: Kriegsertüchtigung im finsteren Wald
Das Gefangenentheater aufBruch in Berlin hat mit Brechts „Mann ist Mann“ eine schrille Komödie zum aktuellen Mobilmachungsdiskurs inszeniert

Von Tom Mustroph
Die Männer, die da aus dem finsteren Wald im Volkspark Jungfernheide im Berliner Bezirk Charlottenburg hervorstürmen, könnten mit ihren wilden Bärten, den kantigen Gesichtern und dem Mix aus Uniformteilen und Motto-T-Shirts wie „I love War“ gerade von einem Frontabschnitt des Ukrainekriegs kommen. Es mag sich auch um internationale Legionäre einer Dschihadisten- oder Antidschihadistenmiliz – wer kann das überhaupt noch auseinanderhalten? – handeln. Im Brecht’schen Original von „Mann ist Mann“, vor 99 Jahren uraufgeführt, handelte es sich um die britische Armee. Die war damals irgendwo zwischen indischem Punjab und Tibet zur Aufstandsbekämpfung unterwegs und fiel dabei, so Bertolt Brecht, vor allem durch Lust am Saufen und Plündern auf. Noch so ein Merkmal ist die Aufwertung der eigenen Persönlichkeit durch die Uniform am Leibe und den Platz in der Kohorte, den man, und nicht nur Mann, im militärischen System so finden kann.
In Peter Atanassows Inszenierung haben diese Rekruten ihr Feldlager im Volkspark Jungfernheide aufgeschlagen. Der ist an dieser Stelle dicht bewaldet. Manchmal knackt es im Unterholz, ein Hase vielleicht, ein nicht ganz scheues Reh, Atanassow weiß auch von Wildschweinen, die in der Nähe leben sollen. Und praktischerweise befinden sich im mittlerweile schön zurückgeschnittenen Unterholz auch die Ränge der in den 1920er Jahren angelegten, dann aber in Vergessenheit geratenen Naturbühne.
Auf ihr und im Waldstück ringsum rekonstruieren Atanassow und seine in der Mehrzahl knasterfahrenen Darsteller die Geschichte des armen Lastenträgers Galy Gay. Der wird nur deshalb zwangsrekrutiert, weil einer Maschinengewehrbatterie beim Plündern einer indischen Pagode ein Mann verloren ging. Der abendliche Appell aber verlangt Vollzähligkeit. Moses, der nur mit seinem Vornamen genannt werden will, spielt diesen Galy Gay mit einer Mischung aus großäugiger Naivität und dem unbezähmbaren Willen, wenigstens einmal zu den Gewinnern des Lebens zu gehören. Also fügt er sich in den stumpfen militärischen Drill und wird am Ende ein brav Menschenleiber zerstückelnder Mustersoldat.
Orchestriert wird die Verwandlung durch ein paar böse Tricks aus Brechts Feder, vor allem aber durch die Verwendung sehr eingängigen Liedguts. Das reicht vom 1936 erstmals von Heinz Rühmann intonierten Marschlied „Wozu ist die Straße da“ über „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ von Schlagerstar Christian Anders bis zum einst als Antikriegslied konzipierten Pete-Seeger-Song „Sag mir, wo die Blumen sind“. Das allerdings wird hier, weil von in die Schlacht ziehenden Soldaten gesungen, zum sentimentalen Einverständnis zum Töten und Getötetwerden.
Die schrille Posse vom Zivilisten, der mit ein paar Kniffen in eine mustergültige Tötungsmaschine mit Hang zum Kriegsverbrechen verwandelt wird, passt dann auch verblüffend zum aktuellen Ertüchtigungs- und Mobilmachungsdiskurs unter CDU-Kanzler Friedrich Merz und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD).
Dass es sich bei den Darstellern vor allem um ehemalige Strafgefangene handelt – teils sogar solche, die als Freigänger im offenen Vollzug Erlaubnis zur Teilnahme am Projekt haben –, ist aufgrund der sowohl historischen wie aktuellen Rekrutierungspraxis vieler Kriegsparteien in Gefängnissen ein zusätzliches authentisches Moment dieses außergewöhnlichen Theaterabends.
Das Gefangenentheater aufBruch beweist mal wieder seine ganz besondere Bedeutung im Berliner Theaterbetrieb. Die Technik des chorischen Sprechens erreicht dank jahrelanger Praxis eine fulminante Qualität. Und aus den einstigen Schauspiel-Laien entwickeln sich immer mehr Charakterdarsteller, die auch die eine oder andere etabliertere Bühne zieren würden.
Positiv ist zudem, dass dank neuer Förderer die drastischen Kürzungen von Zuwendungen durch den Berliner Justizsenat (von 202.000 runter auf 60.000 Euro!) zumindest so aufgefangen werden konnten, dass eine Weiterarbeit in den Gefängnissen wie auch mit Entlassenen außerhalb der Gefängnismauern möglich ist. Allerdings werden in Zukunft nur noch drei statt wie bisher vier Produktionen pro Jahr realisiert werden können, sagte Co-Leiterin Sibylle Arndt der taz.
Wie relevant die künstlerische Arbeit ist, zeigt sich schon daran, dass viele Mitwirkende nach verbüßter Haft das Ensemble weiter als sozialen Ort für sich begreifen. Ein Spieler, der tagsüber bei einer Umzugsfirma arbeitet, kam nach Schichtende noch zu den Proben und nahm sich für die Aufführungen Urlaub. Wahres Arbeitertheater also, wie es Brecht wohl auch zum Jauchzen gebracht hätte.
Weitere Vorstellungen: 29.–31. 8., 3.–6. 9., 10.–13. 9., jeweils 18 Uhr, Gustav-Böß-Freilichtbühne im Volkspark Jungfernheide, Berlin
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