piwik no script img

Kommentar Residenzpflicht Freiheit als milde Gabe

Kommentar von

Daniel Wiese

Auch die niedersächsischen Politik erkennt endlich an, dass Flüchtlinge mehr sind als eine zu verteilende Menschenmasse. Ihnen werden aber immer noch keine Grundrechte zugestanden.

Z ähneknirschend hat die niedersächsische Beton-CDU nachgegeben: Asylbewerber dürfen bald den Einzugsbereich ihrer Ausländerbehörde verlassen, ohne um Erlaubnis zu fragen - so lange sie die niedersächsischen Landesgrenzen nicht überschreiten.

Für die Ausländerbehörden bedeutet das, dass ihre nächtlichen Abschiebekommandos vor verschlossenen Türen stehen könnten. Andererseits müssen sie sich nicht mehr so mit den Reiseanträgen herumärgern. Und wenn sie wollen, können sie die Bewegungsfreiheit doch wieder einschränken - zumindest ist das in anderen Bundesländern so, wo die Residenzpflicht bereits gelockert wurde.

Dennoch ist der Schritt der Landesregierung von symbolischer Bedeutung. Denn er erkennt implizit an, dass die Menschenmasse Flüchtling, die es bisher lediglich zu "verteilen" galt, mit Bedürfnissen ausgestattet ist, die mit Essensmarken nicht gestillt werden können. Das Lager, idealer Ort deutscher Flüchtlingspolitik, lässt sich nicht ewig perpetuieren. Seine Insassen wollen wohin.

Es ist davon auszugehen, dass die FDP Druck auf ihren Koalitionspartner CDU ausgeübt hat, auch wenn Innenminister Schünemann das bestreitet. Der Kabinettsbeschluss bedeutet allerdings noch lange nicht, dass Grundrechte nun auch für Asylbewerber gelten würden. Freizügigkeit ist für sie eine Gnade, kein Recht. Schließlich sind sie ja keine Deutschen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Daniel Wiese Hamburg-Redakteur

Mehr zum Thema

0 Kommentare