Kommentar Madagaskar

Ferne Insel als politisches Lehrstück

Die Weltwirtschaftskrise hat auch Ravalomananas Visionen zerbröseln lassen. Die internationale Gemeinschaft muss jetzt aktiv werden, um eine friedliche Entwicklung zu ermöglichen.

Der Inselstaat Madagaskar ist ein Kosmos für sich - mit einer höchst komplexen politischen Gemengelage, die sich von außen betrachtet nur schwer erschließt. Seit rund drei Monaten versucht dort der gewählte Bürgermeister der Hauptstadt, Andry Rajoelina, den gewählten Staatspräsidenten Marc Ravalomanana zu stürzen. Hunderte von Menschen sind dabei bereits ums Leben gekommen, das Militär hat sich gespalten, ein Putsch droht.

Viele Beobachter verdächtigen den ehemaligen sozialistischen Militärdiktator Didier Ratsiraka, aus dem französischen Exil heraus die Strippen zu ziehen, um ein Comeback zu orchestrieren. Aber noch haben die Unruhen und die Gewalt nicht das Ausmaß erreicht, das die Welt aufrütteln würde.

Dabei ist Madagaskar ein Lehrstück darüber, wie Demokratisierung und Modernisierung scheitern können. In den Jahren 2001 und 2002 stand das Land schon einmal am Rand des Bürgerkriegs. Damals wollte der Diktator Ratsiraka seine Wahlniederlage gegen den Bürgermeister der Hauptstadt Ravalomanana nicht anerkennen. Der war ein erfolgreicher Unternehmer und setzte sich schließlich nach einem halben Jahr per Volksaufstand durch.

Gesiegt hatte damit auch die moderne, globalisierte Mittelklasse Madagaskars gegen ein abgewirtschaftetes Militärregime. Als Präsident öffnete Ravalomanana das Land mit seinen immensen Bodenschätzen und brachliegenden Ländereien für ausländische Investoren. Aber der erhoffte Investitionssegen sah für das Volk eher wie ein Ausverkauf aus. Jüngstes Beispiel: die Verpachtung einer riesigen Agrarfläche an Südkoreas Daewoo-Konzern.

Nun hat die Weltwirtschaftskrise auch Ravalomananas Visionen zerbröseln lassen. Wieder ist ein Bürgermeister der Hauptstadt angetreten, um Madagaskars Präsidenten per Volksaufstand zu stürzen. Kurzfristig müsste die internationale Gemeinschaft aktiv werden, um einen Ausgleich herbeizuführen. Langfristig sollte sie über die politischen Konsequenzen nachdenken, die eine ökonomische Öffnung für fragile Staaten bedeutet.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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