Kommentar Super Tuesday: Offen für gesunden Menschenverstand
McCain hat sich bei den Republikanern schon durchgesetzt, Clinton führt bei den Demokraten, aber Obama bleiben gute Chancen. Fest steht: Die USA suchen Veränderung - ohne vergiftende Polarisierung.
D er einzige eindeutige Wahlsieger des Super-Dienstag heißt John McCain. Dem 71jährigen Senator aus Arizona ist es tatsächlich gelungen, seine Favoritenstellung weiter auszubauen. Noch sprechen beide Konkurrenten, Mike Huckabee und Mitt Romney, davon, sie seien eindrucksvoll bestätigt worden - doch das ist Unsinn. Sie sind chancenlos abgeschlagen. Der republikanische Kandidat 2008 wird John McCain heißen.
BERND PICKERT (42) ist seit 14 Jahren Auslandsredakteur der taz und Experte für die USA. Er bloggt unter taz.de/blogs/us-wahl-2008. http://taz.de/blogs/us-wahl-2008/
Anders ist es auf der Seite der Demokraten: Hillary Clinton führt zwar die Delegiertenstimmen an, aber sowohl sie als auch Barack Obama haben gezeigt, dass sie beide einen soliden Zugriff auf bestimmte Wählergruppen haben. Clinton mobilisiert die Armen, die Alten, die weißen Frauen und die Latinos. Für Obama stimmen die Schwarzen, die Mittelklasse, die Wohlhabenderen und die Jungen. Die Trennlinien sind so scharf, dass sich die Wahlkampfslogans beider Teams, es ginge bei dieser Vorwahl "weder um Geschlecht noch um Hautfarbe", als realitätsfernes Gerede entpuppen.
Aber: Beide haben es nicht geschafft, einen unumkehrbaren Trend der Wahlergebnisse, eine Welle auszulösen. Und das heißt: Niemand von ihnen hätte irgendeinen Grund, zum jetzigen Zeitpunkt aus dem Rennen auszuscheiden. Der Wahlkampf geht weiter.
Hillary Clintons seit Jahren aufgebauter Wahlkampfmaschine fehlt es weder an Helfern noch an Geld - aber an Authentizität. Barack Obama hat dagegen einen Wahlkampf in Gang gesetzt, der eher einer politischen Bewegung gleicht - und die schafft auf ihrem Weg eigene Mythen. In diesem Stadium kennt so eine Bewegung keine Umkehr, sie kann nur breiter werden. Obamas Slogan "Yes we can" hat sich auch am Super Tuesday bestätigt. Von unten und aus der klaren Außenseiterrolle hat Barack Obama sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der einst klarsten Favoritin aller Zeiten erobert. Je länger der Wahlkampf dauert, desto größer seine Chancen.
Dieses Wahlkampfjahr wird den USA mehr politische Debatten bescheren, als je zuvor in der Zeit unter Präsident George W. Bush. Die gute Nachricht dabei: Weder der voraussichtliche republikanische Kandidat John McCain noch Hillary Clinton noch Barack Obama vertreten auch nur im Ansatz eine so polarisierende Linie, wie sie Bush stets benutzt hat, um seine Wahlkämpfe zu gewinnen. Der konservative Flügel der Republikaner, unter Bush richtungsbestimmend, streitet sich zwar zwischen Huckabee und Romney, spielt aber diesmal einfach keine große Rolle. Endlich können Konflikte wieder ohne Tabus ausgetragen werden - endlich kehren Vernunft und gesunder Menschenverstand zurück in die Debatte mit den Vereinigten Staaten.
Das war längst überfällig.
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