Koordinatorin über Gorlebener Gebet: „Es muss weitergehen“

Christa Kuhl kämpft seit Jahren gegen ein Endlager für Atommüll in Gorleben. Und nun? Ein Gespräch über ein Ende, das keines ist.

Porträt von Christa Kuhl

Seit den 60ern politisch aktiv: Christa Kuhl Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG

taz: Frau Kuhl, Sie organisieren seit so vielen Jahren jeden Sonntag das Gorlebener Gebet. Wurden Ihre Gebete also erhört?

Christa Kuhl: Ja, einerseits. Denn es war uns ein großes Anliegen, dass das Endlager nicht weiter ausgebaut und mit Atommüll gefüllt wird. Weil es eben nicht geeignet ist, was ja viele wissenschaftliche Gutachten seit jeher zeigen. Das ist aber nur die eine Seite. Unser Anliegen ist nämlich auch, dass die Nutzung der Atomenergie insgesamt beendet wird, wo auch immer. Dieses Anliegen bleibt, es ist noch nicht erfüllt.

Am 4. Oktober gab es das erste Gorlebener Gebet nach der überraschenden Entscheidung, dass der Salzstock Gorleben aus dem Suchverfahren für ein Endlager ausgeschieden ist. Wie war denn da die Stimmung?

Das war großartig. Es gab für den Tag auch den Aufruf der Bürgerinitiative zu einer Demonstration direkt am Gorlebener Erkundungsbergwerk. Das war eine Jubelfeier mit mehr als 2.000 Menschen. Etwas abseits davon hatten wir unsere Andacht – wie immer. Wir waren natürlich auch sehr glücklich, dass Gorleben als Endlager-Standort herausgefallen ist und damit unser Widerstand erfolgreich war und unsere Gebete sich erfüllt haben. Aber wir haben ja nicht zum Heiligen St. Florian gebetet – „Schütz’ mein Haus, zünd’ andere an“.

Es geht also weiter?

Ja, es war uns schon am 4. Oktober klar, dass es weitergehen wird und weitergehen muss mit den Gorleben-Gebeten. Dass wir uns weiterhin treffen werden. Denn unser Motto ist ja: Spiritualität und politische Verantwortung im Widerstand. Das gilt nicht nur für einen Standort, das ist auf die Bewahrung der Schöpfung insgesamt bezogen.

81, die frühere Lehrerin wurde im Widerstand gegen das Atomkraftwerk Grohnde bei Hameln politisch sozialisiert. Sie lebt mit ihrem Mann seit 2003 im Wendland. Dort wohnt sie in Schreyahn, einem Rundlingsdorf mit rund einem Dutzend Häusern.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie zur Atomkraftgegnerin wurden?

Mein Mann und ich haben bis vor 17 Jahren in Hameln gelebt. Politisch aktiv waren wir schon in den 1960er-Jahren und organisierten große Demonstrationen gegen den Hunger in der Welt. Als in den 1970er-Jahren das Atomkraftwerk Grohnde bei Hameln gebaut wurde, haben wir den Widerstand in einem Anti-Atom-Dorf unterstützt. Aber wir haben dort nicht die Nächte mit verbracht.

Wie haben Sie Ihre Art des Protestes gefunden?

Wir waren 1983 beim Kirchentag in Hannover, da kamen diese lila Tücher auf, auf denen stand: „Umkehr zum Leben – Die Zeit ist da für ein Nein ohne jedes Ja zu Massenvernichtungswaffen.“ Wir standen dann in Hameln mit unseren lila Tüchern und Plakaten, jeden Freitag für eine halbe Stunde in einem Schweigekreis vor einer Kirche. Das ging auch über Jahre. Von daher war es uns sehr vertraut, auch öffentlich Stellung zu beziehen und zu zeigen, hier ist eine Gefahr für uns, und wir wollen es nicht hinnehmen, dass die Politik uns so etwas vorsetzt.

Und wie ging es los mit dem Gorlebener Gebet?

Nach der Standortentscheidung für Gorleben vor mehr als 40 Jahren haben im Wendland zunächst einzelne Pastoren das hin und wieder in Gottesdiensten thematisiert. Dann gab es zwei Kreuzwege für die Schöpfung. Einen 1985 und einen zweiten 1988.

Was passierte da?

1985 wurde ein großes Holzkreuz vom AKW Krümmel nach Gorleben getragen, begleitet von heftigen Auseinandersetzungen mit der offiziellen Kirche. Den beteiligten Pastoren wurde zum Teil Predigtverbot angedroht, wenn das Kreuz aufgestellt würde. Und dann kam 1988 der große Kreuzweg, der zweite Kreuzweg für die Schöpfung von Wackersdorf nach Gorleben. Da wurde ein Kreuz über 1.000 Kilometer getragen von 6.000 Menschen und im Wald bei Gorleben aufgestellt. Auf dem Platz, auf dem wir uns bis heute treffen. Damals wurde hier eine Andacht mit einer großen Menschenmenge gefeiert. Das Kreuz aus Wackersdorf steht da auch noch heute.

Wie ging es dann weiter?

In den Monaten nach dem zweiten Kreuzweg gab es immer mal wieder einzelne Andachten. An Silvester zum Beispiel, oder auch an Feiertagen. Bis 1989 einige aktive Leute sagten, wir sollten hier eigentlich kontinuierlich zusammenkommen zu Andachten und zum Gebet. Zunächst dachten sie eher an Veranstaltungen alle 14 Tage oder einmal im Monat, aber sehr bald traf man sich zum Gebet jeden Sonntag. Und das ist nun seit 31 Jahren so, dass wir jeden Sonntag bei Wind und Wetter zusammenkommen. Es ist niemals ausgefallen, außer in den ersten Wochen nach Beginn der Corona­krise.

Wie läuft denn so ein Gorlebener Gebet ab? Wird das vorbereitet?

Die Andachten werden von ganz unterschiedlichen Leuten vorbereitet. Das sind mal Einzelpersonen, mal Gruppen, mal Paare oder Freundeskreise. Es gab immer einen Koordinator oder eine Koordinatorin, die das organisierte. Ich mache das seit 2006, seitdem bin ich die Koordinatorin. Wir finden immer Menschen aus der evangelischen oder katholischen Kirche, die sagen, wir wollen da gerne zu euch sprechen. Aber auch viele andere.

Das ist also nicht nur eine Veranstaltung für gläubige Christen?

Nein. Einmal sagte einer, er sei Atheist, ich würde auch gern kommen. Und wir haben ihn eingeladen: „Gerne, komm und erzähl uns von deinen Aktivitäten, wir wollen von deinem Widerstand lernen.“ Das war ein Mensch, der das Kreuz von Wackersdorf nach Gorleben über die ganzen 1.000 Kilometer mitgetragen hat. Also, da ist alles möglich. Buddhisten aus Nepal haben schon die Andachten geleitet, Muslime auch.

Sie haben gesagt, dass die Amtskirche anfangs scharfe Kritik an dem Gorlebener Gebet geübt hat. Wie ist das heute?

Das hat sich stark verändert. Als wir das 25-jährige Bestehen der Gorlebener Gebete gefeiert haben, hat der hannoversche Landesbischof Ralf Meister sich ganz offiziell entschuldigt für die vorherige kritische und abwertende Haltung der Landeskirche. Und er hat gesagt, er sei gerne gekommen, um zu uns zu sprechen und diese offizielle Entschuldigung persönlich vorzubringen.

Kirchenleute waren ja auch gegen die Castortransporte nach Gorleben aktiv.

Ja, da waren die meisten Pastorinnen und Pastoren im Wendland sehr engagiert. Sie haben die Kirchen geöffnet für die Demonstranten, haben Andachten gehalten, sind als Seelsorger und Seelsorgerinnen bei den Demonstrationen mitgegangen und haben in Konfliktsituationen vermittelt zwischen der Polizei und den Demonstrierenden. Der jetzige Propst aus Lüchow hat mir gerade nochmal gesagt, er hoffe doch sehr, dass unsere Gebete weitergehen. Ein anderer Teilnehmer aus der Kirche meinte, wir müssten doch weitermachen, das Gorlebener Gebet sei doch ein goldener Mosaikstein im kirchlichen Leben.

Warum sind Sie 2003 denn ins Wendland gezogen?

Ja, wie kommen alte Leute überhaupt dazu, umzuziehen? Unsere Tochter, unser Schwiegersohn und drei Enkelkinder lebten hier im Wendland und waren – und sind – sehr aktiv im Widerstand. Sie schlugen uns vor: „Wenn ihr im Ruhestand seid, wollt ihr nicht hierher ziehen? Hier brauchen wir euch auch in einem ganz aktiven Widerstand. Außerdem gibt es hier etwas, das ist doch bestimmt das Richtige für euch, hier sind Leute, die sind politisch aktiv und fromm. Die verbinden Spiritualität und politische Verantwortung.“

Das waren die Menschen vom Gorlebener Gebet?

Ja, wir haben uns das angeschaut und gedacht, hier ist genau das, wonach wir suchen. Diese Verbindung. Nicht nur politisch. Aber eben auch nicht nur fromm und im eigenen Saft schmoren. Hauptsache, wir sind selig. Und so kam es, dass wir ins Wendland gezogen sind.

Das hört sich so an, als wäre das Gorlebener Gebet auch eine Art Familie für Sie.

Ich denke, es ist so eine Kerngemeinschaft von Menschen, die aufeinander achten, einander persönlich begleiten und auch sich gegenseitig sehr helfen und stärken in ihren Anliegen. Jemand von uns sagte mal, das Gorlebener Gebet bewahrt uns in den Auseinandersetzungen um die Atomkraft vor Gewaltanwendung und gibt uns die Kraft, auf friedlichen Widerstand zu vertrauen. Auf friedlichen Widerstand, aber auch auf die Hilfe Gottes.

Wie sieht diese Gemeinschaft aus?

Wir sind überwiegend Menschen, die schon im Ruhestand sind, bis hin zu sehr alten Menschen. Mein Mann und ich nehmen zum Beispiel jeden Sonntag zwei über 90-jährige Frauen mit. Die sind dankbar, dass sie noch mit dabei sein können. Es gibt zwar noch einige, die im Berufsleben sind, aber Nachwuchs ist nicht wirklich da.

Fühlen und begreifen Sie sich als Bestandteil des wendländischen Anti-Atom-Widerstandes?

Ja, unbedingt. Wir haben großen Rückhalt in der Bürgerinitiative. Die hat uns, zum Beispiel, zu unserem 25-jährigen Bestehen ein Spruchband geschenkt und angebracht mit dem Jesuswort: „Bleibet hier, wachet und betet.“ Also, die wissen, was unser Anliegen ist und stehen total an unserer Seite. Natürlich, haben die jungen Leute hier andere Schwerpunkte. Aber alle achten und wertschätzen das, was bei den Andachten unter den Kreuzen im Wald geschieht. Und alle helfen uns, wenn immer es nötig ist.

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