Jubiläumsausstellung der GAK in Bremen: Brutales Stimmengewirr

Ihr 40-Jähriges feiert die Bremer Gesellschaft für Aktuelle Kunst mit Kristina Buchs erster Einzelausstellung. Die ist gottlob gewalttätig.

Zwei offene Münder, aus denen Zungen herausragen

Zunge zeigen, Lauten den Lauf lassen: Kristina Buch arbeitet viel mit Sprache Foto: Kristina Buch/ GAK

BREMEN taz | Zungenreden – die Cracks der Gottesgelehrtheit sprechen von Glossolalie – ist eine besonders irre Erscheinung des Religiösen: Es steht, meistens im Rahmen einer kultischen Handlung, eine Person auf und fängt an, in einer Sprache, die sich von ihrer üblichen unterscheidet, draufloszureden. Seit es sie gibt, also seit dem Apostel Paulus, denkt christliche Theologie darüber nach, wie sie dieses Phänomen als Herrschaftsmittel in die religiöse Praxis integrieren kann. Und man kann sagen: je autoritärer die jeweilige Kirche – Katholiken, Zeugen Jehovas und Pfingstler –, desto erfolgreicher ist sie damit. Eine deutende Instanz muss halt entscheiden, ob es Gott ist oder irgendein anderer Teufel, der die Mundmuskultatur des Gemeindeglieds heimsucht.

Schrecklich sei es, in die Hände Gottes zu fallen, steht in der Bibel, und das zu erleben ist quälend. Die Ausstellung „You can’t walk unless the word runs“ zwingt genau dazu: Die titelgebende Video-Installation auf zehn Flachbildschirmen, die die Künstlerin Kristina Buch direkt in den Eingangsbereich der Gesellschaft für Aktuelle Kunst (GAK) gehängt hat, hüllt alle, die auch nur darüber nachdenken, eine Eintrittskarte zu lösen, in brutales Stimmengewirr. Zu sehen sind auf den Flatscreens auf und zuklappende Mundpartien von Menschen, denen Silben ausströmen, wobei die Bewegung der Zunge meist hinter den Zähnen verborgen bleibt, beim Glossolalieren.

Unter dem politisch auch wieder eher zweifelhaften Begriff des „Chatterbox-“ – also Quasselstrippen- – oder, etwas freundlicher, „Cocktail-Party-Syndroms“ fasst das Klinische Wörterbuch des Wilibald Pschyrembel derartige agrammatikalische Sprachstörungen. Aber auch Pathologisieren hilft natürlich nicht, um sie auf Abstand zu halten: Der Lärm, zu dem sich das vereinigt, ist auf die Dauer zweifellos gesundheitsschädlich.

Zu verstehen ist dabei: nichts. Das ergibt ein eindrucksvolles, sehr gewalthaltiges künstlerisches Statement, das einleuchten lässt, wie charismatische Religionsgemeinschaften die Energien der Glossolalie in die Aktivierung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit umlenken: in tätige Homophobie und aktiven Frauenhass.

Körperlich unangenehm

Körperlich, also sehr unangenehm, das. Heißt: großartig, auch wenn die Künstlerin selbst, studierte evangelische Theologin, diesem religionssoziologisch gut nachweisbaren Zusammenhang wenig Interesse entgegenzubringen scheint. Sie verklärt den Artikulationsüberschuss ohne Frontallappensteuerung sogar zu „zarten und feurigen Botschaften“.

Und das scheint keine Ironie zu sein: Der Begleittext zu dieser ersten Ausstellung im 40. Jahr des Bestehens der GAK und der ersten institutionellen Einzelschau Buchs entwirft ein eher romantisches Bild: „Die Glossolalie gallopiert frei und ungezügelt davon“, heißt es da. Na ja, während die einen die Haare flattern lassen und den Wind im Gesicht genießen, kommen die anderen halt unter die Hufe.

Ein Entkommen der Auftakt-Installation gibt es nicht, jedenfalls nicht so ohne Weiteres: Es stimmt, wer die Kopfhörer aufsetzt und sich den Videos mit der gewaltsamen Beseitigung von Mount Everest und Guggenheim Museum per synchronisierter Sprengung im abgetrennten dunklen hintersten Raum der GAK hingibt, bekommt von der Kakophonie des Entrées nix mehr mit: Da ist Ende von Kunst und Ende von Natur und überhaupt Schluss.

Aber die vier aparten kleineren Arbeiten in der Nische weserseitig gleich neben der Galerien-Kasse, eine Lichtgravur und drei Holzmosaike mit versponnenen Titeln, werden volle Suppe zugedröhnt, was schade ist. Und das Stimmengewirr erfüllt auch den zweiten Raum, aber das ist sinnig und beabsichtigt: „Für mich ist es immer wichtig, dass jede Arbeit mit der anderen kommunizieren, sprechen kann“, sagt Buch, und die motivische Nähe ist fast schon überdeutlich.

Denn der große, trapezförmige GAK-Saal ist mit acht schmalen, aber über drei Meter langen, eigens für diese Ausstellung gewebten fleischfarbenen Fahnen besetzt, die von der Decke hängen. Wie Zungen. Und, im Jacquard-Verfahren aus Seide und Baumwolle fabriziert, reproduzieren die Stoffbahnen eben auch Nahaufnahmen von Zungen, positiv und negativ.

bis 19. 4., GAK

„That down payment. You forgot? Lost it? (no bills)“ hat Buch diese Installation betitelt, zu deutsch in etwa: „Diese Anzahlung. Hast du die vergessen? Verloren? (keine Rechnung)“. Und während das enigmatisch bleibt, und die vom Begleittext aufgerufenen evolutionsbiologischen und informatischen Assoziationsräume – das Interesse der Algorhitmus-Erfinderin Ada Lovelace am Lochkarten-Webstuhl wird benannt und das Faktum, dass die Zunge ursprünglich zum Detektieren von Giften dient – eher verdeckt, wird doch deutlich, dass die Bewegung der Stoffzungenlandschaft mit dem Reden zusammenspielt, das es überlagert.

Denn ja doch, sie bewegen sich: Wer die Installation durchstreift, wird von ihr inkorporiert. Jeder Lufthauch versetzt das Fahnenmeer in Wallung. Und jede Schwingung verändert den Raum, also die Welt. Und woher sie kommt, ist niemals ganz klar. Wer das nicht aushält, muss an Gott glauben.

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