Kommentar rechte Tendenzen in der Bundeswehr: Vorwärts in die Vergangenheit
Die Toleranzgrenze scheint bei rechten Auffälligkeiten in der Kaserne und im Einsatz hoch zu sein. Unter Neonazis ist die Bundeswehr aus mehreren Gründen durchaus beliebt.
D ie Führung der Bundeswehr ist in der rechten Szene nicht sehr angesehen. Den Einsatz in Afghanistan sehen NPD und Freie Kameradschaften wie auch die rechtskonservative "Junge Freiheit" nicht im Einklang mit deutschen Interessen.
Dennoch schickt es sich in der Szene, den Wehrdienst abzuleisten. Das Konzept des "Bürgers in Uniform" wird zwar unisono abgelehnt, moderatere Akteure betonen jedoch, man könne immerhin Führung, Disziplin und Ordnung lernen. Die radikaleren Herren empfehlen indes aus einem anderen Grund, zu dienen: Könne doch beim Bund ganz legal der Umgang mit Waffen und Sprengstoff gelernt werden. Der Habitus hyperventilierender Männlichkeit der Spezialeinheiten dürfte die rechten Kameraden zudem besonders anziehen.
Anlässlich des aktuellen Falls des Elitesoldaten Julien L. erklärt das Verteidigungsministerium, "solche Hinweise sehr ernst zu nehmen, und auch entschieden dagegen vorzugehen". Eine Reaktion als Ritual: In den vergangenen Jahren machten immer wieder hohe Offiziere wegen rechtslastiger Äußerungen, einfache Soldaten wegen rassistischen Gebarens Schlagzeilen. Erst wenn die Medien berichten, wird gehandelt. Die Toleranzgrenze scheint bei rechten Auffälligkeiten in der Kaserne und im Einsatz hoch zu sein. Das Abspielen von Rechtsrock etwa soll nicht immer gleich disziplinarische Folgen haben.
Die Vorfälle in der Bundeswehr sind aber auch Ausdruck einer Suche: einer Suche nach Traditionen für die Einheiten, der Identität für den einzelnen Soldaten. Mit veränderten Anforderungen, der Möglichkeit, im Einsatz zu sterben, dürfte eben auch eine Verschiebung der Mentalität einhergehen. Es entsteht ein Vakuum, in dem extrem rechte Traditionen wieder hoffähig werden.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert