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Mara Wohnhaas im GAK BremenDer Teufel steckt im Detail

Sand im Getriebe: Mara Wohnhaas’ Arbeiten im Bremer Kunstverein Gesellschaft für Aktuelle Kunst e. V. verhandeln Brüche und Störungen.

Flache, aneinandergereihte Aluminiumplatten fügen sich zur Skulptur „A“ (2026) zusammen Foto: Franziska von den Driesch

Fast wie Designobjekte stehen sie dort und bespielen die gesamte Ausstellungsfläche. Zwei massive rechteckige Holzskulpturen, die sich wie Fußballtore gegenüberstehen, sind in der Raummitte im Kunstverein Gesellschaft für Aktuelle Kunst e. V. (GAK) in Bremen platziert. Aus der Ferne sehen sie perfekt verarbeitet aus: außen Mahagoniholz, in der hohlen Innenseite sind sie mit gestreiften Jacquardstoff überzogen. Ihre Bedeutung ist nicht unmittelbar zu erkennen.

Wohnhaas’ Arbeiten verhandeln Brüche und Störungen. Das Spiel mit Seh- und Denkgewohnheiten ist dabei zentral. In ihrer zweiteiligen Show „What do we want that seduces us“ und „The Anecdote“ in der GAK liegt die Störung im Detail, im nahezu Unsichtbaren. Das fordert die Be­su­che­r*in­nen auf, sich Zeit zu nehmen, um die Arbeiten wirken zu lassen und zu entschlüsseln – fast so, als müsste man durch ein Nadelöhr auf ihre Praxis blicken.

Die beiden Holzskulpturen mit demselben Titel „What do we want that seduces us“ sehen makellos aus und erinnern an Minimal Art. Doch bei näherer Betrachtung sieht man, dass das Holz nur aus einer ganz dünnen Platte besteht, die bunten Streifen im Inneren der Korpusse subtil in ihrer Breite variieren und an einigen Stellen Bläschen unter dem Stoff aufploppen. Der perfekte Schein trügt.

Die Vorlage der Objekte geht auf ein Foto einer Bühnenkonstruktion aus einem alten Zauberkatalog zurück. Am Anfang ihrer Arbeiten steht oft ein scheinbar bedeutungsloser Ausgangspunkt, wie das Foto aus dem Archiv, das die Künstlerin aufgreift, aus seinem Kontext löst und neu interpretiert.

Diese historischen Referenzen sind jedoch keineswegs willkürlich. In diesem Fall verändert die Künstlerin die Logik des Mahagoniholzes. Dieses wird häufig als königliches Holz bezeichnet, ist ein Edelholz aus Mittel- und Südamerika und prägte den Möbelbau im Barock, Empire und Biedermeier. Aufgrund seiner Beliebtheit und des daraus resultierenden Raubbaus ist das Holz heute geschützt. Das Furnier, das Wohnhaas für ihre Arbeit nutzt, ist ein Überbleibsel aus den 60er Jahren. Nach dem Abflachen des Trends sind heute noch viele Bestände zu finden. Indem Wohnhaas das Material in den Ausstellungsraum bringt, hinterfragt sie dessen Wert und Wandel.

Markierung im Raum

Während der erste Teil der Ausstellung sich an der Dramaturgie einer Bühne orientiert, greift der zweite das Innenleben, also die Handlung auf. Die Skulptur „A“ (2026) im zweiten Teil „The Anecdote“ besteht aus flachen, aneinandergereihten Aluminiumplatten, die übereinander geschichtet eine X-Form bilden. Je nach Standpunkt lässt sich die Skulptur unterschiedlich lesen: als abstrahierte Figur, als Zeichen oder Markierung im Raum. Würde man die Konstruktion auseinandernehmen und die einzelnen Platten direkt aufeinanderlegen, entstünde ein Rechteck.

Auch die antiken kleinen runden Bronzen mit dem Titel „The nails are truer than anything you can hang on them“ (2026) operieren mit Momenten der Täuschung. Ihre Oberfläche ist von Metalloxid gezeichnet; das braune Material ist von türkisen Spuren durchzogen. Aus der Distanz scheinen die Bronzeplättchen an Nägeln an der Wand zu hängen. Der Nagel ist aber eine Attrappe – ein Detail, das sich erst bei genauerem Hinsehen erschließt.

Das Video im letzten Raum nähert sich erneut dem Thema der Bedeutungsschöpfung. Die Arbeit „Anecdote“ (2024) zeigt eine Hand, die eine 2-Euro-Münze in die Luft schnippt. Sie verschwindet am oberen Bildrand, als sie wieder nach unten fällt, sieht man erst bei genauerem Hinschauen, dass aus der echten Münze Falschgeld geworden ist. Das Video wurde als kollaborative Arbeit während Wohnhaas’ Kunststipendiums in Wisconsin, USA, gedreht, als Trump auf seiner Wahlkampfveranstaltung angeschossen wurde.

Dass die Arbeit an diesem Tag entstand, ist Zufall. Und doch kann man Wohnhaas’ Praxis durchaus als Gegenwartskritik lesen. Ob Trump, Social Media oder die aufsteigende Rechte: Die Gefahr durch Desinformation wird immer größer. Entscheidend sind dabei nicht nur die anderen, sondern auch wir selbst. Wir sind es, die Lüge und Wahrheit unterscheiden müssen, die nachbohren müssen und uns nicht mit der erstbesten Antwort zufriedengeben sollten.

Und so sind es weniger bestimmte Themen oder Objekte, die den roten Faden in Wohnhaas’ Werken liefern. Die Kunstwerke wirken selbst wie eine Störung. Vielmehr liegt die Qualität im Spiel mit der eigenen Wahrnehmung. Und der kritischen Frage: Sehen wir, was wir sehen wollen? Oder sind wir bereit, genauer hinzuschauen?

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