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Lange Nachspielzeiten bei der WMEin Spiel dauert

Die Partien werden länger, die sogenannte Nettospielzeit steigt. Aber braucht es wirklich die Basketballisierung des Fußballs?

M eine Augen tun sich bisweilen schwer, dem Fußball von heute zu folgen. Sie sind eine Welt gewöhnt, in der die Balljungen jedem Ball, der weit hinters Tor gejagt wurde, hinterherlaufen mussten, in der der Torwart warten musste, bis der Knabe ihn herbeigebracht hatte, was besonders lange gedauert hat, wenn er in die Zuschauerränge gedroschen worden war. Und so bleibt mein Auge bis heute oft auf dem verschossenen Ball, und ich bekomme erst Sekunden später mit, dass das Spiel schon wieder läuft. Längst liegen am Spielfeldrand Bälle bereit, die eine sofortige Wiederaufnahme des Spiels möglich machen.

Nun frage ich mich, wie lange es wohl dauern wird, bis ich mich daran gewöhnt habe, dass Fußballspiele so lange dauern, wie früher ein Fußballspiel mit Verlängerung gedauert hat. Pierluigi Collina, Oberschiedsrichter der Fifa, ist darauf bedacht, die Nettospielzeit zu erhöhen, und hat die Unparteiischen dieser WM angewiesen, jede Unterbrechung nachspielen zu lassen. Warum er das getan hat? Hmm.

Die zahlreichen Freunde des gepflegten Fußballspiels jedenfalls haben nicht nach dieser Neuerung gerufen. Klar, fast alle haben sich schon einmal darüber aufgeregt, dass der Schiedsrichter zu wenig hat nachspielen lassen. Oder zu viel. Spielverzögerungen – ja, die sind nervig, aber die Schiedsrichtenden haben das Werkzeug der Verwarnung, wenn es einer übertreibt. Mir ist kein Fußballvolksaufstand bekannt, dessen Forderung es wäre, die Nettospielzeit nennenswert zu erhöhen. 14 Minuten Zugabe bei einem Endergebnis von 6:2 wie im Spiel der Engländer gegen Iran in der zweiten Hälfte – hat danach wirklich jemand gerufen?

Collina meint es vielleicht gut, wenn er denkt, 90 Minuten Spielzeit sollen bedeuten, dass 90 Minuten Fußball gespielt wird. Aber war das wirklich so gedacht? Und wer profitiert von dieser Basketballisierung des Fußballs? Es sind die großen Teams mit einem breiten Kader. Die haben ja nun – auch so eine Regeländerung – die Möglichkeit, fünf ihrer Spieler gegen fünf in etwa gleichwertige auszutauschen, und können relativ frisch mit Spitzenkräften minutenlang nachspielen, während andere Teams, die vielleicht nur elf erstklassige Spieler haben, nur noch hinterherhecheln können. Saudi-Arabien hat dennoch gegen Argentinien gewonnen – trotz 14 Minuten Nachspielzeit. Schön eigentlich.

Und ich frage mich, wie lange es wohl dauert, bis ich nicht mehr denke, dass ein Spiel gleich aus ist, wenn es in die 89. Minute geht.

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Andreas Rüttenauer

Andreas Rüttenauer Sport, dies und das

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1 Kommentar

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  • Der Artikel spiegelt Sentimentalitäten wieder, die aus irgendeiner guten alten Zeit herrühren, als alles irgendwie noch echter und ehrlicher war, auf einem jugenderinnerungsverklärten Amateurbolzplatz. Hier geht es aber nicht primär ums Fußballspielen; das ist nur der Aufhänger, um ein zahlreiches Publikum anzulocken.

    Während des ganzen Spiels ist Bandenwerbung zu sehen. Und je länger gespielt wird, desto mehr Werbezeit kann man verkaufen.

    (Private Unternehmen werden nicht von Leuten betrieben, denen das jeweilige Produkt ans Herz gewachsen ist, sondern von Leuten, die im Auftrag von Investoren Geld verdienen müssen.)