piwik no script img

Kommentar Wahrheitskommission Brasilien Dilmas Doppelschlag

Gerhard Dilger

Kommentar von

Gerhard Dilger

Die Wahrheitskommission hat beschränkte Vollmachten. Aber das Informationsgesetz ist ein starkes Zeichen gegen Vetternwirtschaft und Korruption.

E s ist der bisher größte Erfolg für Brasiliens Präsidentin: Mit der Wahrheitskommission sorgt sie für Bewegung in der Menschenrechtsfrage, und das Gesetz über den Zugang zu öffentlichen Informationen dürfte korrupten Politikern das Leben schwerer machen. Damit hat sich Dilma Rousseff gleich auf zwei Gebieten deutlich von ihrem Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva abgesetzt. Ohne Rücksicht auf linke Überzeugungen hatte sich der gewiefte Machtmensch Lula acht Jahre lang weder mit den Militärs noch mit der korrupten Rechten angelegt, soweit er sie zum Regieren brauchte.

Auch Rousseff weiß um die Kräfteverhältnisse in Brasilien und geht deshalb sehr behutsam vor. Im Kongress war der Konsens für die beiden Gesetze nur zustande gekommen, weil die Wahrheitskommission mit beschränkten Vollmachten agieren wird. Ein Ende der Straflosigkeit ist nicht in Sicht, die Schergen der Diktatur werden in Freiheit sterben. In Sachen Diktaturaufarbeitung kann sich Brasilien also nicht mit Argentinien, Uruguay oder Chile messen. Dennoch: Bei der Besetzung und Ausstattung der Wahrheitskommission könnte Rousseff ihre Freiräume nutzen, um ein substanzielles Ergebnis zu gewährleisten.

Es sind vor allem pädagogische Gesetze mit Langzeitwirkung, für eine Kultur der Menschenrechte und gegen die Geschichtslosigkeit: Bis heute lagern wichtige Dokumente über den Krieg gegen Paraguay (1864-1870), durch den der ehemals blühende Binnenstaat verkrüppelt wurde, in Geheimarchiven. Damit ist es nun vorbei, auch sensible Dokumente müssen künftig spätestens nach 50 Jahren zugänglich gemacht werden.

Gerhard Dilger

ist Latein-Amerika-Korrespondent der taz.

Größtmögliche Transparenz ist zudem eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Bürgerteilhabe keine leere Phrase bleibt. Damit ist das Informationsgesetz auch ein starkes Zeichen gegen Vetternwirtschaft und Korruption, die seit der Kolonialära die politische Kultur des Landes prägen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Gerhard Dilger

Gerhard Dilger

Gerhard Dilger schreibt seit 1996 für die taz. 2008 war er Mitbegründer des latin@rama-Kollektivs, bis 2012 Südamerikakorrespondent der taz in Porto Alegre, anschließend Büroleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in São Paulo und Buenos Aires. Seit einigen Jahren wieder freier Journalist, u. a. für Le Monde diplomatique, Evangelischer Pressedienst, Freitag, nd, Wochenzeitung und Südwind.
Mehr zum Thema

0 Kommentare