Kommentar Wohnhausbrand: Sporadisch eskalierendes Misstrauen

Die Brandtragödie von Ludwigshafen ist zum Politikum geworden. Türkische Medien spekulieren bereits über einen fremdenfeindlichen Hintergrund, doch die Ursache ist noch unklar.

Der dramatische Wohnhausbrand von Ludwigshafen, der neun Tote und 60 Verletzte gefordert hat, beschäftigte nicht nur die deutschen Medien. Das Foto von dem Kleinkind, das aus einem Fenster hinab über mehrere Stockwerke einem Feuerwehrmann in die Arme geworfen wurde, prangte auch bei vielen türkischen Zeitungen auf der ersten Seite. Manche, vor allem die Hürriyet, brachten zudem einen finsteren Verdacht ins Spiel: Weil es sich bei den Opfern ausschließlich um türkische Familien handelte, fühlten sie sich an den rassistisch motivierten Brandanschlag von Solingen erinnert, dem 1993 fünf Angehörige einer türkischen Familie zum Opfer fielen. Dies ließ sie auch jetzt einen fremdenfeindlichen Hintergrund vermuten.

Das wirkt recht überzogen, denn noch ist die Ursache des Brandes völlig unklar. Zwar lässt sich eine fremdenfeindliche Tat noch längst nicht ausschließen, wie SPD-Chef Kurt Beck das nahegelegt hat. Ein kleines Mädchen will schließlich gesehen haben, wie ein deutsch sprechender Mann das Feuer gelegt habe. Doch mehr weiß man eben nicht.

Dass sich türkische Medien trotzdem bereits in wildesten Spekulationen ergehen, ist symptomatisch für das angespannte Verhältnis zwischen Deutschen und Türken, das von sporadisch eskalierendem Misstrauen geprägt ist. Während auf deutscher Seite von manchen Meinungsmachern so unterschiedliche Dinge wie Moscheebauten oder dramatische Fälle von Jugendgewalt gleichermaßen als Zeichen türkischer Landnahme gewertet werden, stehen dem auf türkischer Seite all jene gegenüber, die alles - von der Verschärfung des Zuwanderungsgesetzes über Kochs Wahlkampf bis hin zu ungeklärten Wohnungsbränden - stets als Ausdruck des deutschen Rassismus deuten wollen.

So ist der Fall nun zu einem Politikum geworden. Die türkische Regierung hat eigene Ermittler nach Deutschland entsandt, um den Brand zu untersuchen, und Ministerpräsident Erdogan will auf seiner geplanten Deutschlandreise nun einen Abstecher nach Ludwigshafen machen. Die Aufregung ähnelt ein wenig jener wie beim "Fall Marco" - nur unter umgekehrten Vorzeichen. DANIEL BAX

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Daniel Bax ist Autor und Journalist und schreibt zu Themen wie Migration, Integration und Religion, über Rassismus und Antisemitismus, Popkultur und globale Musik. 2015 erschien sein Buch “Angst ums Abendland” über antimuslimischen Rassismus. 2018 veröffentlichte er das Buch “Die Volksverführer. Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind.” Er war von 1998 bis 2017 Redakteur bei der taz: im Kulturteil, im Ressort "Meinung und Debatte" und im Inlandsressort. Heute leitet er die Stabsstelle Kommunikation und Wissenstransfer am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Er lebt in Berlin.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben