Konfusionen durch Corona: Es ist zum In-die-Tastatur-Beißen

Hausunterricht, Milliardenfonds und Zoom-Konferenzen. In der Pandemiezeit gerät einiges durcheinander. Aber danach wird alles weitergehen. Fast alles.

Ein Wohnwagen auf einem Campingplatz

Urlaub zu Coronazeiten: Der Wohnwagen wird klar gemacht Foto: Barbara Gindl/APA/dpa

Achtung, dieser Wochenrückblick könnte ein wenig konfus wirken: Nicht nur verschwimmen dieser Tage Raum und Zeit – manchmal weiß ich gerade nicht mehr, ob ich mit jemandem gerade in einem virtuellen Zoom-Raum gesprochen habe oder in echt oder was gerade Arbeit ist und was Hausunterricht: Letztens war ich kurz davor, einer Kollegin das Akkusativobjekt im Satzgefüge zu erklären, dabei wollte sie mit mir über den Seite-eins-Kommentar reden. Und während ich diesen Text schreibe, muss ein Zweitklässler hier am selben Küchentisch „Wortschlangen“ in Sätze zerlegen und die Nomen rot, die Adjektive grün … wo war ich?

Ach ja, auch politisch gerät einiges durcheinander: Dieser Tage schnurrte mir morgens in der Küche beim Kaffeemachen eine bekannte Stimme via Deutschlandfunk ins Ohr, er unterstütze „nach einigem Nachdenken“ Ursula von der Leyens ­Milliardenhilfen-Plan voll und ganz. Solidarität mit den besonders coronagebeutelten „Südländern“ sei jetzt wichtig, sonst könne Europa einpacken. Ich brauchte eine Weile, um zu kapieren, dass da Christian Lindner von der FDP sprach. Hat er wirklich das Wort Solidarität in den Mund genommen – oder war ich noch nicht ganz wach?

Ob ich eigentlich richtig höre, habe ich mich den Rest der Woche dann noch öfter gefragt: etwa, ob jetzt allen Ernstes Deutschlands stolze Kranich-Fluglinie mit Staatsgeld gerettet wird – und dafür nichts, aber auch gar nichts anders machen muss als bisher? Wo einem doch all die schönen wissenschaftlichen Vorher-nachher-Visualisierungen einer Welt mit viel und fast ohne Flugverkehr klar gemacht haben, dass verdammt noch mal weniger geflogen werden muss.

Nicht mal Inlandsflüge muss die staatsgerettete Lufthansa einschränken, so wie die französische Air France, die Präsident Macron dazu verpflichtet hat, alle Ziele, die innerhalb von 2,5 Stunden auch per Zug erreichbar sind, vom Flugplan zu streichen? Nein, im Industrieland Deutschland traut man sich solche Ansagen natürlich nicht. Da macht man allenfalls ein paar Pop-up-Radwege in den Großstädten (nur temporär, versteht sich) – und lässt weiter fliegen wie bisher. Hängen ja Arbeitsplätze dran.

Das gleiche Trauerspiel mit dem Auto: Haben wir nicht alle gesehen, wie dramatisch die Stickstoffdioxid-Belastung zurückgeht, wenn weniger gefahren wird? Jetzt wo wir den Vorher-nachher-Vergleich haben: Könnten wir jetzt dann die Autoindustrie, die schon wieder nach Staatsknete schreit, bitte mal auch dazu zwingen, Alternativen zum Verbrennungsmotor zu entwickeln und zu verkaufen – und zwar pronto?

Autoprämien

Aber nein, jetzt heißt es aus Autolobbykreisen in grotesker Faktenverdrehung: die Feinstaubwerte seien durch den wenigen Verkehr kaum gesunken, das Auto sei also nicht das Problem. Umweltverbände protestieren, klar. Aber für die Politik reicht es offenbar, das Stichwort „Arbeitsplätze in Gefahr“ fallen zu lassen – und die Autoländer Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern machen sich für Autoprämien stark – für Benziner und Diesel! Ganz nach dem Motto meines verstorbenen Deutschlehrers, der zu sagen pflegte: „Mein Porsche fährt auch ohne Wald.“ Aber das war ungefähr 1991. Und mein Deutschlehrer war, im Gegensatz zu Baden-Württembergs Winfried Kretschmann, auch nicht bei den Grünen.

Dauercamper

Es ist zum In-die-Tastatur-Beißen: Seit Wochen ist die Rede davon, dass „nach Corona“ die Welt ganz anders sein werde, ja, müsse! als zuvor. Aber jetzt, wo alles langsam wieder anläuft, fühlt es sich eher an wie 1991 plus Klimakrise. Und minus Regelschulunterricht natürlich. Und auch minus Urlaub? Am langen Himmelfahrtswochenende habe ich schon mal das Modell „Urlauben in Deutschland“ getestet – im Wohnwagen der Schwiegereltern im süddeutschen Nirgendwo.

Anreise mit der Bahn, die interessanterweise seit der Coronakrise pünktlich ist wie nie, als wolle sie sich als Alternative zum Autowahnsinn präsentieren, als Kernstück einer „Mobilitätsprämie“ etwa, die BürgerInnen die Kombination aus Pkw/Bus/Fahrrad plus Bahn schmackhaft macht und für entsprechenden Ausbau des Bahnnetztes sorgt – was wiederum für neue Jobs sorgen könnte. Aber, keine Angst, so weit wird es nicht kommen: So krass umzudenken, das wird hierzulande niemandem zugemutet – höchstens den Eltern.

Die Dauercamper im süddeutschen Nirgendwo praktizieren jedenfalls seit vielen Jahren das, was als der neue heiße Post-Corona-Scheiß gilt: das einfache Leben – lokal, naturnah, nachbarschaftlich-solidarisch und konsumeingeschränkt. Es ist allerdings auch kein Leben, wie sich das ­Grünen-wählende Großstädter wie ich so imaginieren, sondern eher: Morgenzigarette, vormittags das erste Bier, Post vom Amt lesen, danach Aufschnitt, Grill und Nackensteak vom Discounter. Wenn Sie mich fragen: Deutschland kann nicht anders. Es geht „danach“ einfach so weiter. Minus Klima.

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Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2016 bis 2020 leitete sie das Meinungsressort der taz. Im März erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag.

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