: Limited Edition: Vangelis im Kopf
Die taz stellt in der Serie „Limited Edition“ Bremens Zine-Szene vor. Teil 7 führt raus aus der Kunstblase und rein in den Fanblock. Beim Fußball gibt es nämlich noch so richtig szeneeigene Fanzines wie „Gli Ubriachi“
VonJan-Paul Koopmann
Als zentrale Austauschmedien für die unterschiedlichen Sparten der Jugendsubkultur haben Zines längst ausgedient, das ist ja klar. Ein Missverständnis ist hingegen, dass der Bedeutungsschwund am Internet läge. Es ist vielmehr so, dass es keine Szenen mehr gibt – oder höchstens noch als Rolle, wie die Soziologin sagt, die man für einen Abend kurz an- und dann aber auch zügig wieder ablegt. Anders als noch vor 20 Jahren liegt der Gedanke heute jedenfalls sehr fern, sich von Punkmusik, einer Briefmarkensammlung oder Fantasy-Rollenspielen mehr als eben diesen einen kleinen Lebensbereich bestimmen zu lassen. Die einzige Ausnahme ist das Fußballfanwesen. Und siehe da: Die haben auch immer noch so richtige Fanzines.
Sönke Lühring macht so eins: Gli Ubriachi („Die Berauschten“) ist ein authentisches Fanheft, auch wenn ihm sofort anzusehen ist, dass Lühring auch sonst als Illustrator arbeitet. Das Heft hat Spielberichte als Comic oder verrät in eher freien Grafiken, warum Weißweinschorle das sinnvollste Getränk für Auswärtsspiele ist. Mit viel Bild und wenig Text betreibt Lühring eine total sympathische Nabelschau der Szene, die sich auch von außen mit Lust lesen lässt.
Aber auch innerhalb der Szene ist das Wie erheblich wichtiger als das Was. Es ist ja völlig unmöglich, mit einem handgezeichneten Spielbericht Wochen später noch irgendwen zu erreichen, der den Spielausgang nicht kennt. Dass mindestens 95 Prozent der Leser*innen sogar selbst dabei waren, erklärt der erste Strip in Gli Ubriachi gleich selbst: Werder gegen Schalke am 9. März ist da ein „nerviger Termin am Freitagabend“. Aber natürlich hetzt man trotzdem nach der Arbeit noch hin – dafür ist man ja Fan.
Interessant ist Gli Ubriachi jedenfalls auch ohne News. Das liegt einerseits am pointierten Zeichenstil, vor allem daran, wie Sönke Lühring das Kunststück hinbekommt, das ganze Fußballgewese einerseits ernstzunehmen, sich andererseits aber gerade über diesen Ernst zu amüsieren. Die beste Stelle ist ein Gang ins Flutlicht des Stadions. Ein Fan wirft sich mit Boxhandschuh in Pose und drunter steht: „Im Kopf läuft Vangelis“. Das wohlig kribbelnde Pathos überlebt allerdings kein Umblättern. Bereits die Folgeseite zeigt eine verblödete Blockrealität und ärgert sich über den zweiten Stadionsprecher Stolli und überhaupt: „Werders grenzdebile Stadionbeschallung“.
Es ist ein Spagat zwischen identitätsstiftender Selbstvergewisserung und Ironie, den das Zine gekonnt zustande bringt. Dazu kommt Sönke Lührings ausgesprochen leichthändige Zeichenkunst, die zackig zwischen Emblematik, Karikatur und Dynamik herumgeistert und trotzdem wie aus einem Guss wirkt. Das Heft ist keine Sammlung vielstimmiger Meinungen zum Sportgeschehen, sondern ein ästhetisch geschlossenes Werk. Dass es gedruckt als Zine erscheint, dockt natürlich an Urtümlichkeitsfantasien an, für die der Fußball immer steht, und reiht sich da nahtlos ein in die analoge Dingverliebheit zwischen Klamotten, Stickern, Bannern und Feuertöpfen. Ultras sind eben eine physische Szene. Und das nicht nur, weil im Netz ja immer auch Polizei, Nazis und die Hamburger mitlesen. Das Zine ist ein Fetisch ja – aber ein ausgesprochen ansehnlicher.
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