann ich immer noch einen eigenen Reim darauf machen und mich so verwirklichen“, sagt die Künstlerin.
Zygmańska erlebt neben Kritik auch viel Zuspruch aus der Szene für ihre Musik, doch von außen komme oft auch viel Neid. „Es ist so einfach, über Tiktok 15-sekündige Snippets zu produzieren und sich als One-Hit-Wonder feiern zu lassen. Das lockt auch Leute an, die nur wegen des Geldes Musik machen“, sagt sie.
Einer der polnischen Künstler, die in den vergangenen Jahren vor allem durch Social Media berühmt wurden, ist Hubert. Er ist einer der bekanntesten Matcha-Rapper. Hubert stammt – genau wie Natura2000 – aus Poznań und war Teil der Konzertreihe Hidden Gems. Einer seiner beliebtesten Songs mit 18 Millionen Streams handelt von Spezialmixgetränken, sogenannten Malibu-Mischen, Cannabis und hübsche Frauen kommen auch in seinen Songs vor. „Heute wollen wir nur Spaß haben / Cotton Candy sind all unsere Joints / Zwei Züge und ich bin weg.“
Besuch in Tempelhof
In seinem Song „Tempelhof“ hat Hubert seinen Besuch in der deutschen Hauptstadt verewigt: „Sie spürt mich in diesem Cardigan / Ich verliere meine Ausweise / Das macht nichts / Ich kümmere mich morgen früh darum.“ Huberts Rapsound fällt eindeutig auf die sanftere und entspanntere Seite des polnischen HipHops. Auch er ist damit Teil eines Wandels, der bereits vor Längerem begonnen hat.
Polnischer HipHop entwickelte sich als direkter Spiegel von Polens politischer Transformation nach 1989. Die Rap-Pioniere beschrieben in ihren Texten durchaus kritisch die sozialen Folgen des Systemwechsels: wirtschaftliche Unsicherheit, Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit. Offen wurde über Drogenprobleme geredet, Armut und den Zerfall der alten Industriekultur. Rap wurde so wie andernorts auch zum Sprachrohr jener, die unter dem Systemwandel des osteuropäischen Landes litten.
Ab den Zehnerjahren entstand eine zweite polnische HipHop-Generation, die bereits ohne direkte Erinnerung an den Kommunismus aufgewachsen war. Durch einen der berühmtesten Künstler dieser Zeit und einen Vorboten des Matcha-Raps verschob sich der Fokus vom Überleben hin zu Fragen moderner Prekarität: Taco Hemingway rappte über unsichere Arbeitsverträge, steigende Lebenshaltungskosten und Konsumdruck.
Gleichzeitig traten neue Klassenerfahrungen in den Vordergrund: Mit „Patointeligencja“ beschreibt der Rapper Mata eindrücklich und erfolgreich die wohlhabende Oberschicht mit Leistungsdruck, emotionaler Vernachlässigung, Sucht und mentalen Krisen. Polen-Rap wurde nun zum Forum für die Sorgen einer weniger prekären, aber innerlich zerrissenen jungen Gesellschaft.
„Rap ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, daher ist es nicht verwunderlich, dass aktuell besonders viel über weniger machohafte Musik gesprochen wird“, sagt Wojciech Kubus. Er promoviert an der Universität Poznań zum Wandel männlicher Stereotype im polnischen Rap. „Die Auseinandersetzung mit der eigenen Männlichkeit findet seit einiger Zeit auch in der Sphäre des Rap statt.“ Als Beispiel nennt er die Zeilen von Taco Hemingway aus dem Song „Männer weinen nicht“ (2019): „Jungs, wisst, dass ihr fühlen dürft / Scheiß auf die Machokultur, Jungs / Lernt, Worte zu benutzen.“
Beim Heranwachsen überfordert
Ein Aufwachsen ohne Vaterfigur und die Überforderung mit den eigenen Gefühlen als Heranwachsender sind Themen, die nun häufiger besprochen werden. Durch die Coronapandemie habe es laut Kubus zudem einen Aufschwung junger Talente gegeben, da sich Rap mittlerweile leicht im Homerecording produzieren lasse und die Krisenzeit zwischen 2019 und 2022 viele junge Menschen in der Isolation geprägt habe.
Auch Zygmańska freut es, dass sich der polnische Rap über die Jahre stilistisch und thematisch vielfältiger entwickelt hat. „Es berührt mich zu sehen, wie Männer mittlerweile das Gefühl haben, über ihre Ängste und Sorgen in Songs sprechen zu können.“ Doch bisher zeigt auch der Matcha-Rap – ebenso wie die Künstler, die den Weg geebnet haben –, dass die Vielfalt an Themen nicht unbedingt mit einer größeren Vielfalt der Künstler*innen einhergeht.
„Ich bekomme viel Support von meinen Kollegen, doch ich sehe auch, dass Rap in Polen immer noch männlich dominiert ist. Auf den Konzerten sind mehr Männer, meine Hörerschaft ist überwiegend männlich.“ Umso mehr freut sie sich über die Aufmerksamkeit, die Künstlerkolleginnen erhalten. Eine davon ist Bambi. Die 21-Jährige singt und rappt zu Trapbeats und erhielt erst im vergangenen Jahr den Award für die beste Rapperin bei den polnischen HipHop-Awards 2025.
„Debatten über marginalisierte Gruppen, die Rechte queerer Menschen und von Frauen in Polen werden inzwischen häufiger und sichtbarer geführt. All das trägt dazu bei, dass einheimischer Rap vielfältiger und moderner klingt“, sagt Kubus.
Trotzdem ist Matcha-Rap für ihn bislang noch kein eigenständiges Genre. „Melodiöse Hooks und leichtgängige Reime von Rappern, die sich vulnerabel zeigen, sind kein neues Phänomen. Vieles erinnert musikalisch an Cloudrap“, erklärt Kubus. Künstler wie Hubert, Taco Hemingway und das Kollektiv Natura2000 profitieren dennoch von der Aufmerksamkeit, die sie durch eine vermeintlich neue Zuschreibung erhalten – und vom Zeitgeist, der derzeit noch auf ihrer Seite zu sein scheint.
Kubus befürchtet, dass sich die zunehmende Popularität nationalistischer Kräfte in Polen früher oder später auch in der Musik niederschlagen könnte und in Zukunft wieder vermehrt Rapper auftreten, die konservative Ansichten und traditionelle Männlichkeitsbilder propagieren.
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