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Kommentar von Kaija Kutter zum AbiturAlte Gräben zuzuschütten ist sinnvoll

Das hatten wir doch alles schon. Fast ein Jahr redeten sich Bildungspolitiker, Eltern, Lehrer, Schüler und Journalisten über die Frage des Turbo-Abiturs die Köpfe heiß, als 2014 die Vorstadtmutter Mareile Kirsch mit ihrer Volksinitiative „G9 HH Jetzt“ auf die Barrikaden ging.

Gesiegt hat damals ein Kompromiss der Vernunft. Mancher stimmte auch zähneknirschend für die Beibehaltung des Turbo-Abis am Gymnasium, damit der Stadtteilschule das Alleinstellungsmerkmal erhalten bleibt.

Doch das Zwei-Säulen-Modell (siehe Kasten), das mit diesem „Schulfrieden“ zementiert wird, hat auch eine hässliche Seite: Die frühe Aufteilung der Schüler nach Klasse 4 und die sogenannte Abschulung von knapp 1.000 von Sechstklässlern pro Jahr vom Gymnasium.

Und längst nicht alle Eltern sind glücklich mit den Verhältnissen, da hat Hamburgs CDU-Chef Roland Heintze recht. Erstaunlich viele melden ihre Kinder am Gymnasium an und bemerken zu spät, welche Nachteile diese Entscheidung hat. Wo ein Leidensdruck besteht, lohnt es, nach Lösungen zu suchen.

Warum nicht die alten Gräben zuschütten und das ganze Paket noch mal aufschnüren? Warum soll nicht das ein oder andere Gymnasium das längere Abitur anbieten? Dann müssten sie eben im Gegenzug auch selbstverständlich Inklusionskinder aufnehmen und bräuchten in der 5. und 6. Klasse nicht so einen wahnsinnigen Turbo-Lernstress veranstalten.

Ein Effekt des Zwei-Säulen-Modells ist auch, dass Dank der Stadtteilschulen heute mehr Schüler denn je Abitur oder Fachabitur erreichen. Die schlichte Existenz von Oberstufen an einem Schulort scheint Wirkung zu zeigen, weil die Jüngeren ein Vorbild vor Augen haben. Die von konservativen Kreisen immer wieder aufgebrachte Befürchtung einer Entwertung dieses Abschlusses ist angesichts internationaler Vergleiche albern. In anderen Ländern ist die Abi-Quote noch viel höher. Und auch duale Ausbildungen sind anspruchsvoll.

Die inzwischen in Hamburg an Stadtteilschulen neu gegründeten Oberstufen sind ein wertvolles Pfund. Zu überlegen ist, ob sie nicht auch existieren würden, wenn das ein oder andere Gymnasium die Lernzeit verlängert. Eine Rückkehr zum G9 müsste deshalb an Bedingungen geknüpft werden wie eine zehn- oder 15-jährige Bestandsgarantie aller Oberstufen.

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