Eine Frau in ihrem zerstörten Haus in Tovuz

Eine Frau in ihrem zerstörten Haus in Tovuz im Norden Aserbaidschans Foto: Ramil Zeynalov/ap

Krieg um Berg-Karabach:Dem Hass trotzen

Die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und Armenien sind vergiftet. Friedensaktivist*innen aus beiden Ländern wollen die Gräben überwinden.

24.7.2020, 14:52 UHR

Diese neue Eskalation verstört mich. Ein Friedensprozess in naher Zukunft? Nein, da ist jetzt nur Hoffnungslosigkeit“, schreibt Sevinj Samadzade in einer WhatsApp-Nachricht vom Donnerstag.

Das Tête-à-Tête findet in einem Café im Zentrum der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku statt. Der Name des Etablissements tut nichts zur Sache. Denn hier trifft sich bei Latte macchiato, hausgemachtem Gebäck und Limonade auch die Opposition. Oder das, was von ihr übrig geblieben ist. Unter Staatschef Ilham Alijew, der die Südkaukasusrepublik mit seinem Familienclan seit 2003 eisern im Griff hat, sitzen derzeit mehrere Dutzend Personen aus politischen Gründen ein.

Erst vergangene Woche wurden wieder sechs Oppositionspolitiker im Zuge von Protesten für ein militärisch härteres Vorgehen gegen den Nachbarn Armenien festgenommen. Mit „der fünften Kolonne abrechnen“ nennt Alijew das, wenn seine Schergen Demonstrant*innen in Polizeibusse zerren und an einen unbekannten Ort bringen.

Als Sevinj Samadzade das Café betritt, schauen einige Gäste von ihren Laptops auf und nicken der jungen Frau kurz zu. Ihr Vorname bedeute Glück, sagt die 25-Jährige und lächelt. Glück, das sie in ihrem Leben nicht immer hatte.

Militärische Konfrontation

Sevinj Sa­madza­de stammt aus Towuz, einer Region in Norden Aserbaidschans, die an Georgien und Armenien grenzt. Dieser Tage ist die Region Schauplatz einer erneuten militärischen Konfrontation zwischen Aserbaidschan und Armenien. Seit dem Ausbruch des Krieges um Berg-Karabach Anfang der 1990er Jahre sind die beiderseitigen Beziehungen von tief sitzendem Hass geprägt.

Samadzade wächst als Halbwaise auf, ihr Vater stirbt mit 35 Jahren an einem Herzinfarkt, oder wie sie sagt: „an gebrochenem Herzen wegen der Schießereien, die er wohl nicht mehr ertragen hat“. Nach ihrem Schulabschluss zieht sie nach Baku. Sie macht einen Bachelor in Internationalen Beziehungen, es folgt ein mehrmonatiger Studienaufenthalt in den USA. In San Diego nimmt sie an einem Programm über Friedens- und Konfliktforschung teil.

Seit ihrem 14. Lebensjahr sei sie Aktivistin und Feministin, erzählt sie. Zunächst widmet sie sich Genderfragen. Seit 2013 engagiert sie sich in der Friedensarbeit und organisiert über internationale Netzwerke Workshops. Das klingt einfacher, als es ist, da Aktivist*innen wie Samadzade in Aserbaidschan legal keine Nichtregierungsorganisation gründen dürfen. Die Teilnehmer*innen kommen zu gleichen Teilen aus Armenien und Aserbaidschan, die Workshops selbst finden in Georgien statt. Das ist der einzige Ort im Südkaukasus, wo sie direkt zusammenkommen können.

Effektive Feindpropaganda

Viele Aseris begegnen dann zum ersten Mal jemandem aus Armenien und umgekehrt. „Die Feindpropaganda ist effektiv“, sagt Samadzade. Das sei auch daran zu erkennen, dass das Thema Berg-Karabach bei den Gesprächen in der Regel ausgespart werde. „Aber beim Abschied fließen immer Tränen. Das ist jedes Mal beeindruckend.“

Zwar gilt Georgien als sicherer Ort, doch mit geschützten Räumen ist das in Zeiten von Social Media so eine Sache. Im Überschwang gepostete Fotos können schnell zum Verhängnis werden. Sofort machen dann wüste Schimpftiraden von „Vaterlandsverräter*innen“ die Runde. In Aserbaidschan hatten einige Workshopteilnehmer*innen nach ihrer Rückkehr aus Georgien auch schon mal einen außerplanmäßigen Termin bei der Universitätsleitung.

„Eins weißt du ganz genau: Die Regierung ist offiziell nicht auf deiner Seite. Deshalb müssen auch wir vieles unausgesprochen lassen.“ Selbst einige der sogenannten Peace-Builder und die politische Opposition stünden, wenn die Kampfhandlungen wieder aufflammten, wie ein Mann hinter der Regierung, sagt Sevinj Samadzade. Die Regierung nutze den Konflikt und die Militarisierung, um die Zivilgesellschaft unter Kontrolle zu halten.

Sevinj Samadzade aus Baku sitzt vor einem Buch

„Ich will mein Möglichstes tun, damit sich diese Situation ändert“, sagt Sevinj Samadzade Foto: Barbara Oertel

Sie selbst sei oft von inneren Konflikten zerrissen. Warum tut sie sich das alles trotzdem an? „Für mich“, sagt Sevinj Samadzade, „ist meine Tätigkeit zwangsläufig. Ich bin direkt davon betroffen, alle sind das.“ Und plötzlich sind sie wieder da, die Bilder von der Frontlinie im April 2016. Von Toten auf den Straßen und traumatisierten Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben. Von Kindern, die an Epilepsie, Diabetes und anderen Erkrankungen leiden. Und von Frauen, die wieder in alte Rollenmuster zurückgeworfen werden in einem Krieg, den die Männer unter sich ausmachen.

Hoffnung auf ein menschlicheres Leben

„Ich will mein Möglichstes tun, damit sich diese Situation ändert“, sagt Samadzade. Dazu müssten vor allem auch junge Aseris miteinbezogen werden und ihre Visionen artikulieren. „Unsere Gesellschaft muss sich von Gewalt frei machen, wir müssen uns diesen Konflikt aneignen. Das kann nicht in erster Linie die Aufgabe internationaler Organisationen sein“, sagt sie. Ihre Vision ist schnell auf den Punkt gebracht: ein Frieden, der mehr ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. „Gerechtigkeit, weniger Korruption und ein menschlicheres Leben für alle.“

Die Bereitschaft in der Gesellschaft, etwas zu verändern, muss dazu wachsen – und das dürfte dauern. „Ich träume davon“, sagt Sevinj Sa­madzade noch, „dass ich irgendwann an die Grenze nach Berg-Karabach gehe. Und da werden dann keine Soldaten mehr stehen.“

Drei Minuten zu Fuß von dem Café entfernt befindet sich eine Buchhandlung. Die hintere Wand verdeckt ein Plakat mit dem Bild des ehemaligen Präsidenten Heydar Alijew, der 2003 gestorben ist. Daneben steht in großen Lettern: „Mein Ziel ist, den Stolz und die Werte meines Volkes zu verteidigen.“ Die Regale darunter sind mit den Weisheiten der Alijew-Familie gefüllt. Heydar bringt es auf 46 Bände, Sohn Ilham auf 86. Eine andere Abteilung hält Publikationen in verschiedenen Sprachen über den Krieg in Berg-Karabach bereit. „Der Genozid der Armenier an Muslimen, Juden und Christen seit 1918“ lautet ein Titel, „Zeugnisse eines Kriegsverbrechens – Armenien auf der Anklagebank“ ein anderer.

Auf einer Anhöhe außerhalb von Baku herrscht gespenstische Stille. Şəhidlər Xiyabanı heißt der Ort, was „Allee der Märtyrer“ bedeutet. Hier sind die Opfer des Berg-Karabach-Krieges bestattet. Schnurgerade reihen sich die Gräber aneinander, Vor- und Nachname, Geburts- und Sterbedatum sowie das Konterfei der Getöteten sind in Stein gemeißelt. Einige Spaziergänger*innen ­gehen die Allee entlang, halten inne mit gesenktem Kopf. Jemand legt eine rote Nelke nieder.

Gräber, auch jenseits der Grenze

Gräber, so weit das Auge reicht, auf einer 20 Hektar großen Fläche. Einige Steinplatten schmücken frische Blumen. Jerablur heißt das Areal auf einem Hügel am Rand der armenischen Hauptstadt Jerewan. Hier ruhen etwa 1.000 Soldaten, gestorben im Krieg um Berg-Karabach, vielleicht auch mehr, viele gelten als vermisst. Auf einem Platz erhebt sich eine Kirche. An der Wand lehnt ein Mann, unschlüssig, ob er sie betreten soll.

Die Taxifahrt ins Zentrum dauert 20 Minuten. Bauten aus rosa-gelben Tuffsteinen bilden einen Ring, in dessen Mitte Wasser aus Fontänen eines Brunnens in die Höhe schießt. Im Frühjahr 2018 demonstrierten hier Hunderttausende während der Samtenen Revolution wochenlang für Nikol Paschinjan, der heute Premierminister ist.

Die Cafés sind gut besucht. Buchhandlungen präsentieren Bestseller, darunter „Aserbaidschanischer Vandalismus gegen das armenische Kulturerbe“ oder „Das Tagebuch von Arzach – grün und schwarz – Weder Krieg, noch Frieden“ – eine 520-seitige Kriegsdokumentation. Arzach ist der armenische Name für die Region Berg-Karabach.

Das Kulturcafé „Mirzoyan – Library“ ist nur zehn Minuten zu Fuß vom Platz der Republik entfernt. Viele Revolutionär*innen sind Stammgäste in diesem alten zweistöckigen Haus. In einer separaten Bibliothek sitzen Künstler*innen, Journa­list*in­nen und Politiker*innen zusammen. Und Menschen, die jung und kreativ sind oder sich dafür halten.

Lilit Gizhlarjan verbringt ihre Abende oft hier. Seit sechs Jahren setzt sich die 27-Jährige dafür ein, dass Armenier*innen und Aserbaidschaner*innen sich treffen und austauschen können. „Imagine“ heißt die internationale Nichtregierungsorganisation, für die Lilit Gizhlarjan dieses Programm koordiniert. „Imagine“ ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Song von John Lennon. Sie beginnt leise zu summen: „Stell dir vor, es gäbe keine Länder, das ist gar nicht so schwer. Nichts, wofür es sich zu töten oder zu sterben lohnt …“

Lilit Gizhlarjan aus Jerewan lächelt

Lilit Gizhlarjan ist in ihr Heimatdorf gefahren, um jetzt an der Seite ihrer Eltern zu sein Foto: Barbara Oertel

Sie lächelt, dieses Lied ist so etwas wie ihre Hymne geworden. „Warum gibt es in unseren Ländern so viel Hass?“, fragt sie und überlegt kurz. „Es ist viel einfacher, eine Person zu hassen, in deren Augen man nicht geblickt hat“, sagt sie dann.

Lilit Gizhlarjan ist 17 Jahre alt, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben Menschen aus Aserbaidschan bei einem Workshop in der georgischen Hauptstadt Tiflis begegnet. „Das war mir unangenehm. Ich hatte Angst und die ganze Zeit nur einen Gedanken im Kopf: dass der Feind mir noch nie so nahe gekommen war“, erzählt sie. Ihr „Todesurteil“ unterschreibt sie schon an der Hotelrezeption. Da erfährt sie, dass sie ihr Zimmer mit einer Aserbaidschanerin teilen muss.

Heute kann sie darüber lachen. Mittlerweile erfahren die Teil­neh­mer*innen schon vorher, das der „Feind“ im selben Zimmer untergebracht wird und die Nachtruhe durch lautes Schnarchen empfindlich stören könnte. Doch diese Hürde könnten nicht alle nehmen, sagt Lilit Gizhlarjan. Viele sagten ihre Teilnahme ab, weil sie noch nicht dazu bereit seien.

Lilit Gizhlarjan ist in dem Dorf Verin Karmiraghbyur, auf Deutsch Obere Rote Quelle, in der Region Tawusch geboren und aufgewachsen. Der Name geht wahrscheinlich auf eine Quelle zurück, die einem rötlichen Sandstein entspringt. Von hier sind es nur sechs Kilometer bis zur armenisch-aserbaidschanischen Grenze.

Nach ihrem Abitur zieht Lilit Gizhlarjan nach Jerewan und studiert Romanistik. Das Fach Spanisch schließt sie mit einem Master ab. Mittlerweile spricht sie sechs Sprachen, um, wie sie sagt, viele Menschen erreichen zu können.

Das Gebirge endet nicht am Stacheldraht

Enthusiasmus scheint eine ihrer Stärken zu sein. Trotz vieler Rückschläge glaubt sie immer noch an Dialog, Frieden und offene Grenzen. „Das Gebirge in meinem Dorf endet nicht dort, wo der Stacheldraht beginnt“, sagt sie. „Seine mächtigen Ausläufer geben auch auf der anderen Seite der Landschaft ihr Gesicht.“ Trotz ihres Optimismus wird eine Lösung des Konflikts wahrscheinlich noch lange hinter den Bergen verborgen bleiben.

„Aserbaidschaner*innen und Armenier*innen, wir kennen uns gegenseitig fast nicht mehr“, sagt sie. „Wir wissen nur das, was uns in unseren Ländern erzählt wird – in der Schule, im Fernsehen und in Büchern“. Propaganda gebe es überall. Doch Fakten seien Fakten. „In Baku und in Sumgait wurden Armenier*innen vergewaltigt, ausgeraubt und getötet“, sagt sie. „Doch warum lassen wir nicht auch Aserbaidschaner*innen von ihrem Schmerz erzählen?“ Für einen Friedensprozess sei Zuhören genauso wichtig, wie sich selbst zu reflektieren.

Ihr Vater und ihr Onkel sprächen kaum vom Krieg. Wenn sie doch einmal ein paar Worte darüber verlören, tasteten sie sich ganz vorsichtig an dieses Thema heran. „Ich bin mit den Geschichten meines Großvaters groß geworden“, sagt sie. So habe er einmal erzählt, wie sein aserbaidschanischer Freund aus dem Nachbardorf ihn besucht habe, wie Armenier*innen zum Einkaufen auf den Markt am Bahnhof im aserbeidschanischen Tovuz gefahren seien. Doch das alles ist lange her. Heute gehen in der Region zu beiden Seiten der Grenze wieder Geschosse auf Dörfer nieder.

Lilit Gizhlarjan ist in ihr Heimatdorf gefahren, um jetzt an der Seite ihrer Eltern zu sein. „Ich bin traurig, enttäuscht, aber nicht verzweifelt“, sagt sie am Telefon. Manchmal müsse sie in diesen Tagen auch an das Lied von John Lennon denken. Ihr jüngerer Bruder soll in einer Woche nach zwei Jahren Militärdienst wieder nach Hause kommen. Sofern kein Krieg ausbricht.

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