Kunst gegen Gentrifizierung: Eine Demo-Oper durch Kreuzberg

„Lauratibor“ agitiert mit Witz, Gesang, Tragik und ein bisschen Dada gegen Verdrängung im Kiez. Das Publikum hat dabei die Straße für sich.

Stimmgewaltiger Protest – mal nicht als Slogan, sondern als Opernarie Foto: Tina Eichner

BERLIN taz | Die Reichenberger Straße und ihre BewohnerInnen haben schon viel gesehen; aber so etwas noch nicht. Überall hängen Menschen aus Fenstern oder haben sich auf Balkons versammelt, um zu verfolgen, was unten auf der Straße vor sich geht: eine Demonstration ganz neuer Art. Sie ist so friedlich, wie man es sich nur vorstellen kann, und dabei laut auf ungewohnt angenehme Weise. Es ist Berlins erste Opern-Demo, und sie bewegt sich mit selbstgebauten fahrbaren Bühnen die Reichenberger Straße hinunter.

„Lauratibor“ haben die InitiatorInnen ihr Projekt genannt, der Name eine Reverenz an die Ratiborstraße 14, ein Kreuzberger Gewerbe­areal in Kanalnähe, dessen PächterInnen sich seit Jahren gegen ihre drohende Verdrängung stemmen: Der Senat hat angekündigt, auf dem Gelände modulare Unterkünfte für Flüchtlinge bauen zu wollen. Die PächterInnen befürchten, dass dieses Vorhaben nur ein erster Schritt zur dauerhaften Umwidmung des Filetstücks in ein gehobenes Wohn­areal für Betuchte sein könnte.

Immerhin musste der Kiez in den vergangenen Jahren den unglaublichen Aufstieg einer Gegend von „einfacher Wohnlage“, wie es zu Zeiten des seligen Berliner Mietspiegels noch hieß, zu einem der für Neuvermietungen teuersten Pflaster der Hauptstadt erleben. Jede einzelne Immobilie hier ist ein lohnendes Spekulationsobjekt für internationale Investoren, und Beispiele für Verdrängung waren in den letzten Jahren in der Nachbarschaft zuhauf mitzuerleben. Als vor wenigen Monaten unter großem Polizeiaufgebot das Kneipenkollektiv „Meuterei“ geräumt wurde, waren zwei Tage lang große Teile der Reichenberger Straße komplett gesperrt.

Symbolischer Sieg

Und so ist es doch ein größerer symbolischer Sieg, wenn die BewohnerInnen an diesem windigen Samstagnachmittag die Straße immerhin für die Dauer von ein paar Stunden zurückerobern. Und das hat tatsächlich etwas von einem Sit-in: Die ZuschauerInnen (geschätzt insgesamt mehr als 1.000) lassen sich nämlich an den Stationen, wo die Opernwagen anhalten, auf dem Pflaster nieder, über das sonst der motorisierte Verkehr poltert, um im Sitzen die Geschichte von Laura und Tibor zu verfolgen.

Die Anti-Gentrifizierungsoper „Lauratibor“ wird als stationäre Kundgebung noch einmal am 20. Juni ab 19 Uhr auf dem Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg aufgeführt. Umsonst, draußen und mit ein bisschen Abstand. An dem kollektiven Opernprojekt sind Bewohner*innen, Gewerbe und Initiativen im Reichenberger Kiez beteiligt, unter anderem Kollektiv Lauratibor, Kiezchor, Protest-Orchester I Ratibor14, LauseBleibt, Kneipenkollektiv Meuterei, Esels Alptraum, Kampfsportschule Yayla und Die GloReichen. (taz)

Letzteres ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach, denn wie immer in der Oper ist der Text schlecht zu verstehen; das Libretto kann aber gegen eine Spende erworben werden. Die Dramatikerin Tina Müller – für ihre Jugendtheaterstücke mehrfach ausgezeichnet – hat es verfasst und damit eine Idee weiterentwickelt, die auf die Opernsängerin Marieke Wikesjo zurückgeht: Sie fand, die Tragik der Verdrängung passe sehr gut zur Opernform.

Wikesjo verkörpert auch die Hauptrolle in „Lauratibor“ – nämlich die der Laura, der „Patronin der Lausitzer Straße“, wie es im auf der Demo verteilten Handzettel heißt, die mithilfe ihres einstigen Geliebten Tibor ihr Haus gegen den gierigen Investor Maximilius Profitikus verteidigen will. Tibor allerdings, seinerseits Patron der Ratiborstraße 14, glaubt eigentlich den Kampf schon verloren gegen den dreiköpfigen Dichtifikator, der bereits vor seiner Tür steht.

Zaubertrank des Widerstands

Ach, hätte man doch noch den Zaubertrank des Widerstands! Doch der Trank scheint verloren, denn niemand kennt noch das Rezept. Oder doch? Laura und Tibor machen sich gemeinsam auf den Weg in die Lausitzer Straße. – Dieser Gang dauert, denn zwischen Ratibor und Lausitzer begegnen den GefährtInnen allerlei symbolische Figuren und Chöre mit insgesamt sehr widerstreitenden Interessen. Auch eine Göttin der Hoffnung tritt auf, mit deren Hilfe ein „Chor der Versteinerten“ wiederbelebt werden kann.

Das Publikum lässt sich da nieder, wo die fahrbaren Bühnen jeweils anhalten Foto: Tina Eichner

Eine Menge los ist an der Kreuzung Reichenberger-/Glogauer Straße, um die normalerweise lärmend der M29er-Bus biegt. Heute hat er Pause, denn unten steht das Opernpublikum, und aus mehreren Fenstern rund um die Kreuzung entrollen sich Stoffbahnen. „Umut“ steht auf einer, also „Hoffnung“ auf Türkisch. „Das Huhn ist tot“ ist auf einem Balkon zu lesen, und gegenüber auf der anderen Straßenseite „Es lebe das Huhn“. Auch von diesen Balkons wird gespielt und gesungen. Es ist durchaus recht unübersichtlich, insbesondere die Sache mit den Hühnern, und überhaupt hängt dem Ganzen etwas dezent Dadaistisches an.

An der nächsten Kreuzung treten SenatsvertreterInnen mit ulkigen Kopfbedeckungen auf, denen es tatsächlich gelingt, die – psychisch wohl generell nicht sehr gefestigte – Laura mit schönen Worten einzulullen. Auf dem Weg zur letzten Station, der Ecke zur Lausitzer Straße, scheint das Publikum sowohl auf der Straße als auch an den Fenstern deutlich angeschwollen zu sein.

Immobilienhai fordert Hausschlüssel

Ein großes Finale kündigt sich an. Tibor stirbt, und Laura singt eine ergreifende Trauerarie (für die Musik zeichnet der Komponist Anders Ehlin verantwortlich, und der Dirigent Norbert Ochmann hat die musikalische Leitung souverän im Griff), nach der sie ein wenig den Verstand verliert. „Nein, tu’s nicht!“, ruft das Publikum, als sie sich anschickt, den Schlüssel für ihr Haus frei­willig an den Immobilienhai abzugeben. Doch auch da ist die Handlung noch nicht zu Ende, denn der Zaubertrank wird wiedergefunden. Aber ach, wer wird ihn trinken?

Die Tragik der Oper passt zu Verdrängung – Sängerinnen der Protestoper Lauratibor Foto: Tina Eichner

Tatsächlich sind am Ende fast vier Stunden vergangen. Die Sonne hat sich längst verzogen, Abendbrotzeit ist schon vorbei. Geradezu stürmisch ist es geworden, und die Menschen sind vom nunmehr kühlen Straßenpflaster aufgestanden, um ihre Jacken enger um sich zu wickeln. Vereinzelt müssen frierende Kleinkinder nach Hause gebracht werden. „Ich will das aber unbedingt zu Ende gucken!“, sagt der Kleinkind­vater hinter mir energisch zu seiner Frau. Frau und Kind verpassen danach das Finale, das nur furios genannt werden kann. Denn zum Abschluss singen alle DarstellerInnen ein Widerstandslied in mehreren Sprachen, das geradezu körperlich zum Mitmarschieren aufruft. Danach will der Schlussapplaus kein Ende nehmen.

Das hängt bestimmt auch damit zusammen, dass diesmal – anders als sonst im Theater – auch das ­Publikum das Gefühl haben kann, zu den Mitwirkenden zu gehören. Klar: Nicht alle, die mitgelaufen sind, ­haben etwas zur eigentlichen Opernproduktion beigetragen. Aber alle, die hier dabei waren, waren Teil der allerersten Berliner Opern-De­monstration. Und gefühlt gehörte den ZuschauerInnen dabei die Straße.

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