Garnisonkirche in Potsdam: Architekt für Brüche gefunden

Eine Beteiligung von Daniel Libeskind könnte Bewegung in den Streit um einen originalgetreuen Wiederaufbau des Kirchturms in Potsdam bringen.

Bauarbeiten auf dem Dach des Sockelbaus der Garnisonkirche in Potsdam

Stahl- und Betonbauer*innen arbeiten auf dem Sockelbau der Garnisonkirche in Potsdams Innenstadt Foto: Soeren Stache/dpa

POTSDAM taz | Brandenburgs Landeshauptstadt fühlt sich ja gern als etwas Besonderes. Nicht ganz ohne Grund. Schließlich hat Potsdam viel zu bieten: schöne Natur, prächtige Schlösser und Gärten, sündhaft teure Villen und prominente Bewohner. Da kommt es auch zu Extravaganzen. Während vielerorts darüber diskutiert wird, welche Symbole vergangener Epochen noch erträglich sind und ob das eine oder andere Denkmal vielleicht demontiert werden sollte, scheint in Potsdam das Gegenteil zu passieren: Stein für Stein wächst mit dem Turm der Garnisonkirche mitten in der Stadt ein Bauwerk in die Höhe, dessen Original die Allianz von preußischem Militarismus und Nationalsozialismus verkörperte.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Befürworter des originalgetreuen Wiederaufbaus des umstrittenen Gotteshauses haben nämlich schwierige Wochen hinter sich. Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) kündigte vor den Stadtverordneten an, dass der amerikanische Stararchitekt Daniel Libeskind sich mit seinen gestalterischen Ideen beim umstrittenen Wiederaufbau der Garnisonkirche beteiligen möchte.

In einem gemeinsamen Schreiben unter dem Motto „Brüche zeigen, Brücken bauen“ haben die Spitzen der Stiftung und der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche den Architekten nach Potsdam eingeladen. Nun solle mit Libeskind gemeinsam geprüft werden, „ob und inwieweit es sinnvoll und möglich ist“, vorhandene Ideen und Nutzungen zum neuen Turm der Garnisonkirche und des benachbarten Künstlerhauses Rechenzentrum „mit einer verbindenden Idee für das ehemalige Kirchenschiff zu ergänzen“.

Wer Libeskinds Werk kennt, weiß, dass er Brüche durchaus wörtlich nimmt. In Berlin war er für den Neubau des Jüdischen Museums verantwortlich. In Dresden spaltete er die klassizistische Fassade des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr mit einem riesigen Stahlkeil. Würde Libeskind tatsächlich eine führende Rolle einnehmen, wäre das wahrscheinlich das Aus für einen originalgetreuen Wiederaufbau. Entsprechend fiel dann auch die Reaktion von Potsdams Barock-Ultras, der Bürgerinitiative Mitteschön, aus: Deren Sprecherin Barbara Kuster teilte zu der Libeskind-Offerte auf Facebook mit: „Ich denke mal der Meister hat Böses mit Potsdams Garnisonkirche vor, flankiert durch unseren OB.“ Sie erwarte eine „Betroffenheitsarchitektur“.

Rechenzentrum könnte erhalten bleiben

Ganz so schnell dürfte es ohnehin nicht gehen: Während die Finanzierung des Turmbaus dank 20 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt für das „Projekt von nationaler Bedeutung“ zumindest teilweise steht, gibt es für ein wie auch immer konzipiertes Kirchenschiff bisher keinen Cent. Allerdings hat der Bund bereits 750.000 Euro für eine Machbarkeitsstudie zum Aufbau des Kirchenschiffs in Aussicht gestellt. Schirmherr ist der Bundespräsident.

Militär Die preußische Militärkirche wurde 1735 fertiggestellt. Die Gebeine preußischer Könige lagen dort begraben, Waffen für Preußens zahlreiche Kriege wurden in ihr gesegnet. 1945 wurde sie bei einem Luftangriff weitgehend zerstört und 1968 abgerissen. Seit 2017 wird ein neuer Kirchturm gebaut.

Nazis Am 21. März 1933 wurde die Garnisonkirche von den Nazis zur Inszenierung der Reichstagseröffnung genutzt. Vor der Tür gaben sich Reichspräsident Paul von Hindenburg und Kanzler Adolf Hitler die Hand. Laut Kritikern steht sie für die Verbreitung antidemokratischer Inhalte unter dem Deckmantel des christlichen Glaubens. (mar)

In dem Konflikt um den Wiederaufbau stehen sich Befürworter und Gegner seit vielen Jahre ebenso wortreich wie kompromisslos gegenüber. Schubert versucht seit seinem Amtsantritt 2018 neue Akzente zu setzen. Erst ließ er seinen Sitz im Kuratorium der Wiederaufbaustiftung frei, dann stieß er einen neue Debatte über das gesamte Areal an und schlug als Nutzung eine internationale Jugendbegegnungsstätte und ein Demokratiezentrum vor.

Anfang Juni beschlossen schließlich die Stadtverordneten bis zum Frühjahr 2023 „unter Wahrung der Eigentumsrechte und Nutzendeninteressen, ein inhaltliches und gestalterisches Konzept für den Bereich bzw. die Standorte Garnisonkirche und Rechenzentrum“ zu erarbeiten. Damit ist auch der Erhalt des von rund 200 Künstlern und Kreativen benutzten früheren Rechenzentrums gleich neben dem Kirchturm eine Option. Bisher war dies ausgeschlossen, weil das Gebäude teilweise auf dem Grundstück des Kirchenschiffs steht. Die Wiederaufbaustiftung müsste allerdings zustimmen.

Virtueller Lernort

Auch inhaltlich wächst der Druck auf die Befürworter einer Kirchenkopie. Kritiker des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche haben einen Internet-Lernort über die Geschichte des Bauwerks und die Debatten darüber gestartet. Ziel sei zu vermitteln, was die Garnisonkirche für die deutsche Geschichte und den „Weg ins nationalsozialistische Unheil“ bedeutet habe, sagte der Sozialwissenschaftler Micha Brumlik bei der Vorstellung des Internetportals am Freitag in Berlin.

Trägerin des virtuellen Lernorts ist die Martin-Niemöller-Stiftung. Zum Start sind dort mehr als 30 Beiträge von rund 20 Autoren abrufbar. In den kommenden Monaten sind stetige Erweiterungen geplant. Unmittelbar am historischen Standort soll zudem eine kritische Ausstellung entstehen.

Das Projekt sei auch „ein Affront an die Stiftung Garnisonkirche“, sagte Gerd Bauz vom Vorstand der Niemöller-Stiftung. Die Garnisonkirchenstiftung habe bisher keinen akzeptablen Lernort geschaffen. Dies sei zwar angekündigt, aber nicht umgesetzt worden. Tatsächlich zeigte die Wiederaufbaustiftung kürzlich, mit welcher historischen Epoche sie die Auseinandersetzung anstrebt: Am Baustellenzaun soll mit einem Schüler-Kunstprojekt nicht an die Nazi-Zeit, sondern an die friedliche Revolution 1989/90 erinnert werden.

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