Leslie Jamesons Roman „Der Gin-Trailer“: Das Leben der anderen

Warum hat fast jede Familie ihre schwarzen Schafe? Diese Frage stellt sich US-Autorin Leslie Jameson in ihrem Roman „Der Gin-Trailer“.

Schwarzes und weißes Schaf

Schwarze Schafe gehen ihre eigenen Wege Foto: CC BY 3.0/Nightflyer

Dank Stella ist man sehr schnell drin in diesem Buch. Denn Stella ist eine erstaunliche Figur, eine Art moderne Version der so sympathischen wie verlorenen Holly Golightly aus Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“. Sie arbeitet in New York als Assistentin für eine Starjournalistin mit absurden Gewohnheiten. Sie hat eine Affäre mit einem verheirateten Professor.

Und wenn ihre Mutter, eine ehrgeizige Anwältin für Einwanderungsrecht, sie fragt, welche Pläne sie habe, dann fällt ihr keine Antwort ein. Wenn andere sie fragen, ob sie stark sei, sagt sie, dass sie sich eher fühle, als sei sie „in viele kleine Segmente unterteilt “, die „nicht notwendigerweise miteinander in Kontakt“ stünden.

Doch schon auf der allerersten Seite des Romans „Der Gin-Trailer“ ist es vorbei mit Stellas Leben, in dem sich alles so seltsam taub anfühlt. Ihre Großmutter Lucy liegt im Sterben, und Stella beschließt nur vordergründig, sie zu pflegen, weil es sonst keiner tut. Eigentlich geht es ihr darum, mal wieder mit Existenziellem in Kontakt zu treten.

Und während man schon glaubt, dass die 1983 geborene New Yorker Autorin Leslie Jameson, die in Deutschland mit dem Essayband „Die Empathie-Tests“ bekannt wurde, gerade einen der besten Texte über den Kontrollverlust des Älterwerdens anreißt, zieht der Roman zum zweiten Mal die Bremse. Lucy berichtet ihrer Enkelin Stella von einer Tante, von der sie bislang nichts wusste, von Mathilda, die als junge Frau ihr Elternhaus verließ und verschwand.

Leslie Jamison: „Der Gin-Trailer“. Aus dem Amerikanischen von Kirsten Riesselmann. Hanser Berlin, 2019, 304 Seiten, 24 Euro

Es kommt, wie es kommen muss: Stella pflegt Lucy, bis sie stirbt, dann packt sie ihre Sachen und macht sich auf die Suche. Bis sie Mathilda als schwer alkoholkranke Ex-Prostituierte im Trailerpark findet, wird Stella noch von ihrem Bruder Tom begleitet.

Als Stella aber beschließt, mit Mathilda zu gehen und ihr dabei zu helfen, ein neues Leben zu beginnen, wirft Tom das Handtuch. „Du warst schon immer wahnsinnig schlecht darin, dein eigenes Leben zu leben“, sagt er zu ihr. „Dafür bist du immer geradezu gierig auf das Leben aller anderen.“ Stella gibt ihm recht.

Das Funktionale und das Dysfunktionale

An den besten Stellen des Romans von Leslie Jameson ist es, als sei er in Wirklichkeit gar kein Roman, sondern eine Versuchsanordnung, die etwas sehr Interessantes herauszubekommen will. Es geht um die große, oft gestellte und noch immer nicht befriedigend beantwortete Frage, warum es in so vielen scheinbar intakten Familien immer wieder schwarze Schafe gibt, die ausscheren, die anders als die anderen so gar kein Talent haben zum Glücklichsein.

Stella kümmert sich natürlich nicht nur deshalb um Mathilda, weil sie die große Ödnis mit etwas zu füllen versucht. Sie kümmert sich auch um sie, weil sie sich verwandt fühlt mit ihr. Alle finden Stellas so wohlsortierte wie kontrollierte Mutter toll. Nur Ma­thil­da und Stel­la können sich gemeinsam lustig machen über die geregelten Bahnen, die die Mutter nie verlässt.

Der Roman läuft zu seinem zweiten Höhepunkt nach den Sterbeszenen am Anfang auf, als Mathilda und Stella im luxuriösen Loft von Ma­thildas Sohn Abe landen. Abe ist bei seinem Vater, einem ehemaligen Freier Mathildas und erfolgreichen Geschäftsmann, aufgewachsen.

Zu eindeutig

Er ist zwar auch selbst erfolgreich geworden, aber völlig bindungsunfähig – und zum Glück lässt es der Roman offen, ob das wegen der paar Sommer ist, die er als Kind bei seiner Mutter verbringen durfte, oder wegen der Zeit dazwischen, als er von ihr getrennt war. Es hat erstaunliche Effekte, wie Jamison in ihrer trockenen, humorvollen Art das Funktionale von Abe und das Dysfunktionale seiner Mutter aufeinanderprallen lässt: wie sich ihre beiden Sphären wechselseitig den Spiegel vorhalten.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Passagen wie diese trösten den Leser über andere hinweg, die nicht aus Stellas Perspektive berichten, sondern aus der von Mathilda, einer Figur, die in ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung schwerer mit Leben zu füllen ist als die unentschiedene Stella. Schwieriger ist es hingegen, dass der „Gin-Trailer“ an manchen Stellen sehr weit geht, um den Plot rund zu bekommen.

Am schlimmsten ist in dieser Hinsicht die Auflösung dafür, warum Mathilda ist, wie sie ist: Sie wurde als Kind von einem Fremden vergewaltigt. Das wirkt fast wie ein Verrat an der Verbindung zwischen Stella und ihrer Tante. So, als sei das Rätsel der schwarzen Schafe doch lösbar. So, als hätte wirklich jede Wirkung ihre eindeutige Ursache.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de