Lesbisch-schwules Stadtfest: Heimspiel für Wowereit
Das Lesbisch-schwule Stadtfest zieht wieder Hunderttausende an. Klaus Wowereit wird bejubelt und der Rainbow Award geht an einem CDU-Politiker.
Die Nachricht vom Rücktritt Jens Spahns als CDU-Bundesfraktionschef ist wenige Stunden alt. Vor der Bühne auf dem Lesbisch-schwulen Stadtfest rund um die Motzstraße in Schöneberg hat sich eine Menschenmenge versammelt. Gespanntes Erwarten. Er sei wegen „der Legende“ hier, verrät ein älterer Mann mit Strohhut und Hosenträgern, „ohne den hätte der Spahn nicht heiraten können“. Da kommt die Legende auch schon. Mit weit ausgestreckten Armen schreitet Klaus Wowereit an den Rand der Bühne, streicht sich kokett über das kurze graue Haar und begrüßt die Versammelten, die klatschen und jubeln, mit „ihr Lieben“.
Weiße Jeans, rosa Hemd, gebräunter Teint, er sieht gut aus, der ehemalige Regierende von Berlin. Eigentlich ist es unnötig, dass ihn der 80-jährige Moderator Gerhard Hoffmann, Gründer des Stadtfestes und selbst eine Schwulen-Legende, vorstellt. Aber man kann es nicht oft genug sagen. Ohne den Wegbereiter Wowereit, der sich vor 25 Jahren als erster Spitzenpolitiker öffentlich outete – „Ich bin schwul, und das ist gut so“ –, hätte die Angleichung der Lebensverhältnisse vermutlich viel länger gedauert. „Du hast die Welt verschönert, das war ein absoluter Tabubruch“, sagt Hoffmann. „Dafür danke ich dir heute noch.“ Die Menge unterstreicht das mit Applaus.
Das Lesbisch-schwule Stadtfest jährt sich an diesem Samstag zum 32. Mal. Schon am U-Bahnhof Nollendorfplatz, der seit wenigen Wochen den Zusatz „im Regenbogenkiez“ trägt, ist der Sog Richtung Festmeile zu spüren. Eine Vielfalt von queeren Projekten und Vereinen präsentiert sich, aber auch Heteros haben Stände und fühlen sich von der Party angezogen. Die Veranstalter sprechen vom größten queeren Stadtfest Europas, zu dem über eine halbe Million Besucher:innen kommen.
Morgens um 11 Uhr ist noch nicht viel los. Männer in Ledermontur schneiden Erdbeerschnittchen auf. Ein Rentnerpärchen nutzt die Gelegenheit zu einem Rundgang. Es gibt Fetischstände, die mit Peitschen und Fesselungsmaterialien handeln, einen Beratungspoint für Bi-Sexuelle, die taz ist direkt neben dem SOS Kinderdorf, die Ansprechperson Queer Berlin befindet sich gegenüber vom Backkartoffeln- und Bratwurststand. Es gibt eine Straße, in der sich alle demokratischen Parteien präsentieren, sogar Volt und Piraten. Das rot-weiße Logo „Elif für Berlin“ auf den Fähnchen der Linken erinnert ein bisschen an Coca-Cola-Werbung.
Nicht zurücklehnen
Am Nachmittag, als Wowereit das Fest als Schirmherr offiziell eröffnet, ist die Party ringsum bereits voll im Gange. Die ehemalige grüne Bezirksbürgermeisterin Elisabeth Ziemer ist Schirmfrau, hat sich dieses Mal aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen lassen. Viel sei geschafft worden im Bereich Gleichstellung und Antidiskriminierung, sagt Wowereit. Mit Blick auf den Backlash von rechts „können wir uns aber nicht zurücklehnen“. Er sagt: „Wir müssen diesen Kampf gegen Ausgrenzung und Diskriminierung weiterführen. Bitte macht weiter!“
Der Alkohol fließt in Strömen, die Mülleimer laufen über, schon um 17 Uhr ist kaum noch ein Weiterkommen möglich. Aufgekratzte Menschen mit Bierflaschen und Cocktails in der Hand blockieren die Gänge, tanzen vor den Bühnen. Vom Latexanzug über Hundemaske, Ganzkörperbemalung sind abgefahrene Outfits zu sehen. Egal welcher Look, alles geht. Ein alter Mann, braungebrannt, verspiegelte Sonnenbrille, super knappes Höschen, kommt aus dem WC-Häuschen. „So, jetzt muss ich erst mal meinen Puller richten“, ruft er laut und kramt sich im Schritt.
Klaus Wowereit über Jens Spahn
Den Rainbow Award, der jedes Jahr für queeres Engagement verliehen wird, geht dieses Mal an den stellvertretenden Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg, Matthias Steuckardt (CDU). „Unser Regenbogenkiez ist für mich ein Teil der Heimat“, bedankt sich Steuckhardt. Dann erzählt der 46-Jährige, dass er vom Dorf komme, keine schwulen Vorbilder gehabt habe und wegen Helmut Kohl in die CDU eingetreten sei. Mit dem Outen habe er in seinem Privatleben große Schwierigkeiten gehabt. Nicht so in der Politik. Durch seine Mitarbeit im Verband Lesben und Schwule in der Union (LSU) sei das allen klar gewesen. Niemanden in der CDU habe das gekümmert. „Als Vegetarier habe ich viel mehr Hohn und Spott erfahren.“
Nach seiner kurzen Rede wird Wowereit von Fans bestürmt. Keine Bitte um ein Selfie, es sind viele, schlägt er ab. Dann lässt er sich von der taz auch noch einen Kommentar zu Jens Spahn abringen. Spahn sei Opfer seiner eigenen bigotten Politik geworden, sagt Wowereit. „Er hat die Wirklichkeit unterschätzt, er hätte es besser wissen müssen.“ An so prononcierter Stelle hätte sich Spahn zuvor entscheiden müssen zwischen Amt und Kind. Das Kind tue ihm leid, dessen Name öffentlich gemacht worden sei, sagt Wowereit und setzt die Sonnenbrille auf. Dann entschwindet die Legende in der Menge.
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