Macron zu Besuch im Libanon: Frankreichs kolonialer Schatten

Wie kein anderer Staatschef engagiert sich Frankreichs Präsident nach der Explosion im Libanon. Die Diaspora in Paris sieht das nicht nur positiv.

eine Frau mit libanesischer Flagge vor dem Eiffelturm in Paris

Eiffelturm und Zeder: Solidaritätskundgebung in Paris nach der Explosion von Beirut, 9. August Foto: reuters

PARIS taz | Es ist ein ungewöhnliches Treffen, das Emmanuel Macron auf seiner Terminliste stehen hat. Wenn der französische Präsident ab Montag zum zweiten Mal in diesem Monat Beirut besucht, will er neben der politischen Elite des Landes auch die Sängerin Fairouz treffen. Die medienscheue 85-Jährige ist in der arabischen Welt eine lebende Legende – und in ihrer libanesischen Heimat die vielleicht konsensfähigste Person des gesamten multikonfessionellen Landes. Ob Christen, Drusen, Sunniten oder Schiiten: Auf Fairouz lässt niemand etwas kommen; wie keine andere steht Fairouz für den Libanon.

In dem von politischen und konfessionellen Rivalitäten gezeichneten Land ist das eine seltene Eintracht. Ein vollständiger Zusammenbruch droht dem Libanon nach Ansicht der französischen Regierung, nachdem eine gigantische Explosion am 4. August Teile der Hauptstadt verwüstet und zum Rücktritt der Regierung geführt hat. Nun plagt das Land neben einer schweren Wirtschaftskrise auch noch ein politischer Notstand. Macron hat im Vorfeld seiner Libanonreise vor einer Rückkehr in den Bürgerkrieg gewarnt. In Beirut will er nun einflussreiche Politiker zu einer „Regierung der nationalen Einheit“ bewegen, die in der Lage ist, tiefgreifende politische und wirtschaftliche Reformen umzusetzen, um das Land aus der Misere zu ziehen.

Bei der Explosionskatastrophe, bei der 190 Menschen getötet wurden, waren auch zwei französische Staatsbürger ums Leben gekommen. Deshalb ermittelt nun auch die französische Justiz wegen „fahrlässiger Tötung“. Insgesamt haben mindestens zwanzig französisch-libanesische Doppelstaatsbürger in Paris Strafanzeige gegen Unbekannt eingereicht. Sie misstrauen den libanesischen Behörden und wollen, dass sich Frankreich mitverantwortlich fühlt und dem Libanon mit einer unabhängigen Aufklärung hilft – selbst auf das Risiko hin, sich dem Vorwurf der Einmischung auszusetzen.

Protest in Paris

Seit der Explosion treffen sich einige hundert ExillibanesInnen regelmäßig auf dem Victor-Hugo-Platz in Paris zu Protestkundgebungen. Sie singen ihre Nationalhymne, aber auch die Marseillaise in der Hoffnung auf das „Mutterland“, als das viele Frankreich aufgrund der eng verknüpften Geschichte betrachten. Ebenso eng verbunden sind für die Demonstrierenden Trauer und Wut.

Ob auch der libanesische Botschafter Rami Adwan in seiner wenige Schritte entfernten Residenz die Rufe der Protestierenden hört? Auf einem Schild wird der 44-Jährige, ein ehemaliger Studienkollege Macrons an der französischen Kaderschmiede ENA, als „Repräsentant eines kriminellen Systems“ aufgefordert, auf sein Amt zu verzichten, wenn er nicht „zum Komplizen des Verbrechens“ werden wolle.

„Wir sind hier aus Empörung über die verkommenen Politiker, die seit Jahrzehnten das Leben der Libanesen verderben“, erklärt der in Frankreich praktizierende Kardiologe Elian Sarkis. „Wir wollen den Rücktritt des Botschafters, weil er nicht das Volk repräsentiert, sondern nur General Aoun.“ Dass nach der libanesischen Regierung auch Präsident Michel Aoun oder der Botschafter freiwillig der „Einladung“ abzutreten Folge leisten werden, glaubt Sarkis indes nicht. Dazu brauche es den „Druck der Bürger auf den Straßen“.

Was erwarten diese oft seit vielen Jahren in Frankreich lebenden LibanesInnen von Paris? „Wir sind Frankreich dankbar, denn Macron war der Erste, der zu Hilfe geeilt kam“, sagt Sarkis, um dann sogleich zu relativieren: „Wir sind gegen jegliche Einmischung ausländischer Staaten, wie wir sie durch die Herrschaft der korrupten Parteien schon zu lange erfahren mussten. Wir wollen, dass unser Land von ausländischer Einmischung und vom konfessionellen Klientelsystem frei wird.“

Nur zwei Tage nach der Explosion war Macron medienwirksam nach Beirut gereist. „Weil wir es sind, weil ihr es seid“, rechtfertigte er vor Ort seinen eiligen Besuch. Die voller Pathos gesprochenen Worte mögen nach einer Leerformel klingen, sie umschreiben aber eine fast familiäre und zugleich spannungsreiche Beziehung zwischen dem Libanon und der ehemaligen Mandatsmacht. Dass Frankreich vor allen anderen Ländern zu Hilfe eilte, war für viele Libanesen selbstverständlich. Auch war kaum jemand war überrascht, als Ma­cron für die UNO die Organisation internationaler Soforthilfe für Beirut übernahm und selbst zwei Kriegsschiffe mit Hilfsmaterial losschickte.

Frankreich als Schutzmacht der Christen

Wenn der französische Staatschef die alten Banden erwähnt, müsste er in Wirklichkeit weiter in der Geschichte zurückblättern als ins Jahr 1920, als Frankreich als Mandatsmacht die Kontrolle des vom Osmanischen Reich befreiten Libanons übernahm. Seit dem ersten Kreuzzug im 11. Jahrhundert verstand sich Frankreichs König als Beschützer der maronitischen Christen in dem gebirgigen Landstreifen am östlichen Mittelmeer. Das Verständnis einer religiösen Schutzmacht hielt sich, auch während der Libanon wie der gesamte Nahe Osten unter osmanischer Herrschaft stand.

Auf französische Initiative wurde 1860 dem damals mehrheitlich von Christen bewohnten „Mont Liban“ eine Teilautonomie gewährt, die bis zum Ersten Weltkrieg dauerte. 1926 gaben die französischen Vormunde dem Libanon eine erste Verfassung, die neben Arabisch auch Französisch zur Amtssprache erklärte und im Namen der Koexistenz zwischen den Religionen mit einer damals gerecht erscheinenden Machtteilung den Grundstein des heutigen konfessionellen Systems legte, in dem politische Ämter nach religiöser Zugehörigkeit verteilt werden. Ebendieses System ist es, das heute von den in Beirut Demonstrierenden als Hauptursache aller Übel verdammt wird.

Zugleich wurde ein Staat mit einer Beziehung zum „Mutterland“ geschaffen, der auch nach der 1943 einseitig erklärten Unabhängigkeit in politischer, wirtschaftlicher und vor allem kultureller Hinsicht von einer verwandtschaftlichen Nähe zu Frankreich charakterisiert blieb.

Im Libanon gibt es heute rund fünfzig französische Schulen. Rund 250.000 libanesische Staatsangehörige (unter ihnen viele DoppelstaatsbürgerInnen) leben in Frankreich, viele bekleiden Führungspositionen in der Wirtschaft. Seit 1982 ist Frankreich auch militärisch im Auftrag der Vereinten Nationen im Libanon zur Sicherung eines stets gefährdeten Friedens präsent. 1983 wurden bei einem Attentat 58 französische Militärs getötet, in den Jahren danach wurden mehrere französische Diplomaten und Journalisten entführt.

Macron muss mehr bieten als große Worte

Umsonst gibt es Frankreichs Beistand allerdings nicht. Das hat Macron, der nicht als Retter eines vom Volk verachteten korrupten Regimes dastehen will, schon während seines erstens Beirutbesuchs Anfang August deutlich gemacht: „Ich bin nicht gekommen, um dem Regime Legitimität zu verleihen. Ich bin hier, um einen neuen politischen Pakt vorzuschlagen.“ Falls die libanesische Führung nicht von selbst handle, so werde er es tun, drohte er. Wie Frankreich aber eine Regierungsbildung sowie einen politischen und institutionellen Neuaufbau des Libanons auf einer nichtkonfessionellen Grundlage beeinflussen oder gar durchsetzen will, bleibt offen.

Ein zaghafter Schritt hin zu politischem Wandel war es, dass an einer von Macron geleiteten Geberkonferenz in Paris beschlossen wurde, humanitäre Hilfe nicht an Regierungsstellen, sondern an nichtstaatliche Organisationen zu schicken. Wenn Macron seinen Führungsanspruch rechtfertigen und die hohen Erwartungen der libanesischen Bevölkerung erfüllen will, muss er sich diesmal aber mehr einfallen lassen als geschichtsträchtige Worte, für die er auf der Straße in Beirut Beifall bekommt.

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