Kulturschmuggel in der Sowjetunion: „Tutti Frutti“ als geheime Ware

Aus Röntgenaufnahmen machten sowjetische Raubkopierer in den Nachkriegsjahren Schallplatten. Sie sind jetzt zu sehen in der Berliner Villa Heike.

Eine Frau steht vor einer übermannshohen Vergrößerung einer Schallplatte auf Röntgenfilm

In der Garage in Moskau war „Bone Music“ schon zu sehen Foto: X-Ray-Audio-Project

Es sind fragile Objekte von geradezu gespenstisch anmutender, surrealer Schönheit: Auf einem der kreisrunden Artefakte erkennt man einen Rippenbogen, auf einer anderen etwas, das die Laiin eventuell für einen Oberschenkelknochen halten würde. Auf einer dritten sieht es so aus, als sei jemandem in den Kopf geschossen worden.

Doch das Loch in der Mitte der Scheibe, die das Röntgenbild eines menschlichen Schädels zeigt, wurde nachträglich in das weiche Material gestanzt. Eine Schallplatte braucht schließlich ein Loch.

Im Zeitalter von Spotify und Co., da Musik längst zu einem allzeit verfügbaren Konsumgut geworden ist, können wir uns kaum noch vorstellen, wie anders alles noch vor wenigen Jahrzehnten war. Zumal auf der östlich des Eisernen Vorhangs gelegenen Hälfte der Kalten-Kriegs-Welt. Der Mangel an allem und jedem, der nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in der Sowjetunion herrschte, wurde im Falle kultureller Produkte durch die Zensur noch maximal verschärft.

Verbotene Musik hören

Während der Stalinzeit fielen sowohl als „westlich“ geltende Musikstile unter den staatlichen Bann als auch zahlreiche sowjetische KünstlerInnen, die politisch in Ungnade gefallen waren. Das Bedürfnis der Menschen, auch die verbotene Musik zu hören, war jedoch nicht totzukriegen; zu allen Zeiten florierte der Kultur-Schwarzmarkt.

„Bone Music“, Ausstellung in der Villa Heike bis 5. 9.: Do.–So. 12–20 Uhr

Dessen für unsere heutigen Augen spektakulärsten Erzeugnisse stammen aus der Zeit vor der Etablierung der Audiokassette als Massenprodukt. Denn in Ermangelung anderen zugänglichen Materials, das sich zur Herstellung eines Tonträgers geeignet hätte, griffen sowjetische Raubkopierer für die Herstellung von Schallplatten zurück auf Röntgenbilder, die von den sowjetischen Kliniken in großem Stil entsorgt wurden (auch wegen der leichten Brennbarkeit des Materials wurden die Aufnahmen niemals länger als ein Jahr aufbewahrt). Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten war die Nachkriegszeit das goldene Zeitalter des Recycling.

Die Ausstellung „Bone Music“, die derzeit in der Villa Heike in Hohenschönhausen besucht werden kann, wurde kuratiert vom britischen Musiker Stephen Coates, der während einer Konzerttournee in Russland auf einem Markt eine solche Röntgenplatte erstand und, fasziniert von der Geschichte hinter dem eigentümlichen Objekt, dem „Rentgenizdat“ – auch einfach „Rippen“ oder „Musik auf Rippen“ genannt – nachzuforschen begann.

Interviews mit Zeitzeugen

Über Jahre sammelte Coates zahlreiche historische Artefakte und führte Interviews mit Zeitzeugen. Seine gesammelten Recherchen bündelte er in einem Buch und in eben der Ausstellung „Bone Music“, die bereits mehrere internationale Stationen hinter sich hat.

Röntgenbild eines Schädels, rund wie eine Schallplatte, mit Loch in der Mitte

Bone Music, Schallplatte auf Röntgenfilm Foto: X-Ray-Audio-Project

Um eine Reihe von zentral präsentierten Knochen-Schallplatten herum beleuchtet die Schau von mehreren Seiten den Kontext, in dem die illegalen Tonträger entstanden. Ein liebevoll und detailreich ausgestatteter Raum ist dabei, der die Werkstatt eines Raubkopierers darstellt. An mehreren Videostationen sind Interviews mit Zeitzeugen zu erleben.

Ein alter Mann erinnert sich an seine Zeit als Raubkopierer und erzählt, er habe das Rohmaterial einfach im Krankenhaus von einem dort arbeitenden Techniker gekauft. Manchmal seien auch ganz neue Röntgenbilder dabei gewesen. „Das waren die Besten“, weil das Material noch so schön weich gewesen sei.

Ein anderer Zeitgenosse denkt zurück an seine klandestine musikalische Erweckung als Schüler und seine Erlebnisse als Käufer illegaler Röntgenplatten. Die „Rippen“ waren billig, im Gegensatz zu den Originalplatten westlicher Musiker, die auf dem Schwarzmarkt zu Fantasiepreisen verkauft wurden. Die auf Knochenbilder geritzte Musik aber konnte sich auch ein Schüler von den Münzen fürs Pausenbrot leisten. Dann habe er eben lieber nicht gefrühstückt, als auf seine Musik zu verzichten, sagt der Mann. Nur zwei Rubel habe ihn sein erster Kauf gekostet, „Tutti Frutti“ von Little Richard.

Grüße per Schallplatte

Es war vermutlich ein polnischer Geschäftsmann, der die von einem Ungarn erfundene Röntgenbildmethode 1946 als Erster in die Sowjetunion brachte. In den vierziger Jahren war es in Ost wie West Mode – auch das zeigt die Ausstellung –, Grüße zu besonderen Gelegenheiten nicht als geschriebene, sondern als gesprochene Post in Form einer Schallplatte zu verschicken. Ein Laden zur Erstellung solcher Audiobriefe sei wohl die erste Produktionsstätte der Röntgenschallplatten gewesen, meint Stephen Coates. Tagsüber habe der Inhaber sich seinen legalen und nach Geschäftsschluss den illegalen Geschäften gewidmet.

Wer beim Verkauf oder Kauf einer illegal produzierten Platte erwischt wurde, musste auf jeden Fall mit Gefängnis rechnen. Für die Herstellung der Röntgenschallplatten waren spezielle Aufnahmegeräte erforderlich, die in der Regel selbst gebaut werden mussten. Daher wurde das Geschäft mit diesen sehr primitiven Tonträgern, deren Tonqualität eine Katastrophe gewesen sein muss und die nur wenige Male abgespielt werden konnten, nie zu einem auch nur annähernd so großen Massenphänomen, wie es der Schwarzhandel mit Audiokassetten in der späten Sowjetunion darstellte. Spätestens seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ist die „Musik auf Rippen“ Geschichte.

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