Kurze Baumbesetzung in der Wuhlheide: Die Infantilisierung des Protests

Ak­ti­vis­t:in­nen demonstrieren in der Wuhlheide mit einem Baumhaus gegen ein Straßenbauprojekt. Da sind Fragezeichen angebracht.

"Wer Straßen sät wird Verkehr ernten" steht auf einem Transparent, das Umwelt-Aktivisten zwischen Bäumen in der Wuhlheide gespannt haben. Mit der Aktion protestieren sie gegen den Bau einer Straßenverbindung, der Tangentialverbindung Ost

Es gab schon im April 2021 Protest von Aktivisten in der Wuhlheide gegen die Straßenbaupläne Foto: dpa-Zentralbild/Paul Zinken

Gerne hätte man gehört, was denn der BUND oder der Nabu dazu sagen. Oder die Grünen, die in Berlin für die Verkehrspolitik zuständig sind.

Wuhli bleibt. So lautete der Slogan einiger nichtbinärer Menschen, die am Dienstag in der Wuhlheide ein Baumhaus gezimmert und erklommen haben (hier zum taz-Bericht mit einem Foto des Baumhauses). Sie gaben vor, damit gegen die Tangentiale Verbindung Ost (TVO) zu protestieren, die von der Wuhlheide bis zur Märkischen Allee führen und das Köpenicker Waldgebiet durchschneiden soll.

Was die politische Ernsthaftigkeit der Aktion angeht, sind aber einige Fragezeichen angebracht.

Einer der Besetzenden, der sich den Fantasienamen „Spinne“ gegeben hat, hat die Ortswahl so begründet: „Wir haben uns auch im Bereich der A 100 umgesehen, aber da gab es keinen schönen Ort. Hier spürt man dagegen, dass man in der Natur ist.“ Auch Wildschweine hätten sie am ersten Tag schon gesichtet. Die Gruppe nannte sich Queer_wuhl_ant:is.

Man könnte schmunzeln

Doch nicht die Afrikanische Schweinepest, die bestimmt auch nicht vor den Toren Berlins halt machen wird, hat den Protest beendet, sondern das Auftauchen eines Polizeiautos. Die Polizisten stellten fest, dass das Baumhaus leer ist. Wuhli blieb nicht, Wuhli machte sich aus dem Staub.

Über die Infantilisierung solcher Protestaktionen könnte man noch schmunzeln. Schwerer wiegt da schon die Art und Weise, wie die Besetzenden versucht haben, symbolisches Kapital aus ihrem Baumhaus zu schlagen. Ihren Protest nennen Spinne, Libelle und Co einen explizit queeren. Während arme Menschen besonders vom Klimawandel betroffen seien, seien queere Menschen noch immer nicht gleichberechtigt. „Beide Themen stehen für Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft“, sagte Libelle unserem taz-Reporter.

Was die politische Ernsthaftigkeit der Aktion angeht, sind einige Fragezeichen angebracht

Spätestens an dieser Stelle hätte man nicht nur gerne erfahren, wie Nabu und BUND und die grüne Verkehrssenatorin zum Protest in der Wuhlheide standen. Interessant wäre auch gewesen, ob sie das queere Labeln einer Baumbesetzung nicht als eine Art von kultureller Aneignung empfunden hätten, die vom jungen, woken Milieu ja eigentlich abgelehnt wird. Oder neutraler formuliert: Wollten Spinne und Libelle eigentlich auf sich und ihr Queersein aufmerksam machen oder wollten sie die TVO verhindern?

Dem Protest gegen die TVO könnte die queere Truppe womöglich einen Bärendienst erwiesen haben. SPD, Linke und Grüne mit einem fragwürdigen Schnellstraßenprojekt zu konfrontieren, wäre eine wichtige Angelegenheit gewesen. Nun ist sie erst mal vertan.

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Jahrgang 1963, ist Redakteur für Stadtentwicklung der taz. Ein weiterer Schwerpunkt ist Osteuropa. Zuletzt erschien bei Siedler sein Buch "Die Elbe. Europas Geschichte im Fluss". Er koordiniert auch das Onlinedossier "Geschichte im Fluss" der Bundeszentrale für politische Bildung. Uwe Rada lebt in Berlin-Pankow.

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