„Ma Rainey’s Black Bottom“ auf Netflix: Was der Blues bedeutet

„Ma Rainey’s Black Bottom“ ist eigentlich ein Theaterstück und lebt von Sprache. Doch Regisseur George C. Wolfe gelingt die filmische Übertragung.

Großaufnahme von Viola Davis, die ins das Mikroophon singt

Szene aus „Ma Rainey's Black Bottom“ mit Viola Davis als Blues-Sängerin Foto: Netflix

Jeder Blick enthält zugleich einen Vorwurf, jede Bitte eine Anklage, dass sie noch nicht längst erfüllt wurde: Die Sängerin Ma Rainey (Viola Davis) ist eine Diva, wie sie im Buch steht. Aber im Unterschied zu ihren vornehmlich weißen Schwestern hat sie ein stechend scharfes Bewusstsein und einen guten Grund für ihr „schwieriges“ Temperament. Er liegt im Missverhältnis von dem, was sie als Blues-Sängerin gibt, und dem, was andere davon haben.

Da kann sie ihren Manager Irv (Jeremy Shamos) noch so mit Forderungen nach Kaltgetränken und Studiostunden drangsalieren, er und der missmutige Plattenproduzent Sturdyvant (Johnny Coyne) werden am Ende doch den besseren Deal gemacht haben. Sie selbst sei „ihnen“, und sie meint ganz generell „die Weißen“ damit, nicht wichtig. „Sie“ hätten es nur auf ihre Stimme abgesehen.

„They hear it come out, but they don’t know how it got there.“ Das eisige Konzept der „kulturellen Appropriation“ gefasst in heißes, direkt aus dem Bauch kommendes Englisch – das ist nur einer der Vorzüge des Schreibens von August Wilson, zu dessen Theaterstücken „Ma Rainey’s Black Bottom“ gehört. Einer der Vorzüge der Filmadaption durch Regisseur George C. Wolfe ist jedenfalls, dass sie die Sprache Wilsons in all ihrer Erfahrungsdichte zur Geltung bringt.

Wilsons „Fences“ ging 2016 im Kino unter

„Ma Rainey’s Black Bottom“. Regie: George C. Wolfe. Mit Viola Davis, Chadwick Boseman u. a. USA 2020, 93 Min. Läuft auf Netflix

Auch dass „Ma Rainey’s Black Bottom“ nun per Streaming startet statt im Kino, könnte ein Vorteil sein. Die Verfilmung eines anderen Wilson-Stücks, „Fences“ (2016), ging im Kino seinerzeit weitgehend unter, und das, obwohl Denzel Washington Regie führte und die Hauptrolle spielte und der Film mit vier Oscarnominierungen bedacht wurde, eine davon posthum auch für den bereits 2005 verstorbenen Autor.

Dabei gäbe es auch hierzulande Gründe, sich das Werk von August Wilson mehr anzueignen. Wilson kam 1945 in Pittsburgh, Pennsylvania, als Frederick August Kittel Jr. zur Welt; sein Vater Friedrich August Kittel war ein aus dem „Sudetenland“ ausgewanderter Bäcker. Nach dessen Tod 1965 nahm Wilson den Namen seiner afroamerikanischen Mutter an.

Es ist ihr Vorbild und auch ihre Erfahrung von Ausbeutung und Ausgrenzung, die sich in Wilsons Werk unmittelbar niedergeschlagen hat. Auch wenn der zehn Stücke umfassende Zyklus, zu dem „Fences“ und „Ma Rainey’s Black Bottom“ gehören, die „afro-american Experience“ dann doch aus vorwiegend männlicher Perspektive wiedergeben.

Der Einstieg ist betont cineastisch

„Ma Rainey’s Black Bottom“ ist da keine Ausnahme. Viola Davis, die titelgebende Figur, tritt erst nach gut 20 Minuten in Erscheinung. Der Film beginnt mit einer betont cineastischen Einleitung: Zwanziger Jahre in Georgia, zwei schwarze Jungs laufen wie auf der Flucht vor einem Lynchmob durch den Wald – um bei einem Konzert von Ma Rainey zu landen.

Auch dass „Ma Rainey’s Black Bottom“ nun per Streaming startet statt im Kino, könnte ein Vorteil sein

Von dort folgt die Kamera der „großen Migration“, den Spuren der afroamerikanischen Südstaatler in den industriellen Norden auf ihrer Suche nach dem besseren Leben. Das eigentliche Stück beginnt in Chicago, mit Aufnahmen, die in Vintage-Künstlichkeit das Straßenleben der zwanziger Jahre, des „Jazz-Age“ bebildern, mit nahezu ausschließlich schwarzen Passanten – was, und es ist notwendig peinlich, das zuzugeben, etwas Ungewohntes hat.

Vom bunten Straßenleben geht es jedoch schnell hinunter in einen kahlen Keller, in den Ma Raineys Manager Irv die vier Musiker ihrer Band führt, damit die für die bevorstehende Plattenaufnahme proben. Es sind drei ältere Herren und ein Jungspund, der sich bezeichnenderweise verspätet. Dieser Levee wird von Chadwick Boseman gespielt, dem mit 43 Jahren erst letzten Sommer an Krebs verstorbenen Superhelden-Darsteller.

Bosemans Auftritt hat den Charakter eines Testaments

Heutzutage ist es schwer, von einer „letzten Rolle“ zu sprechen, weil immer noch ein Film aus den diversen Produktionsprozessen auftauchen kann. Aber Bosemans Auftritt hier hat den Charakter eines Testaments. Mager und drahtig wirkt er fast jünger als in „Black Panther“, und in der Bitterkeit, mit der sein Levee im Stück sein Schicksal in die eigene Hand nehmen will und Gott ablehnt, liegt eine betroffen machende Authentizität.

Der Keller, später das Aufnahmestudio, dazwischen ein Wohnzimmer und immer wieder Menschen, die sich unterhalten: „Ma Rainey’s Black Bottom“ verleugnet die Herkunft vom Theater nicht. Sämtliche Konflikte, die entstehen, sind sprachliche. Die Höhepunkte des Films sind tatsächlich seine Monologe. Man kann das bemängeln, es mag auch nicht jedermanns Sache sein.

Aber zugleich gilt auch, dass der Film der Sprache Wilsons eine ganz hervorragende Bühne bietet: Die Musiker mit ihrer je eigenen Sichtweise und Lebensgeschichten, Viola Davis und wie sie davon erzählt, was für sie Blues bedeutet, das alles ist, wenn man hinhört, spannenderer und explosiverer Stoff als manch herkömmlicher Abenteuer- oder Actionfilm.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben