Kommunizieren im Alltag: Die Coronasprache

Corona macht unsere Kommunikation kaputt. Aber es gibt Hoffnung: Mit Hilfe meines Sohnes habe ich eine Coronasprache entwickelt.

Zwei kleine Büsten im Schaufenster eines Schmuckladens tragen Mundschutz.

Maskenproblem bei der Kommunikation? Mehmets Lautsprache funktioniert immer Foto: dpa / Martin Schutt

„Früher war alles besser“ ist seit Corona kein blöder Spruch mehr. Es ist eine Tatsache.

Wegen dieser Krankheit darf ich meine lieben Kumpels weder küssen, noch umarmen, nicht mal die Hand geben. Mit der großen Maske laufen sie einfach an mir vorbei. Oder rufen mir auf der Straße zu: „Hallo Helmut, alter Schwede, wie geht’s dir?“

„Ich bin nicht der Schwede Helmut. Ich bin der Türke Osman.“

„Oh, Entschuldigung.“

Oder ich sehe meinen Arbeitskollegen Hans auf der Straße und rufe begeistert: „Hallo Hans, alter Kumpel“, aber werde sofort zurechtgewiesen. „Ich bin nicht Hans, mein Herr. Ich bin Fatma.“

Selbst diese armselige Begrüßung ist zu riskant, am besten gar nicht den Mund aufmachen, sagen die Corona-Experten. Die ganz winzigen und supersportlichen Viren würden sogar durch den Mundschutz hindurchflitzen und einen brutal umbringen. Was die ganzen Diktatoren in jahrelanger Arbeit nicht geschafft haben – alle Menschen mundtot zu machen – hat ein winziges Virus in kürzester Zeit erledigt.

Aber ist Sterben in diesem Fall nicht die bessere Alternative, wenn man seine Kumpels nicht mal begrüßen darf?

„Nein, ist es nicht. Ich werde viel lieber weiterleben als dich zu grüßen, Osman“, sagt mein Kumpel Nedim trocken.

„Aber ohne jegliche menschliche Kommunikation ist es schon ein wenig wie lebendig begraben zu werden, nicht wahr, mein Freund?“, bettele ich regelrecht nach ein bisschen Liebe.

„Nein, ist es nicht. Mein Fernseher reicht mir“, meint er.

Also suche ich nach neuen Kommunikations­möglichkeiten, um unsere Zivilisation trotz Corona­ doch noch zu erhalten. Und werde nach kurzer Zeit fündig. Mit der neuen „Coronasprache“, die ich erfunden, entwickelt und patentiert habe, kann man sich sogar mit geschlossenem Mund unterhalten.

Sie beruht auf einem denkbar einfachen System,­ das ich meinem sprachfaulen Sohn Mehmet abgeguckt und perfektioniert habe. Mehmet spricht nämlich nicht – er grunzt wie eine Sau! „Hhrr, hhrr, hhrr“, insbesondere morgens. Und zwar ohne den Mund aufzumachen, was in diesen Coronazeiten plötzlich Gold wert ist und über Leben und Tod entscheiden kann.

Ich brauchte nur Mehmets „Hhrr, hhrr, hhrr“ mit dem Morsealphabet zu kombinieren. Dreimal kurz „hhrr“, einmal lang „hhrr“, zweimal kurz „hhrr“ bedeutet: „Wie geht’s dir?“

In der Praxis hört sich das so an: „Hhrr, hhrr, hhrr, hhhhhrrrrr, hhrr, hhrr?“

Ich kann auch problemlos: „Grüße deine Frau Hümeyranim“ sagen, ohne den Mund aufzumachen: „Hhrr, hhrr, hhhhhrrrrrr, hhrr, hhhhhrrrrr, hhhhhrrrrr!“

Mein Lieblingssatz ist aber: „Hhhhhrrrrr, hhrr, hhrr, hhhhhrrrrr, hhhrrr“, und bedeutet: „Corona ist doof!“

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ist Satiriker in Bremen. Zu hören gibt es seine Kolumnen unter https://wortart.lnk.to/Osman_Corona. Sein Longseller ist der Krimi „Tote essen keinen Döner“ (dtv).

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