Abseits von Phrasen : Konservativ, aber richtig!
Schluss mit dem Progressivgequatsche, stattdessen zukunftsfähig konservativ werden? Weiterdenken mit Ricarda Lang und Robin Alexander beim taz lab.
taz lab | Ricarda Lang will mit den Grünen das Zentrum einer „progressiven Mehrheit“ bilden oder hat das zumindest behauptet. Robin Alexander weiß, dass Konservative allein das Wort „progressiv“ kirre machen kann. Die denken bei dem Wort sofort „woke“ und rasten aus. Worauf, diejenigen, die „woke“ verständlicherweise positiv besetzen, ihrerseits ausrasten.
So wird das nichts. Wie kann man in einer Zeit, in der Zukunftspolitik für viele ein schlimmes Wort zu sein scheint, eine Mehrheit für Zukunftspolitik gewinnen – und für welche? Das fragen wir die Grüne Bundestagsabgeordnete und den führenden Analytiker des Konservativismus beim taz lab.
Die Ex-Parteivorsitzende Lang ist interessanterweise inzwischen Everybody’s Darling einer Partei, die das nun gar nicht mehr von sich behaupten kann. Alexander, Bestsellerautor und erfolgreicher Podcaster („Machtwechsel“) ist nach seinem Weggang von Springer irgendwie auch Everybody’s Darling.
Die Bedürfnisse sind konservativ
Gerne und mit Argumenten belegbar wird in der Bundesrepublik von „Rechtsruck“ geredet. Doch die Frage ist erstens, ob das stimmt und zweitens, ob es klug ist, es so zu nennen. Wenn wir nicht von den Rechtsradikalen, rechtspopulistischen Strategen und ihren medialen Sprach- und Schreibrohren reden, sondern von ihrer Zielgruppe (nämlich, den nach rechts gerückten), dann sind wir bei menschlichen Bedürfnissen, die überwiegend halt nicht „progressiv“ sind, aber eben auch nicht darin bestehen, andere zu hassen und umzubringen.
Diese Bedürfnisse sind konservativ: Sicherheit, Halt, Geborgenheit, Wertschätzung, das Gefühl, in diesem Land und am Wohnort Zuhause zu sein. Die Erfüllung dieser konservativen Bedürfnisse ist die Voraussetzung, um von einem sicheren Ort aus aufbrechen und loslegen zu können, so beschreibt es Sozialpsychologe Harald Welzer. Wir reden hier wohlgemerkt vom Westen und nicht von Menschen, die durch Krieg oder Klimakatastrophe ihren sicheren Ort verloren haben.
Generation Habeck
Die Arbeitsthese lautet, dass es in Deutschland eine Generation Habeck gibt, über Grünen-Wähler hinaus, die sich vom klassischen politisch-moralischen Denken verabschiedet hat, links-rechts, konservativ-progressiv, gut-böse.
Diese Leute suchen Allianzen der Unterschiedlichen oder sind zumindest bereit, sie zuzulassen. Das allerdings wird durch den Backlash im politischen und mediengesellschaftlichen Sprechen infrage gestellt: Von den einen werden Konservative zunehmend als „Nazis“ denunziert und von den anderen „Linksgrüne“ als die Wurzel allen Übels.
Das Progressiv-konservative Paradoxon
Wir sind in einer Lage, auch das eine Gesprächsthese, in der es darum geht, die Errungenschaften der liberalen Moderne – Schutz, Recht, Freiheit, Sozialstaat und Individualismus – zu „bewahren“. Und das geht nur durch politische Reparaturen. Wir müssen die reparativen Veränderungen und die konservativen Bedürfnisse zusammenbringen.
Der Politikstratege Peter Siller hat dafür den Begriff „Progressiv-konservatives Paradoxon“ geprägt. Linkspartei und SPD, die sich – wie begründet auch immer – stets als progressiv verstanden, wollen jetzt als oberstes oder einziges Ziel den Sozialstaat bewahren.
Alle konservativ, aber auch zukunftsfähig konservativ?
Grüne wollen die planetarischen Grundlagen bewahren, ohne die es keine Zukunft gibt, haben aber allein keine Mehrheit dafür. Konservative wollen die Vergangenheit bewahren, die es schon gar nicht mehr gibt und müssen Teil der Veränderung werden, damit – das ist ein schlimmes Schlagwort, aber auch darüber werden wir sprechen – „alles so bleiben kann, wie es ist.“
Die These lautet daher: Alle sind konservativ, aber niemand ist zukunftsfähig konservativ. Wie kann man das ändern?
Darüber diskutieren auf dem taz lab Paulina Unfried (King’s College) und taz FUTURZWEI-Chefredakteur Peter Unfried im „Weiterdenken“-Gespräch mit der Grünen-Politikerin Ricarda Lang und dem ehemaligen stellvertretenden Welt-Chefredakeur Robin Alexander.