Kommentar : Ritualisierter Protest klappt nicht
Es lag nicht nur am Wetter: Seit Jahren gehen die Teilnehmerzahlen der traditionsreichen Demonstration nach unten, stagnieren bestenfalls auf niedrigem Niveau.
N atürlich, sechs Grad und Regen sind alles andere als ideales Demowetter. Wer die Gelegenheit hatte, wird das lange Wochenende möglichst in wärmeren Gefilden verbracht haben - und weitab vom Berliner Ostermarsch. Doch das Wetter darf nicht als Alibi dienen: Seit Jahren gehen die Teilnehmerzahlen der traditionsreichen Demonstration nach unten, stagnieren bestenfalls auf niedrigem Niveau. Zwar brachten der Kosovo- und später der Irakkrieg vor Jahren noch einmal mehr Menschen an Ostern auf die Straße, doch der Erfolg hielt nur kurz an.
Erstaunlich ist das nicht. Denn wird aus einer Protestveranstaltung ein Ritual, nehmen Inhalte, Wirkung oder gleich beides ab. Das ist beispielsweise bei den Montagsdemos gegen Sozialabbau zu sehen. Zwar halten die Organisatoren bereits seit 2004 durch - doch Teilnehmerzahlen und Öffentlichkeitswirkung gegen gegen null. Umgekehrt können sich die Organisatoren der Veranstaltungen am 1. Mai nicht über mangelnde Teilnehmer oder Aufmerksamkeit beklagen. Doch die Proteste haben weitgehend an Inhalten verloren. "Ich möchte ein Gummibärchen sein"-Plakate zeugen davon. Beides liegt nicht an einer allgemein grassierenden Demomüdigkeit: So gingen im vergangenen Herbst Zehntausende gegen Atomkraft und Überwachung auf die Straße.
Die Organisatoren des Ostermarschs scheinen dem schwindenden Interesse mit einer - positiv ausgedrückt - thematischen Öffnung zu begegnen. Man ist nicht nur gegen Krieg, Atomwaffen und Rüstungsexporte, sondern auch gegen Sozialabbau, Antiislamismus und Überwachung. Spätestens da keimt die Vermutung auf, dass die Demo mittlerweile mehr Selbstzweck ist als alles andere.
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