Kulturwissenschaftler Louis Chude-Sokei: „Bowie brachte mich zum Schweben“

Der US-Kulturwissenschaftler Louis Chude-Sokei über Musik als Zuhause, Schwellen in den Zonen des Übergangs und vielfältige Formen von Blackness.

Portrait von Louis Chude-Sokei.

„Ich habe nur meine Geschichte erzählt“: Louis Chude-Sokei Foto: Dagmar Morath

taz: Louis Chude-Sokei, Sie treten in Berlin beim Festival „The Sound of Distance“ mit Ihrem Essay „Threshold“ in Erscheinung. Eine Aufnahme Ihrer Textlesung wird vor dem Haus der Kulturen der Welt und innen im Gebäude in jeweils unterschiedlichen Fassungen zu hören sein. Threshold bedeutet so viel wie Übergang, Schwelle, Migration …

Louis Chude Sokei: … und es bedeutet auch Grenze.

Es ist ein Begriff, dem angesichts weltweiter Flüchtlingsbewegungen große Bedeutung zugemessen wird. Warum?

Weil er immer auch mit Transformation zu tun hat. Er beschreibt nicht nur eine Bewegung von A nach B, sondern auf der Schwelle macht man unterschiedlichste Erfahrungen. Und diese verwandeln Menschen. Zonen des Übergangs haben auch mit einer Bewusstwerdung von Veränderung zu tun. Man ist nicht mehr das, was man zuvor war, das kann auch bedrohlich sein. Trotzdem stelle ich mir die Schwelle lieber als etwas vor, an dem Veränderung bewusst angenommen wird.

Klänge nehmen beim Abspielen in unterschiedlichen Räumen ebenfalls unterschiedliche Formen an. Vor dem Eingang des HKW wird eine Dubversion Ihrer Originallesung zu hören sein, die wiederum drinnen in der Aula abgespielt wird.

Als Dubversion ist meine Stimme im Cut-up-Verfahren verfremdet. Dass sie als Erstes zu hören ist, wenn man vor dem Gebäude steht und dann über die Schwelle geht und das HKW betritt, ehrt mich.

Der letzte Satz von Threshold lautet: „Türöffnungen enden an der Stelle, wo Performance beurteilt wird.“ Können Sie ihn bitte erläutern?

Die Schwelle in meinem Essay behandelt sowohl die Erfahrung von Migration als auch die menschliche Erfahrung beim Überqueren einer Schwelle. Wer durch eine Tür geht, betritt eine Art Bühne. Man bereitet sich instinktiv auf den Moment vor. Frauen und Männer reagieren auf das Überqueren unterschiedlich. Frauen halten ihre Hände anders. Männer ziehen ihre Bäuche ein. Frauen sind achtsamer, nicht nur, was ihre Frisuren, auch, was ihre Erscheinung insgesamt angeht. Manche reagieren selbstbewusst, andere verschüchtert, unsicher. Die Schwelle hat auch mit Gender zu tun, einerseits, und andererseits mit dem Verhältnis, das Emigranten zu neuen Orten und Räumen entwickeln, wie sie sich an diese gewöhnen.

Vor wenigen Wochen ist Ihre Autobiografie erschienen, „Floating in a Most Peculiar Way“, Titel und alle Kapitel sind nach Songs und Textstellen von David Bowie benannt, obwohl es eigentlich um Ihre komplizierte Familien- und Fluchtgeschichte geht. Welche Rolle kommt David Bowie und seiner Musik dabei zu?

Als Kind bin ich mit meiner Mutter aus Nigeria vor dem Biafrakrieg geflohen, und in einem Flüchtlingscamp in Gabun habe ich damals diesen Song gehört, von dem ich weder Titel noch Interpreten kannte. Erst sehr viel später stellte sich heraus, dass es „Space Oddity“ von David Bowie war. Meine Mutter und meine Tanten erzählten mir, immer wenn es im Radio lief, winkten sie mich ran. Eine weitere Erleuchtung hatte ich, als ich 1975 von Jamaika in die USA kam. Ich sah diesen seltsamen bleichen Künstler im Fernsehen, wieder war es sein Song „Space Oddity“. In Jamaika hörte ich Reggae und R&B. In Bowies Song steckte dann so viel Information, und so wurde er mein erster Held. Nun kannte ich auch seinen Namen. Wir hatten kein Geld für einen Plattenspieler, aber es gab einen Kassettenrekorder, mit dem ich Schnipsel von Bowie-Songs aus dem Radio mitgeschnitten habe. Als ich älter wurde, habe ich seine Texte besser verstanden. Über Bowie kam ich etwa zu Anthony Burgess und „Clockwork Orange“ und zum SciFi-Autor Robert Heinlein. Er brachte mir etwas näher, das ich als afrikanisch-karibischer Emigrant in den USA selbst so niemals herausgefunden hätte. Und so hat mich Bowie mein ganzes Leben begleitet. Also wurde er zentraler Gegenstand des Buches.

Floating hat viel mit Zufall zu tun. Sie waren auf der Schwelle zum Schulabrecher und drohten in die Kriminalität abzurutschen, als eine Lehrerin zufällig eine Science-Fiction-Geschichte von Ihnen in Ihrem Spind fand und gelesen hat. Ihre Memoiren sind strukturiert, obwohl der Titel etwas anderes suggeriert.

Floating könnte auch einen Mangel an Lebensführung meinen, aber für mich signalisiert es meine unterschiedlichen Erfahrungshorizonte in den Kulturen von Westafrika, der Karibik und den USA. Ich schwebte immer dazwischen und wurde ganz bewusst nicht an einem Ort sesshaft. Das könnte für manche Le­se­r:In­nen durchaus kontrovers sein, wenn eine schwarze Person über ihre Lebensgeschichte erzählt und sich eben nicht für eine bestimmte Identität entscheidet. Ich erzähle eine Geschichte über unterschiedliche Identitäten. Manche haben gedacht, mein Buch müsse Song­titel von jamaikanischen oder nigerianischen Künstlern tragen. Als Kind im Flüchtlingscamp hörte ich aber zuerst Bow­ie und er brachte mich zum Schweben.

Der Mensch: Louis Chude-Sokei, geboren 1967, ist Professor für Englisch an der Boston University. Für seine Bücher wurde er vielfach ausgezeichnet, etwa für „The Sound of Culture. Diaspora and Black Technopoetics“ (2016), das die Zusammenhänge zwischen Sklavereigeschichte, Science-Fiction-Literatur und Robotik erforscht und den US Black Studies aus karibischer Perspektive mit neuen Konzepten der „Kreolisierung“ luzide begegnet.

Das Buch: Vor Kurzem ist seine Autobiografie „Floating in a Most Peculiar Way“ (Houghton Mifflin Harcourt, New York 2021, 219 Seiten, 24 Euro) erschienen, mit der er seine komplizierte Familiengeschichte auf wunderbare Weise erzählt. Chude-Sokeis Mutter, eine Jamaikanerin, gehörte zur Windrush-Generation und arbeitete als Krankenschwester zunächst in England, wo sie den Vater, einen Nigerianer, kennenlernte und mit ihm nach Westafrika ging. Er wurde als Angehöriger der Ebo-Ethnie im Biafrakrieg 1969 ermordet. Louis und seine Mutter konnten flüchten, zunächst nach Gabun, dann ging es nach Jamaika und weiter in die USA.

Das Festival: „The Sound of Distance“, kuratiert von Jan St. Werner, beginnt am 21. Oktober und läuft bis zum 24. Oktober am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Unter anderem mit Panels, Konzerten, Lesungen und Performances. Live vor Ort und im Stream.

Sie beschreiben in „Floating“, wie Sie von Afro­ame­ri­ka­ne­r:in­nen diskriminiert wurden, die Sie als „Ghetto-Schwarzen“ bezeichnet haben, obwohl das nie auf Sie zutraf. Es ist also komplizierter, als das binäre Denken der Identitätspolitik vermitteln möchte.

Ich habe nur meine Geschichte erzählt, eine Geschichte, die viele in den USA lieber verschweigen, obwohl Dinge, die mir widerfahren sind, oftmals auch anderen passieren. Und zwar seit Langem. Die Spannungen zwischen Schwarz und Weiß sind schwerwiegend, alle Ame­ri­ka­ne­r:In­nen sind sich ihrer bewusst. Die vielfachen Spannungen zwischen Schwarzen und Afroamerikanern werden dagegen oft ausgeblendet. Ich bin nicht alleine mit meiner vielfältigen schwarzen Identität. Seit 1990 sind mehr Menschen aus Afrika in die USA emigriert, als zur Hochzeit der Sklaverei Menschen dahin verschleppt wurden. Es sind sowohl Flüchtlinge als auch Menschen aus Afrika, die freiwillig migrieren. Und Vorurteile, denen sie in den USA begegnen, werden inzwischen weniger aufgrund ihrer Hautfarbe gemacht, sondern mehr interkulturell. Ich möchte, dass dieses Thema endlich aufs Tableau kommt. Mein Buch beginnt deshalb auch mit dem Biafrakrieg, dem mein Vater zum Opfer fiel. Es war ein Genozid, den eine schwarze Ethnie einer anderen antat. Für viele Menschen in der schwarzen Diaspora ist so eine Geschichte nicht ungewöhnlich. Sie besteht schon als Rahmen, wenn sie in die USA auswandern und dann mit White Supremacy konfrontiert werden.

Die Diskussion um Black Lives Matter reduziert sich oftmals auf Viktimisierung von Schwarzen, wie kommt Ihnen das vor?

Binäres Schwarz-Weiß-Denken bestimmt den Diskurs in den USA. Die Konflikte zwischen Schwarz und Weiß ziehen sich durch die gesamte Geschichte des Landes. Leider schaltet dieser alte Konflikt andere Felder stumm, ob das jetzt Latinos betrifft oder Asian-Americans, deren Lebensumstände sich von denen der Afro­ame­ri­ka­ne­r:in­nen unterscheiden. Innerhalb der Schwarzen Community gibt es zudem große Klassen-Unterschiede, die sich politisch auswirken.

Inwiefern?

Es gibt eine breite schwarze Mittelklasse und eine kleine Oberschicht und es gibt Akademiker:Innen, die darauf bestehen, dass schwarze Politik alle Schwarzen repräsentieren sollte, was ich sehr problematisch finde. Viele schwarze afrikanische Migranten sind sehr schnell in die Mittelklasse aufgestiegen, was zu Spannungen mit Afroamerikanern geführt hat. Oft wird über Afroamerika nur aus der Perspektive des schwarzen Proletariats gesprochen. Beim Thema Black Lives Matter geht es vor allem um Polizeigewalt. Die Menschen, die getötet worden sind, waren nicht nur schwarz, sondern auch arm. Viele Kol­le­g:In­nen von mir wollen das auf Hautfarbe reduzieren, obwohl ich die Klassenproblematik viel dringlicher finde.

Wir haben sehr viel über Schwellen, Übergänge, Migration gesprochen, was bedeutet Ihnen Zuhause?

Ich habe beschlossen, nicht mehr darüber nachzudenken, nachdem ich Flucht und Migration selbst durchlebt und dann darüber ein Buch geschrieben habe. Seit Beendigung der Niederschrift kommt es mir fast vor, als wäre das Konzept Zuhause kein Problem mehr. Klar, in Boston arbeite und wohne ich, um mich herum Menschen, die mich inspirieren. Als ich jünger war, empfand ich die Musik als Zuhause, inzwischen ist es auch die Arbeit. Zuhause ist kein Ort mehr, eher Seinszustand.

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