Libeskind soll in Potsdam bauen: Go West in Babelsberg

US-Stararchitekt Daniel Libeskind soll in Babelsberg ein Hochhaus bauen, Texaner wollen die Filmstudios übernehmen. Das gefällt nicht allen.

Daniel Libeskind hat auch eine familiäre Verbindung nach Potsdam Foto: Ralf Müller/imago

In Brandenburgs Landeshauptstadt sorgen Stars aus den USA für gewöhnlich für Aufsehen und ein bisschen Stolz. Keanu Reaves stand kürzlich vor der Kamera, Tarantino dreht auch schon in Babelsberg. Die Liste ist lang. Nun könnte ein weiterer Star aus Amerika seine Spuren im Stadtteil Babelsberg hinterlassen – allerdings nicht mit einem Film, sondern mit einem Gebäude.

Zwei lokale Unternehmer haben nämlich Architekt Daniel Libeskind dafür gewonnen, ein Hochhaus für sie zu entwerfen. Werden die Pläne Realität, dürfte das Gebäude mit seinen 66 Metern zwar nicht ganz das höchste Haus der Stadt werden, aber wahrscheinlich das mit dem prominentesten Architekten.

Architekt Daniel Libeskind, geboren 1946 im polnischen Łódź, gilt als einer der wichtigsten Architekten der Moderne. Viele seiner nicht immer unumstrittenen Projekte, wie zum Beispiel der Umbau des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, symbolisieren auch Brüche mit der Geschichte der jeweiligen Gebäude.

Hochhäuser Auch mit Hochhäusern kennt sich Libeskind aus. Nach dem 11. September 2001 war er für den Neubau des One World Trade Center anstelle der eingestürzten Zwillingstürme verantwortlich.

Connections Libeskind hat auch eine persönliche Verbindung zu Potsdam: Sein Sohn arbeitet dort als Astrophysiker. (mar)

Entstehen soll es an einer Straßenkreuzung in der sogenannten Medienstadt. Dort sind neben den bekannten Filmstudios auch der RBB, die Filmuniversität und eine Reihe von Unternehmen aus der Medien- und Unterhaltungsbranche angesiedelt. Am gleichnamigen Bahnhof kommen aus Berlin auch die Besucher des benachbarten Filmparks an.

Dessen Chef, Friedhelm Schatz, spielt die Schlüsselrolle in der Geschichte um Libeskind. Seit Jahren arbeitet Schatz daran, die Grundstücke im Umfeld des Freizeit- und Themenparks zu entwickeln – wie es unter Investoren so schön heißt. Bisher sind schon eine dreistellige Anzahl von Wohnungen und eine Kita gebaut worden. Derzeit arbeitet die Stadt an einer Änderung des Bebauungsplans.

Im zuständigen Bauausschuss überraschte Schatz die Stadtverordneten mit der Hochhausidee und bat darum, auf einen städtebaulichen Wettbewerb für das Areal zu verzichten. Bei der Auswahl des Architekten gehe es auch darum, auf sich aufmerksam zu machen mit internationaler Strahlkraft. Im August wurde der Entwurf dann den Ausschussmitgliedern unter Ausschluss der Öffentlichkeit gezeigt. Überraschender Twist: Libeskind tauchte dazu persönlich aus New York auf. „Babelsberg ist ein weltweit bekannter Standort – wir müssen etwas tun, um diesen Standort zurückzubringen“, zitierten ihn die Potsdamer Neuesten Nachrichten. Dem Vernehmen nach sind mehrere Gebäude vorgesehen. Das Hochhaus selbst soll etwas zurückgesetzt von der Straße gebaut werden und an gestapelte Filmdosen erinnern.

Neben Schatz steckt hinter dem Turmbau der Potsdamer Projektentwickler Jan Kretzschmar. Dessen Firma KW Development hat das Grundstück gekauft. 300 Millionen Euro sollen investiert und bis zu 5.000 Arbeitsplätze geschaffen werden – überwiegend in der Medien- und Filmbranche. Neben Büros sollen Räume für Postproduktion, Ton und Gaming entstehen.

Kretzschmar verweist auf die dynamische Entwicklung der Branche in den vergangenen Jahren. „Der Bedarf ist vorhanden“, sagt er. Das zeige auch eine jüngste Analyse der Potsdamer Wirtschaftsförderung, die bis zum Jahr 2030 rund 14.500 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigte und etwa 51 Hektar Gewerbeflächenbedarf prognostiziert.

Mit den Plänen konnten Schatz, Kretzschmar und Libeskind offenbar die Stadtverordneten überzeugen. Anfang September gab es prinzipiell grünes Licht. Das formale Verfahren für die Änderung des Bebauungsplan ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Vorbehalte gegen den Umfang des Bauprojekts gibt es noch bei den Grünen, die in Potsdam in einer Kooperation mit SPD und Linken die Mehrheit haben. „Ich bin skeptisch, wie diese Bauhöhe im Stadtbild wirkt“, sagte Fraktionschefin Saskia Hüneke.

Kritik gab es etwa von Anwohnern, die Bau- und Verkehrslärm sowie die Verschattung ihrer Grundstücke fürchten

Der Turmbau hat nicht nur Fans. Kritik gab es vom Landesverband des Bundes Deutscher Architekten und von Anwohnern, die Bau- und Verkehrslärm sowie die Verschattung ihrer Grundstücke fürchten. Prominenter Bedenkenträger ist auch das Filmstudio – unter anderem, weil befürchtet wird, dass vom Hochhaus aus Einblick in laufende Dreharbeiten bei internationalen Filmproduktionen möglich wäre. Studiochef Carl Woebcken hatte gegenüber den Stadtverordneten nach Bekanntwerden der Pläne von einem „Elfenbeinturm“ gesprochen, von dem aus man auf den Medienstandort herunterschauen könne.

Allerdings steht auch das Studio selbst vor einem Umbruch. Ein großer US-amerikanischer Investmentfonds will die Mehrheit der Studio Babelsberg AG übernehmen und hat den Kleinaktionären ein Übernahmeangebot gemacht. 4,10 Euro pro Aktie sollen es sein, wie Studio Babelsberg Anfang Oktober in einem Brief an die Aktionäre mitteilte. Bei dem Investor handelt es sich um die Immobilientochter des US-Mischfonds TGP mit Sitz im texanischen Fort Worth. TPG wurde im Jahr 1992 gegründet und verwaltet nach eigenen Angaben weltweit ein Vermögen von aktuell rund 108 Milliarden US-Dollar. Erfahrungen in der Filmproduktion hat der Investor nicht. Bei der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger beklagt man unterdessen mangelnde Informationen über die Ziele der Übernahme und die geplanten Investitionen. Es wird auch befürchtet, dass der Fonds es womöglich hauptsächlich auf die Grundstücke des Studios abgesehen habe. „Wir wollen wissen, was aus der im Sommer angekündigten Neubewertung der Immobilien geworden ist“, so Sprecher Michael Kunert.

Mit der Übernahme würde in Babelsberg eine Ära zu Ende gehen: Carl Woebcken und Christoph Fisser hatten das traditionsreiche Unternehmen im Jahr 2004 für den symbolischen Preis von 1 Euro übernommen. Zudem zahlte ihnen der französische Konzern Vivendi eine Anschubfinanzierung von 18 Millionen Euro. Erst vor Kurzem wurde in der Marlene-Dietrich-Halle Europas größte LED-Wand in Betrieb genommen. Mit ihr will das Studio weitere Produktionen anlocken.

Nun war man in der Politik überrumpelt, denn zuletzt war von der Suche nach einem strategischen Partner in Europa die Rede gewesen. „Von dem möglichen neuen Hauptgesellschafter erwarten wir, dass er seiner Verantwortung für den Standort gerecht wird“, sagte Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). In den kommenden Jahren dürfe es zu keinerlei Entlassungen von Beschäftigten der Studio Babelsberg AG kommen.

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