Maren Kroymann im Interview: „Rehe, Hasen und Wildschweine“

Maren Kroymann ist eine der großen Kabarettistinnen der Republik. Ab Donnerstag ist sie in Berlin auf der Bühne und auch im TV zu sehen.

70 Jahre alt und keine Angst vor Wildschweinen: Maren Kroymann Foto: Dagmar Morath

taz: Frau Kroymann, wer ist Sylke von Nazareth?

Maren Kroymann: Sylke von Nazareth ist die erfundene Frau von Jesus, eine Figur aus meiner neuen Satire-Staffel. Sie vollbringt die Wunder, die er für sich reklamiert. Seine Jünger feiern ihn: „Hey, super, schon wieder aus Wasser Wein gemacht.“ Und sie sagt: „Moment, den Wein habe ich doch gerade an der Pferdetränke gekauft!“

Und was sagt Jesus dazu?

Den Jesus spielt Kai Schumann, wir haben da immer eine sorgfältige Besetzung. Der windet sich und versucht sich durchzuschummeln bei seinen Kumpels, den Evangelisten Johannes und Matthäus. Das ist ja der Klassiker, die Frau hinter einem bedeutenden Mann wird gar nicht wahrgenommen.

Sie wären fast Lehrerin geworden. Wären Sie eher die Komische, die Gerechte oder die geworden, die ihre Schü­ler:innen auch mal vor dem Läuten in die Pause schickt?

Wahrscheinlich von allem ein bisschen. Ich hätte vermutlich eine Theatergruppe aufgebaut und meine Schülerinnen und Schüler mit Theater bespielt – wahrscheinlich eher komische Stoffe. Ich wäre aber auch pingelig gewesen, und zwar in dem Sinne, dass man Vokabeln wirklich auswendig lernen muss.

Sie hätten Englisch und Französisch unterrichtet?

Ja, da geht es um Übersetzungen in beide Richtungen und da sieht man dann auch, wie jemand seine eigene Sprache beherrscht.

Die Künstlerin Als „Nachtschwester Kroymann“ wird sie 1993 die erste Frau im bundesdeutschen Fernsehen mit eigener Sendung: die Diseuse der „Bar jeder Vernunft“, die große Dame des politischen TV-Kabaretts, die Volksschauspielerin in „Oh Gott, Herr Pfarrer“, die ernste Schauspielgröße in „Das Fremde in mir“ und „Verfolgt“. Seit 1971 lebt sie in Westberlin.

Die neuen Auftritte Am Donnerstag, 31. 10. spielt Maren Kroymann ihr Programm „In my Sixties“ im Tipi am Kanzleramt, am selben Abend geht im ersten TV-Programm der ARD ihre Sendung „Kroymann“ in den Auftakt zur zweiten Staffel um 23.30 Uhr. (taz)

Und die Literatur dazu hätten Sie aus Frankreich und den USA mitgebracht, wo Sie studiert haben?

Ja, ich war nach dem Abitur in den USA, gerade 18 geworden. Ich ging an ein Frauencollege im Mittleren Westen, das war eine richtige Befreiung für mich. Weil da nur Frauen waren, habe ich falsche Hemmungen abgelegt. Es hat zudem im Pionierland Amerika Tradition, andere Menschen zu ermutigen, etwas zu machen, das sie noch nicht können, und ihnen dafür den Raum und den Zuspruch zu ­geben. Ich wurde selbstbe­wusster. Der Vietnamkrieg spielte in der Situation in den USA noch keine größere Rolle, das kam erst später in Frankreich hinzu.

Als Studentin in Paris?

Mein linkes Erweckungs­erlebnis war die Demonstration in Paris am 1. Mai 1971. Da kamen eine Million Leute. Es wurden hundert Jahre Pariser Commune gefeiert. Dabei waren zum Beispiel auch Transvestiten. Und die Tänzerinnen des Variététheaters Folies Bergères, die von der Kommunistischen Partei kamen und voll aufgebrezelt zur Demo aufmarschierten. Das fand ich toll, ein solch sinnenfreudiges und auch sehr lustiges Image hatte ich bislang nicht mit Kommunismus in Verbindung gebracht. Während in Tübingen ein Haufen Studenten zusammenhockte, dem ich mich unterlegen gefühlt hatte, war mir das zugänglich. Und auch die Frauenbewegung fing dort gerade neu an. Das habe ich dort gesehen und erlebt und mir danach gedacht: Natürlich muss ich jetzt nach Berlin!

Zwischenfrage, um Ihr Sprachstudium und Ihr Paris-Erlebnis zusammenzubringen: Was halten Sie es mit dem vieldiskutierten Gendern der Sprache etwa durch den Binnen­asterisken?

Das Sternchen habe ich mir noch nicht angewöhnt. Ich habe aber viel mit dem Binnen-I gearbeitet. Ich finde es jedenfalls richtig, sich darum zu kümmern, weil die Schriftsprache auf unser Denken zurückwirkt. Nicht umsonst kommt diese grundsätzliche Genderfeindlichkeit von ganz rechts. Das sind die, die nichts verändern wollen an der untergeordneten Position der Frauen.

Kern dieser Sprachspiele ist ja letztlich der Universalismus: Alle Menschen sind gleich!

Ja, und der ist eben auch Grundlage des Feminismus. Darum bin ich Feministin geworden, weil ich finde, dass wir gleich sind, aber ungleich behandelt werden. Es gab mal eine Professorin, die vorgeschlagen hatte, dass alle Professoren, gleich welchen Geschlechts, verallgemeinernd nur noch Professorinnen genannt werden. Der hätte ich am liebsten den ersten Preis für weltverändernde Satire verliehen – einfach, weil die Reaktionen auf ihren Vorschlag so aufschlussreich waren.

Sie haben vier ältere Brüder. Mussten Sie sich gegen die durchsetzen?

Ein Durchsetzen war es eher nicht. Die waren älter, die gaben vor, was passierte. Mein ältester Bruder brachte die Dreigroschenoper mit Lotte Lenya und Georg Kreisler als LP mit. Mein zweiter Bruder hörte Elvis Presley. Ich konnte also unendlich viel von diesen Brüdern übernehmen. Und gut reden können sie bis heute, drei der vier sind Juristen geworden, die sind in der Lage, Wörter wie kleine Waffen zu benutzen – und große. Aber auch ich lud mich mit eigenen Vorbildern und Leseerfahrungen auf.

Wen würden Sie nennen?

Zuerst natürlich Astrid Lindgren und Enid Blyton. Aus einer späteren Phase würde ich die Autorin Dorothy Parker nennen, denn generell gibt es in der englisch-amerikanischen Literatur mehr witzige Frauen. Dann Claire Waldoff, die den Hosenanzug trug, bevor ihn Marlene Dietrich weltberühmt machte. Und Letztere ist zwar als Vorbild viel zu groß, es aber war aber immer beruhigend zu wissen, dass es eine solch politische und starke Frau schon mal gegeben hatte. Eine Frau, die singt, spielt, das Material nimmt, das sie zur Verfügung hat, also auch sexy und elegant ist. Die Filme sind ja bekannt, aber dann ist sie mit 50 Jahren als Diseuse mit Burt Bacharach auf Tournee gegangen. Und Kurt Tucholsky ist ganz wichtig, dann Erich Kästner, Karl Kraus, Ingeborg Bachmann, Helmut Qualtinger und Gerhard Polt. Und auch mein Vater war auf eine Art ein Showman. Ich erlebte den ja nicht als Philologieprofessor, sondern als ausgezeichneten Stante-pede-Redner bei Konfirmationen und runden Geburtstagen.

Und den haben Sie ja dann auch übertroffen. Damit zurück nach Berlin. Sie sind also nach Ihren Pariser Erlebnissen nach Berlin gegangen – warum war das so dringend?

Es war ganz klar, dass ich aus Tübingen wegmusste. Meine Eltern sahen das auch so; da sie beide aus Berlin stammten, konnten sie sich gut damit anfreunden. Und, naja, den Vater übertroffen (lacht): Ich war dann erst mal im Hanns-Eisler-Chor und das Stand-up-Format ist bis heute nicht meins. Ich habe mit „Nachtschwester Kroymann“ und meiner aktuellen Sendung ja auch eigene Mittel. Also: Im Berlin der Siebziger jedenfalls waren die Lehramtsstudenten von der Musikhochschule im Eisler-Chor. Wir waren Linke, die den Kommunisten der SEW, also der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, nahe standen, oder waren Mitglied. Von Eisler hatte ich die Texte in Paris gelesen. Ich ging nach einem Konzert nach vorn und sagte, wenn ihr so was nochmal macht, möchte ich mitsingen. Ich war ja kirchenchorgeschult und wusste, die Inhalte des Kirchenchors stimmen für mich nicht, aber die Technik habe ich. Aus diesem Konzert hat sich dann der Hanns-Eisler-Chor gegründet. Und ich war von Anfang an dabei.

Eine rote Kapelle?

Wir hatten zwei Dirigentinnen, das war schon revolutionär. Mein erstes Solo war das Lob des Kommunismus aus „Die Mutter“ von Gorki und Brecht – noch mit der Kopfstimme, die Diseusen­stimme hatte ich noch gar nicht entdeckt. Für einen Auftritt am Internationalen Frauentag, dem 8. März, haben zwei weitere Frauen und ich dann ein Programm mit Texten und Liedern von und über Frauen zusammengestellt. Der ganze Chor konnte nicht auftreten, viele nahmen das auch nicht so wichtig, aber im Osten war der Tag als Feiertag vorgegeben. Und ich meldete mich dann erstmals dafür; ich sehe heute noch, wie mein Zeigefinger hochgeht. Das war der Anfang.

Ihre Karriere begann also ziemlich anlassbezogen?

L’art pour l’art war einfach keine Möglichkeit für uns, wir wollten uns einklinken, politisch unterstützen und uns artikulieren. Aus dem Nebenprogramm der Eisler-Chor-Frauen entwickelte sich dann alles Weitere. Ich erinnere mich zum Beispiel, dass ich die erste Nancy-Reagan-Parodie bei einem Gewerkschaftsabend machte. Der Internationale Frauentag war tatsächlich der erste Anlass gewesen, mal etwas anderes einzubringen, Pop, Schlager und auch kleine Sketche. Nur ein Mann war dabei, Jacques, der damals schon ab und an Frauenkleider trug und später zu Judith wurde, Tonmann bei meinem ersten Soloprogramm „Auf Du und Du mit Stöckelschuh“. Aber bis dahin waren es wirklich Stufen der Entwicklung. Die Sache sprach sich herum und war wohl einfach gut. Mir fehlt aber bis heute immer etwas der Größenwahn der Männer – ich bin toll, ich muss was machen! –, sondern alles muss auch inhaltlich gebunden sein.

Und dann geht Ihre Bühnen-, Film- und Fernsehkarriere über Dieter Hildebrandt, der Sie in die Sendung „Scheibenwischer“ holte, in die großen Kanäle. Am 31. Oktober 2019 treten Sie nun auch wieder in Berlin im Tipi am Kanzleramt auf, ansonsten sind Sie ein Stern der Bar jeder Vernunft. Seit alledem leben Sie in Berlin – wo eigentlich in der Stadt?

Ich bin in Berlin bestimmt zwanzig Mal umgezogen, Schöneberg, Westend, Tempelhof, Neukölln, Kreuzberg – das habe ich alles durchgemacht. Aber ich habe mich immer irgendwie im alten Westen aufgehalten. Schon ganz am Anfang habe ich beim Sophie-Charlotte-Platz in Charlottenburg gewohnt, weil es in der Nähe der TU war.

Und wo Sie auch jetzt wieder wohnen?

Ja, und ich muss sagen, dass ich zum ersten Mal das Gefühl habe, in einem Kiez zu leben. Hier gibt es einen Zusammenhalt; in dieser Umgebung fühle ich mich wahnsinnig wohl. Meine Nichten und Neffen sind natürlich alle nach Friedrichshain oder Prenzlauer Berg gezogen, in den coolen Osten. Aber die, die vor dem Mauerfall gekommen sind, wie ich, sind irgendwie Wessis geblieben. Ich gehe hier fast jeden Tag durch den Grunewald, wenn ich kann: In welcher Großstadt kann man schon ein solches Naturerlebnis haben? Wochentags ist man auf Seitenpfaden da manchmal einsam wie im Bayerischen Wald. Du triffst Rehe, Hasen und Wildschweine!

Fast wie im TV-Business?

Unbedingt. Aber dann sogar eine Bache mit Frischlingen, sieben Stück! Das Eichhörnchen, der erste Specht. Und dann erst der Rotdorn, dem ich den Satz meines alten Freundes Christoph Primm entgegenschmettern muss: „Nirgends blüht der Rotdorn so erschütternd wie in Berlin!“ Und auf dem Rückweg oder auf dem Kaiserdamm mit den alten Gaslaternenformen hat man hier das Gefühl von einem Pariser Boulevard: Diese tolle Blickachse auf den Fernsehturm und manchmal bis zum Roten Rathaus. Das liebe ich auch.

Einmal zahlen
.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben